Augsburg nimmt Abschied von Fikret Yakaboylu
Es ist schwer, im Juni zu sterben, sagt der Dichter Hasan Hüseyin Korkmazgil in seinem berühmten Gedicht Haziranda Ölmek Zor. Er schrieb es 1976 im Andenken an Nâzım Hikmet; später wurde es durch Grup Yorum zu einem unvergessenen Lied. Fikret Yakaboylu liebte dieses Lied, und er stimmte es immer wieder an, wenn es erklang. Es ist noch schwerer, einen Menschen zu begraben, wenn draußen der Sommer beginnt, das Licht über der Stadt liegt und alles nach Leben aussieht.
Von Sait İçboyun
Am 2. Juni 2026, an einem dieser frühen, hellen Morgen, an denen Augsburg fast zu offen wirkt für den Tod, trat die Stadt in die Moritzkirche ein wie in ein Schiff: nicht alle fanden Platz, viele standen links und rechts, in den Gängen, an den Wänden, dicht an dicht, still, wartend, atmend. Schon dieser Anblick sagte mehr als jedes Protokoll. Dies war kein gewöhnlicher Abschied. Dies war eine Versammlung der Zuneigung.
Vielleicht beginnt man am besten bei den Geräuschen. Beim Saz-Spiel am Anfang, das nicht einfach in den Raum fiel, sondern ihn öffnete. Bei Husten, Schritten, dem leisen Schließen von Gesangbüchern. Bei diesen kleinen, unbedeutend wirkenden Alltagslauten, die in einer Trauerfeier plötzlich zu einer zweiten Partitur werden. Die Kirche sprach nicht nur durch Gebete und Lesungen. Sie sprach auch durch das, was zwischen den Worten lag: durch das Räuspern eines Körpers, durch das Gewicht eines Atemzugs, durch das Zittern der Anwesenheit.
Fikret Yakaboylu war am 22. Mai 2026 nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. Doch an diesem Vormittag war sein Tod nicht bloß Abwesenheit. Er war Verdichtung. Menschen aus Kultur, Politik, Religion, Nachbarschaft, Familie, aus ganz unterschiedlichen Milieus der Stadt kamen zusammen, als hätten sie sich auf denselben Weg verabredet. Konservative, Grüne, Linke, Gläubige, Nichtgläubige — wenn man die Stadt in Farben brechen will, obwohl Fikret das nie wollte. Er war da für alle Gesichter dieser Welt. Sie waren gekommen an einem Arbeitstag, mitten in der Woche, zu einer Zeit, in der viele eigentlich hätten arbeiten müssen. Einige schrieben später in den sozialen Medien, sie hätten nicht kommen können, weil Arbeit, Entfernung, Urlaub oder Krankheit sie ferngehalten hätten. Und doch waren auch sie anwesend: in Gedanken, in Erinnerung, im Echo dessen, was dieser Mann in Augsburg hinterlassen hat.
Fikret Yakaboylu war ein Friedenstifter, ein Brückenbauer, einer, der Menschen mit seiner Offenheit, seiner Hilfe, seinem Theater, seinem Witz, seiner Menschlichkeit berührte. Tränen flossen. Räuspern, Schluchzen. Viele von ihnen hätten einander ohne Fikret nie kennengelernt. Genau darin lag sein Leben: Er brachte Menschen zusammen, die sonst nebeneinander her gelebt hätten. Er war Brückenbauer, Gastgeber, Theatermensch, Kulturarbeiter, politischer Mensch. Mitglied der Linken, gewiss. Aber seine eigentliche Partei war die Menschlichkeit.
Die Feier in St. Moritz war würdevoll und klar. Sie wurde geleitet von Dekan Helmut Haug, Pfarrer Gabriel Bucher und dem ständigen Diakon Christian Wild. Und gerade weil sie ohne Pathos auskam, gewann sie Tiefe. Nichts war aufgesetzt, nichts gefällig. Es war eine Liturgie, die nicht über das Leben hinwegredete, sondern ihm Raum gab. Man spürte: Diese Männer kannten den Verstorbenen nicht nur aus Akten oder zufälligen Begegnungen, sondern aus Nähe, aus Gesprächen, aus gemeinsamer Zeit. Und diese Nähe hörte man.
Schon der Eintritt der Saz, gespielt von Hüseyin Cömert, machte deutlich, dass hier nicht nur eine katholische Trauerfeier stattfand, sondern ein Abschied, der über Konfessionen hinausging. Das anatolische Instrument brachte nicht Folklore in den Raum, sondern Herkunft, Erinnerung, Temperatur. Es war, als würde sich mit dem ersten Ton ein zweites Gedächtnis öffnen. Dann kamen die Gebete, die Lesung, die Musik, die Fürbitten, das Evangelium, die Predigt — und alles fügte sich zu einer Feier, die christlich war und zugleich weit über den engeren Rahmen hinauswies.
Das begann mit dem Hohelied der Liebe aus dem ersten Korintherbrief. Die Liebe hört niemals auf. Dieser Satz, oft auf Hochzeiten gesprochen, bekam an diesem Morgen eine andere Schwere. Er klang nicht nach Versprechen zwischen zwei Menschen, sondern nach Treue zu einer Welt, die immer wieder auseinanderzufallen droht. Bei Fikret war diese Liebe kein Gefühl im weichen Sinn, sondern Haltung. Er liebte nicht dekorativ. Er liebte handelnd. Er verstand Menschenliebe als Einspruch gegen Ausgrenzung, gegen Enge, gegen Gleichgültigkeit.
Pfarrer Gabriel Bucher erzählte in seiner Ansprache von einem Fikret, der zunächst kaum Deutsch sprach und sich anfangs mit Tanzen verständigte. Das ist eine dieser Erinnerungen, die zuerst beinahe zu schön klingen, um wahr zu sein, und gerade darum ihre Wahrheit entfalten. Fikret sprach mit Bewegung, bevor er mit Sprache sprechen konnte. Er machte aus der Sprachlosigkeit keinen Mangel, sondern eine Form der Annäherung. Wo andere Unsicherheit gesehen hätten, begann bei ihm Verbindung. Dieses Tanzen gegen die Sprachlosigkeit ist ein Bild für sein ganzes Leben: Er wich nicht zurück, sondern ging auf Menschen zu.
Auch seine Liebe zu Marita erzählt davon. Die beiden heirateten 1980 und führten lange Jahre eine Fernbeziehung. Briefe gingen hin und her, über Länder, über Entfernungen, über Zeiten hinweg. Heute, da alles schnell geworden ist, wirkt diese Form der Liebe fast aus der Zeit gefallen. Und gerade deshalb so stark. Briefe sind langsamer als Nachrichten, aber oft wahrer. Sie bleiben. Sie tragen. Sie warten nicht nur auf Antwort, sie bauen Beziehung aus Zeit. So war auch Fikrets Liebe: geduldig, ernst, verbindlich.
Mit ihm verliert Augsburg nicht nur einen Menschen, sondern eine bestimmte Art, Stadt zu denken. Als er 1984 zu jener Gruppe stieß, aus der später die Kresslesmühle hervorging, begann ein Kapitel kultureller Stadtgeschichte, das bis heute nachwirkt. Fikret verstand Kultur nie als Schmuck am Rand des Lebens. Für ihn war Kultur ein Mittel, um Einsamkeit zu durchbrechen und Fremdheit zu überwinden. Er brachte Musik, Theater, Gespräch und politische Haltung dorthin, wo Menschen sonst eher übersehen werden. Nicht das elitäre Publikum war sein Maßstab, sondern die offenen Türen.
Auch und gerade Fikrets christlicher Glaube gehört zu diesem Gedächtnis. Vor rund 25 Jahren ließ er sich taufen. Das war kein Bruch mit seiner Herkunft und kein Widerspruch zu seinem linken, politischen Denken. Es war die Fortsetzung einer Suche. Für ihn war der christliche Glaube kein Gegenentwurf zur Menschlichkeit, sondern ihre Vertiefung. Er suchte keinen exklusiven Heilsraum, sondern einen Ort, an dem Frieden, Würde und Verantwortung zusammengehören. Er war nie jemand, der seinen Glauben anderen aufdrängte. Aber er versteckte ihn auch nicht. Auf die Frage, warum er Christ geworden sei, antwortete er offen. Er wusste, dass man in manchen Kulturen nach der Religion fragt und in anderen eher nicht. Er machte aus seiner Antwort keine Pose, sondern eine Haltung.
In der Lesung aus dem Johannesevangelium hieß es: Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen … Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Für viele klang darin auch Fikrets eigene Geschichte an. Sein Christsein war nie Abgrenzung, sondern Öffnung. Nie Besitz, sondern Weg.
Pfarrer Gabriel Bucher brachte nicht nur die biografischen Daten vor, sondern auch die Wärme der persönlichen Gespräche, die er mit Fikret und seiner Familie geführt hatte. Das verlieh seiner Ansprache jene Dichte, die nur aus echter Begegnung entsteht. Besonders bewegend war, wie er von den Jugendgottesdiensten erzählte, die er sonntagabends um 21 Uhr in der Hochschulgemeinde veranstaltete — eine ungewöhnliche Zeit, die gerade deshalb etwas Suchendes hatte. Danach ging man oft noch ins Neruda, trank etwas, sprach weiter, ließ den Abend ausklingen. So kam man ins Gespräch, so wurde Nähe möglich, so wurde aus dem formellen Kontakt Freundschaft.
Der ständige Diakon Christian Wild beschrieb die Feier als sehr bewegend, gerade weil Menschen aus allen Milieus, aus allen Altersgruppen, aus verschiedenen Religionen und Weltanschauungen zusammenkamen. Er sagte sinngemäß, Fikret habe es verstanden, über religiöse Grenzen hinweg Menschen anzusprechen — nicht nur einzeln, sondern als Gemeinschaft. Genau darin liegt vielleicht der Kern: Fikret war gläubig, aber nie eng. Christ, aber nicht abgrenzend. Linker, aber nicht dogmatisch. Er lebte den Frieden, von dem er sprach. Und er lebte ihn nicht nur als Versöhnung, sondern als aktive, alltägliche Praxis. Auch deshalb war die Kirche an diesem Morgen voller Menschen, von denen vielleicht die Hälfte nicht christlich war. Und doch war das kein Widerspruch. Denn hier ging es nicht um konfessionelle Zugehörigkeit als Grenze, sondern um ein gemeinsames Maß: die Würde des Menschen. Fikret hatte seinen Glauben als Menschlichkeit gelebt. Das war sein eigentlicher Katechismus.
Besonders eindrucksvoll waren auch die musikalischen Beiträge. Da war nicht nur die Saz, die aus Anatolien herüberklang wie ein ferner, warmer Atem aus einer anderen Landschaft. Da waren auch portugiesische Gesänge, Straßenmusik-Elemente, eine intensive, dramatische Stimme, die den Raum nicht glättete, sondern aufriss. Ein Gitarrist übernahm den Gesang, ein anderer spielte ein Requiem. Diese Mischung aus liturgischer Strenge, urbaner Offenheit und musikalischer Fremdheit verlieh der Feier eine besondere, fast schwebende Spannung. Man spürte: Hier wurde nicht nur Fikret verabschiedet, hier wurde ein gelebtes Nebeneinander von Kulturen hörbar gemacht.
Das Halleluja, gesungen mit jener dramatischen, im Herzen schmerzerzeugenden Stimme, die den Raum nicht füllte, sondern aufbrach, war kein bloßes Zwischenstück. Es war ein Lob, das aus der Trauer kam und in die Trauer hineinsprach.
Dann sang die Gemeinde Von guten Mächten wunderbar geborgen. Dietrich Bonhoeffers Worte, im Widerstand geschrieben, legten sich wie ein stilles Versprechen über den Raum. Ein Mann, der 1988 aus politischer Not und Bedrohung seine Heimat verlassen musste, um in Deutschland Schutz zu finden, war an diesem Morgen in einer anderen Weise geborgen: im Andenken derer, die ihn begleitet hatten. Geborgen nicht in Sicherheit, sondern in der Gemeinschaft der Erinnerung, im warmen Gedächtnische der Stadt. Danach kamen weitere Lieder, Gebete, der Friedensgruß, der Pfingstpsalm Sende aus deinen Geist. Alles schien darauf zu zielen, dass dieser Abschied nicht im Dunkel endet, sondern im Vertrauen.
Nach der Feier setzte sich die Gemeinde in Bewegung. Der Trauerzug führte unter Polizeibegleitung durch Augsburg: Zeugplatz, Zeuggasse, Wallstraße, Konrad-Adenauer-Allee, über die Schienen, hinüber zur Schießgrabenstraße, an der Beethovenstraße entlang bis zur Hermannstraße und weiter zum katholischen Friedhof. Die Stadt ging mit. Es war, als werde Augsburg selbst zum Trauernden. Wer auf der Strecke stand, sah nicht nur einen Zug, sondern eine langsame, stille Aussage: Ein Mensch, der viele Menschen verbunden hat, wird von vielen Menschen getragen. Und viele fragten sich wohl, welcher Mensch so viele Liebende haben kann, dass ein langer Zug durch die Stadt von der Polizei eskortiert wird.
Am Hermannfriedhof war die Anteilnahme noch größer. Manche hatten die Kirche nicht mehr betreten können und warteten dort schon. Die Familie stand zusammen: die Frau, die Töchter, Verwandte, Weggefährten, Künstler, Freunde, hunderte Menschen. Als der Sarg aus der Aussegnungshalle gerollt und zu seiner letzten Bleibe gebracht wurde, war die Stimmung nicht leer. Sie war voll. Voll von Herkunft, Geschichte, Dankbarkeit, Schmerz und Zuneigung. Man sah ihn nicht mehr, sondern den Sarg, diesen letzten, unscheinbaren Träger eines Lebens, das so viele berührt hatte. Und als Mustafa Egeli das anatolische Trauerlied sang, trug die Musik den Raum über die Grenze des Sagbaren hinaus. Ein Lied von Abschied, Verlust und Weggehen, wie man es aus der anatolischen tradition kennt, wurde zu einer letzten Sprache für einen Mann, der selbst immer zwischen Sprachen, Kulturen und Welten stand.
Am Grab erklangen Yesterday, später Imagine und weitere Lieder. Das war keine zufällige Playlist, sondern eine feine poetische Ordnung. Yesterday spricht vom Verlorenen, von der Unwiederbringlichkeit. Imagine von der Möglichkeit einer anderen Welt. Dazwischen lag Fikrets Leben: melancholisch und hoffnungsvoll, ernst und heiter, politisch und zärtlich. Ein Leben, das nie nur eine Linie war, sondern ein Geflecht.

Foto: Sait İçboyun
Und dann das Neruda. Dorthin ging man nach der Beisetzung. Als hätte der Tag einen Kreis geschlagen und müsse nun an seinem Ursprung noch einmal sprechen. Dort saß man zusammen, trank, erinnerte sich, erzählte, schwieg. Das Neruda war an diesem Abend kein Lokal, sondern Gedächtnisraum. Es war der Ort, an dem deutlich wurde, dass Fikret nicht einfach fehlt, sondern weiterwirkt. In den Geschichten. In den Bildern. In den Liedern. In den Gesprächen. In der Art, wie Menschen einander dort begegnen.
Denn sein Lebenswerk war nicht nur das Café. Es war seine Familie, seine Frau, seine Töchter, seine Enkelin, die Kunst, die Schauspielerei, der Kültürverein, die Kültürtage, die Kresslesmühle, die vielen Brücken, die er gebaut hat. Er war ein Kulturmensch im tiefsten Sinn: einer, der den Schmerz dieser Welt nicht wegwischte, sondern in Bilder, Gespräche und Beziehungen verwandelte. Einer, der die Melancholie nicht scheute, weil er wusste, dass aus ihr Mitgefühl wachsen kann. Einer, der Frieden nicht nur predigte, sondern lebte.
Vielleicht ist das die stärkste Wahrheit dieses Tages: Dass Fikret Yakaboylu nicht nur ein Gläubiger war, nicht nur ein Linker, nicht nur ein Kulturarbeiter, nicht nur ein Gastgeber. Er war ein Mensch, der andere Menschen ernst nahm. Und das ist in Zeiten der Vereinzelung, der Härte und der Angst vielleicht die größte Form von Glauben. Die Spur, die er hinterlässt, ist keine steinerne, sondern eine lebendige. Sie führt durch Augsburg, durch das Neruda, durch die Kresslesmühle, durch Familienerinnerungen, durch Lieder, durch Gespräche und durch jene leisen, nicht sichtbaren Verbindungen, die eine Stadt erst zu einer Stadt machen.
Es ist nicht leicht, das Neruda ohne ihn zu betreten. Auch mir fiel es schwer. Das Kondolenzbuch liegt auf dem Tresen, Menschen lesen darin, schreiben hinein, sitzen danach still. Man spürte die Lücke physisch, wie man einen zugigen Raum spürt, bevor man weiß, wo das Fenster offen ist.
Und trotzdem.
Die Menschen, die Fikret zusammengebracht hat, sind noch da. Sie sitzen an denselben Tischen. Sie kennen einander, weil er dafür gesorgt hat, dass sie sich kennen. Das ist kein kleines Ding. Die meisten Menschen leben in einer Stadt, ohne sie wirklich zu bewohnen – sie kennen ihre Straße, ihre Nachbarschaft, ihren Kiez, und dahinter beginnt das Fremde. Fikret hat diese Grenze immer wieder verschoben. Er hat Fremde einander nähergebracht, weil er wusste, was er selbst war, als er ankam: ein Fremder. Und weil er nie vergessen hat, dass wir das alle sind, in irgendeinem Sinn. Fremd dieser Welt, fremd einander, fremd manchmal uns selbst.
Aus diesem Fremdsein lässt sich zweierlei machen. Man kann es als Zustand annehmen, als Grenze, als Grund zur Vorsicht. Oder man kann es als Ausgangspunkt nehmen – als den gemeinsamen Boden, auf dem Geschwisterlichkeit möglich wird. Nicht weil man gleich ist. Sondern weil man weiß, wie es sich anfühlt, nicht dazuzugehören.
Fikret hat das zweite gewählt. Immer wieder, über Jahrzehnte.
Genau das bestätigte auch der afghanischstämmige Sänger Farhadj Ooyenda, der einige Zeit im Neruda an der Bar gearbeitet hatte. Auf Facebook schrieb er, er habe von Fikret gelernt, „wie man mit Menschen aus unterschiedlichen Religionen und Kulturen respektvoll zusammenarbeiten kann“. Er habe gelernt, Menschen zu verstehen und zu unterstützen, die nur wenige soziale Kontakte haben oder am Rand der Gesellschaft stehen. Und er habe gelernt, dass Respekt, Offenheit und Menschlichkeit stärker sind als Vorurteile und Unterschiede. In diesen Sätzen liegt keine bloße Erinnerung, sondern die Essenz von Fikrets Selbstverständnis: Begegnung war für ihn nie Dekoration, sondern eine Form des Handelns.
Das Kulturcafé Neruda in der Alten Gasse 7, 2011 eröffnet, war dafür kein Symbol. Es war ein Werkzeug. Ein Raum, in dem diese Wahl täglich neu getroffen werden musste: die Tür aufhalten, die Begegnung ermöglichen, den Kummer und die Freude, die Philosophie und die Musik, die Liebe und den Streit – alles zulassen, alles hereinholen. Hier konnte jeder kommen und singen, spielen, lesen, reden. Mit Ordnung, ja – weil ohne Plan nicht jeder drankommt –, aber mit Würde. Mit Liebe. Das ist schwerer zu organisieren als ein Programm. Es ist eine Haltung, die man nicht delegieren kann.
Dass dieses Neruda nach seinem Tod in seiner Zukunft gefährdet erscheint, macht den Verlust noch schärfer. Denn hier geht es nicht nur um einen Ort, sondern um eine Form des Zusammenlebens. Lara Hammer, SPD-Fraktionsvorsitzende und Stadträtin, sagte in ihrer Würdigung, das Kulturcafé Neruda sei ein besonderer Ort, an dem Zusammenleben, Begegnung und interkultureller Austausch praktisch würden. Sie betonte, dass dieser Ort nur durch Fikrets unermüdlichen Einsatz habe entstehen und bestehen können. Und sie machte deutlich, dass es nun eine Welle der Hilfsbereitschaft gebe: Gäste hätten spontan eine Initiative gebildet, um den Betrieb vorübergehend zu sichern. Die Fraktion signalisiere Gesprächsbereitschaft, um gemeinsam zu überlegen, wie das Neruda erhalten bleiben könne.
Das ist wichtig. Denn das Neruda ist kein Denkmal aus Stein. Es lebt nur, wenn Menschen es betreten, sprechen, trinken, streiten, schweigen, wiederkommen. Sein Fortbestand ist deshalb nicht nur eine organisatorische Frage, sondern eine moralische. Augsburg muss entscheiden, ob es diesen Ort als bloße Adresse betrachtet oder als Teil seines Gedächtnisses.
Diese Haltung ist sein Vermächtnis. Nicht das Gebäude, nicht der Name über der Tür. Die Haltung.
Und sie gehört jetzt uns – den Dutzenden, deren Namen nirgendwo einen Platz finden, die aber alle Fikret im Herzen tragen. Sie gehört den Menschen, die sich im Neruda begegnet sind und einander nicht mehr fremd sind. Sie gehört dieser Stadt, die sich Friedensstadt nennt und darin immer wieder beweisen muss, was das bedeutet.
Das Neruda darf kein Ort des Vergangenen werden. Es ist ein Versprechen für das Kommende. Ein Raum, in dem Augsburg noch nicht fertig ist mit dem, was es sein könnte.
Fikret hat die Tür geöffnet.
Sie offen zu halten – das ist jetzt unser Auftrag.





