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Montag, 02.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Kultur

Augsburger Brechtwoche: „Schwer zu Machendes“ im Geburtshaus

„Das Einfache, das schwer zu machen ist“ – dieses berühmte Zitat Brechts aus dessen Theaterstück Die Mutter erklärte Kulturreferent Jürgen Enninger in seiner Eröffnungsrede zum Motto der Augsburger Brechtwoche, die vom 5. bis 10. Juli stattfand.

Von Jürgen Hillesheim

Dr. Tanja Kinkel und Kulturreferent Jürgen Enninger bei der Eröffnungsveranstaltung — Foto: privat

Sie war ein „Kind“ der Pandemie und wurde, in Zusammenarbeit mit der Staats- und Stadtbibliothek und der Regio, konzipiert von der Brecht-Forschungsstätte Augsburg im Frühjahr 2020. Nach der ersten Corona-Welle sollte die Wissenschaft nicht in einen Dornröschenschlaf verfallen und sich allein auf die Arbeit am Schreibtisch beschränken. Zwei Vorgaben waren klar formuliert: In dieser finanziell angespannten und schwer planbaren Zeit sollte die Veranstaltungsreihe leicht kalkulierbar bleiben, also nicht eigens finanzielle Mittel beantragt werden und dennoch prominent besetzt sein. Das schien geklappt zu haben. Doch als die Brechtwoche dann näher rückte und Ende Oktober 2020 stattfinden sollte, fiel sie der zweiten Coronawelle zum Opfer.

Alle Beteiligten waren sich schnell einig, die Veranstaltung retten, also verschieben und einen zweiten Anlauf wagen zu wollen. Die Stadt Augsburg, so Kulturreferent Enninger, war sofort bereit, die finanziellen Mittel für die Brechtwoche auf das Haushaltsjahr 2021 zu übertragen, um Planungssicherheit zu schaffen. Tatsächlich konnte die Veranstaltung jetzt, vom 5. bis 10. Juli, im Geburtshaus des Dichters stattfinden – zu einer Zeit, in der die Corona-Lockerungen gerade deutlicher wahrnehmbar wurden. Viele der Beteiligten erklärten, es sei nach Monaten wieder ihre erste „richtige“ Veranstaltung – nicht virtuell, nicht per Videoschaltung, sondern real.

Und tatsächlich kamen alle der eingeladenen prominenten Gäste:  Prof. Dr. Helmuth Kiesel von der Universität Heidelberg, einer der bekanntesten deutschen Literaturwissenschaftler überhaupt und weltweit ausgewiesener Kenner der Literatur der Weimarer Republik, Dr. Tanja Kinkel, Bestsellerautorin, Germanistin und Präsidentin der Internationalen Feuchtwanger-Gesellschaft, Dr. Uwe Wittstock, einer der profiliertesten deutschen Literaturkritiker und Autor zahlreicher Bücher, und Prof. Dr. Henning Zeidler, angesehener Rheumatologe von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Die corona-bedingt wenigen Plätze, die bei den Abenden zur Verfügung standen, waren schnell ausgebucht, es gab umfangreiche Wartelisten.

Dokument einer Verleumdung im Jahre 1926 – Foto: Jürgen Hillesheim

Mein Vortrag am Eröffnungstag widmete sich der rechten „Lügenpresse“ der Weimarer Republik. Brechts Weihnachtsgedicht Maria nämlich wurde in Verbindung gebracht mit einem Ermittlungsverfahren wegen Blasphemie, das es gegen Brecht gar nicht gab. Die Folge waren anonyme Verunglimpfungen Brechts und seines Vaters.

Helmuth Kiesel referierte über Brechts eher unbekanntes Glücksgott-Projekt: Ein geplanter Lyrik-Zyklus aus der Zeit des Exils, der in der Tradition der Baal-Figur stehen sollte. Das Werk blieb unvollendet, offensichtlich weil es, wie Kiesel deutlich machen konnte, Brecht „in finsteren Zeiten“ nicht gelang, die Genuss-Figur von einst und die gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart und seine Beschäftigung mit dem Kommunismus unter einen Hut zu bringen.

Brecht wurde bereits sehr früh selbst zu Literatur, in Form eines Portraits seines frühen Gönners und Förderers Lion Feuchtwanger in dessen Roman Erfolg. Darüber sprach Tanja Kinkel. Sie berichtete, wie aufgebracht der ansonsten in solchen Dingen eher unempfindliche Brecht über diese keineswegs wohlmeinende fiktive Darstellung seiner selbst war. Er wollte Feuchtwanger die Publikation sogar ernsthaft ausreden. Dies gelang ihm allerdings nicht. Viele später wurde Brecht zu einer Dramenfigur, in Christopher Hamptons Stück Geschichten aus Hollywood. Auch dieses Portrait trägt Züge von Ironie, doch auch eine Verehrung Brechts ist unverkennbar.

Uwe Wittstock war während seiner Zeit bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lange Jahre Mitarbeiter Marcel Reich-Ranickis. Er ist Autor der einzigen Biografie über den berühmten Literaturkritiker, der letztes Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Wittstock stellte sein Buch vor und referierte ausführlich über seine persönlichen Begegnungen mit Reich-Ranicki; auch über dessen Affinität zu Brecht, den er für eines der größten Genies der Literatur des 20. Jahrhunderts hielt.

Henning Zeidler ist ein international bekannter Rheumatologe, dessen Steckenpferd die Krankheitsgeschichte von Künstlern ist, über die er immer wieder publizierte. So kam er fast zwangsläufig zu Brecht. Diesem wurde von Biograf Stephen Parker attestiert, dass er an Rheumatischem Fieber gelitten habe. Zeidler hingegen machte auf der Basis der modernen medizinischen Diagnostik und den überlieferten Dokumenten zu Brechts Krankheitssymptomen deutlich, dass dies äußerst zweifelhaft sei.

Am letzten Abend sprach abermals Uwe Wittstock, über den Boxsport und das Phänomen, dass dieser, obwohl nicht ohne Grund als eine der barbarischsten Sportarten verschrieen, zahllose Künstler faszinierte. So auch Brecht, den Wittstock geradezu als einen Fachmann für das Boxen auswies. Sehr kurzweilig analysierte er Textbeispiele und interpretierte ein Gedicht Brechts. An diesem Abend zugegen war abermals Tanja Kinkel, der zwei Tage zuvor der Bayerische Verdienstorden verliehen wurde.

Fake-News sind keine Erfindung von Facebook und Co. Foto: Jürgen Hillesheim

Die Vorträge wurden flankiert durch ein Ausstellungsmodul. An jedem Abend präsentierte Dr. Karl-Georg Pfändtner, der Leiter der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, ein jeweils zum Thema passendes Originalstück der Augsburger Brechtsammlung, der zweitgrößten der Welt. Ganz ungewöhnlich: nicht in einer Vitrine ausgestellt, sondern offen auf einem Tisch liegend; beinahe zum Anfassen.

Am 6. Juni 1926 erschien in der München-Augsburger Abendzeitung, die damals zur rechtskonservativen „Hugenberg-Presse“, gehörte, ein Hetzartikel. Er unterstellte, dass es gegen Brecht ein Verfahren wegen Blasphemie gegeben habe, das eingestellt wurde.

Diesen Zeitungsartikel nahmen offenbar Mitarbeiter der Haindlschen Papierfabriken, deren Kaufmännischer Direktor Brechts Vater war, zum Anlass, einen anonymen Brief an die Geschäftsleitung zu schreiben. Es handelt sich um die schlimmsten Verunglimpfungen Brechts und seines Vaters, die bis heute dokumentiert sind.

 

 


Foto: DAZ

 

 

Prof. Dr. Jürgen Hillesheim leitet seit 1991 die Brecht-Forschungsstätte Augsburg, ist Autor bzw. Herausgeber von mehr als 30 Büchern und weit über 100 Beiträgen zu Themen der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft, überdies Herausgeber bzw. Mitherausgeber von acht nationalen und internationalen Buchreihen, Jahrbüchern und Zeitschriften, freier Autor u.a. der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

 

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