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Donnerstag, 18.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Bert Brecht – mausetot

Streckenweise peinlich: die Eröffnung des Brechtfestivals

Von Frank Heindl

Feierlich, sehr feierlich wurde am Freitagabend das Brechtfestival 2010 eröffnet. Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch war da, Oberbürgermeister Kurt Gribl, die Festivalleitung, Vertreter der Medien, des Theaters, des Stadtrates, der Bürgerschaft. Brecht wäre stolz gewesen. Aber ob es ihm gefallen hätte?



Es ging los, wie so ein Festival wohl losgehen muss. Der Staatsminister lobte, Augsburg sei heute die Brecht-Stadt, sie zeige „beispielhaft, wie wir mit unserem literarischen Erbe in Bayern umgehen müssen.“ OB Gribl präsentierte anschließend die Bilanz der Eingemeindung Brechts über die Jahrzehnte hinweg, angefangen vom ersten Brechtabend am Theater in der Spielzeit 1947/48 über die Benennung einer Straße nach dem Dichter, den Kauf des Geburtshauses, den Brechtpreis, gipfelnd in der Feststellung, heute sei Augsburg stolz auf Brecht „und nutzt ihn als Standortvorteil.“

Um den Standortvorteil Brecht gehörig auszuspielen, hatte man den Abend dann auch gleich recht medienaffin aufgezogen: Durch die Eröffnung führte Anja Marks-Schilffarth im Stile einer schlechten Fernsehshow. Was man sich in der ersten Hälfte der Veranstaltung an dummen Banalitäten anhören musste, konnte ein inhaltlich dichterer zweiter Teil entschieden nicht mehr wettmachen. „Unheimlich viel Kreativität“ habe man fürs Festival freigesetzt, freute sich Schilffarth, „unheimlich viel Manpower“ setze man ein, und, glücklicherweise: „unheimlich viel Abwechslung“ sei in den kommenden zwei Wochen geboten. Der OB attestierte dankbar, es gebe „wahnsinnig viele“ Veranstaltungen, die er sich gerne anschauen würde – hätte er denn die Zeit. Ob so ein Brechtfestival eventuell auch ein künstlerisches Wagnis sein könnte, mochte man sich fragen – und erhielt auch darauf eine schlüssige OB-Antwort: „Das war ein Wagnis, die Brechtgala zweimal zu machen“. Ein Wagnis, das sich gelohnt hat: Die zweifache Brechtgala ist zweifach ausverkauft, der Standortvorteil voll genutzt. Brecht haut rein, echt geil!

Alles „unheimlich“, alles „wahnsinnig“

Das war die blanke Oberfläche mit absolut überhaupt gar nichts darunter – und manches gut Gemeinte musste in der Folge darunter leiden. Der Sängerin Annett Louisan hätte man unter anderen Umständen womöglich wohlwollender zugehört. Nun nervte die Kleinmädchenstimme (sie kann auch anders!) und auf die Frage, was ihr die erste Beschäftigung mit Brecht gebracht habe, musste sie sich wohl dem geforderten Niveau anpassen: Brecht habe sie „sehr inspiriert“, das habe ihr „unheimlich Spaß gemacht“. Unheimlich und wahnsinnig – das schienen die Stichworte des Abends zu werden. Vielleicht eine Reaktion darauf, dass das vor dem Rathaus ertönende Megaphon demonstrierender Studenten die Befürchtung aufkommen ließ, die wahren Verhältnisse da draußen könnten wahnsinnig unvermittelt über die Festtagsgesellschaft hereinbrechen. Brecht hätte seine Freude an der surrealen Situation gehabt – aber er war nicht da, dürfte selten so mausetot gewesen sein wie in diesen Minuten.

Altherrenwitze und Klischees

Nun war Regine Lutz dran. Die 82jährige, als junges Mädchen in Zürich von Brecht engagiert, hatte ein paar Anekdoten zu berichten, deren Quintessenz war, dass Brecht unordentlich gekleidet und kein attraktiver Mann gewesen sei. Auch ihr hätte man das unter anderen Umständen gerne nachgesehen – aber so, wie die Dinge lagen, wurde es zu viel. Dass Brecht ihr „Meister wurde“, dass sie heute sagt, alles was sie getan habe, tue, lese, basiere auf dem, was Brecht ihr beigebracht habe, ging schnell unter, als die Moderatorin nun den Festivalleiter Joachim Lang nach vorne rief, „zu uns zwei Damen – das hätte dem Brecht sicher auch gefallen.“ Altherrenwitze und Klischees auf „DSDS“-Niveau – man wollte sich in Grund und Boden schämen. Bertolt Brecht war ein hässlicher Mann in langen weißen Unterhosen, der den Weibern an die Röcke ging, sich aber heute trotzdem als Standortvorteil vermarkten lässt. Tätä, tätä, tätä! Nun war dem Brecht alles ausgetrieben, was den Brecht ausmacht: Von Politik und Gesellschaftskritik keine Rede, von großer Dichtung nur in affirmativen, aber inhaltsleeren Phrasen – aber ein guter Augsburger. Man muss kein Brechtverehrer sein, um das entsetzlich zu finden, kein Kommunist, um derart staatstragende Vereinnahmung mit heftigstem Widerwillen zur Kenntnis zu nehmen.

Wegzappen ging nicht, und so hatte Joachim Lang die Chance, zu retten, was kaum mehr zu retten war: Er gab Ausblicke auf ein Programm, das Hoffnungen weckte; das Unbequeme, das Widersprüchliche an Brecht wolle er zeigen, mit dem diesjährigen Festival könne sogar „eine neue Zeitrechnung in der Brechtrezeption anbrechen.“ Man darf noch gespannt sein – kann sich aber nach diesem Intro einer gewissen Skepsis nicht erwehren. Vielleicht war’s kein Zufall, dass die „Ballade von der Unzulänglichkeit des menschlichen Planens“ ebenso erklang wie das Gedicht „An die Nachgeborenen“, das da endet mit den Worten „Gedenkt unsrer mit Nachsicht.“

» www.brechtfestival.de

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