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Donnerstag, 11.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Das offene Fenster zum Gewissen der Welt: Zum Tod von Jean Ziegler

Es ist ein fast reflexartiger Griff, wenn eine Stimme, die einen ein Leben lang begleitet hat, für immer verstummt: Man tritt an das eigene Bücherregal, sucht nach den Bänden mit den bestoßenen Ecken, die man in den Jahren des Heran­wachsens so oft umgedreht hat, und schlägt sie noch einmal auf. Als mich heute die Nachricht vom Tod Jean Zieglers erreichte – er ist mit 92 Jahren gestorben –, erging es mir genau so.

Von Sait İçboyun

Ich zog sein Buch „Ändere die Welt!“ aus dem Regal. Und beim Aufschlagen des Vorworts traf mich die erste Zeile wie ein leiser Blitz, denn dort steht ein Satz, der für mich als Augsburger auf wunderbare Weise alles miteinander verbindet. Ziegler stellte seinem Text ein Zitat von Bertolt Brecht voran: „Ja, ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft über die Menschen. Sie können ihr auf die Dauer nicht widerstehen.“

Ausgerechnet Brecht. Ausgerechnet der unnach­giebige, oft sperrige Geist unserer Stadt begleitete Zieglers flammendes Plädoyer gegen die Unge­rechtig­keit der Welt. Für mich schloss sich in diesem Moment ein tiefer, persön­licher Kreis. Ich bin um das Jahr 2000 herum – damals war ich gerade achtzehn Jahre alt – in einem links­konser­va­tiven, sozial­demo­kratisch geprägten Umfeld großgeworden. Meine politische Soziali­sation fand nicht in theo­retischen Dis­kus­sionen, sondern sehr früh und sehr konkret inmitten der damaligen SPD-Jugend­organi­sation statt. Es war eine Zeit des eigenen Aufbruchs, in der nach Wegen gesucht wurde, soziale Balance real zu gestalten. Und genau in diesen Jahren waren es die Schriften von Jean Ziegler, die mein Denken politisch und menschlich zutiefst weiteten. Er war für uns kein Theoretiker aus der sicheren Distanz. Er war ein Ein­greifender. Einer, der widersprach, wenn das Schweigen der Mehrheit allzu bequem wurde.

Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, führt mich das unweiger­lich auch zu meinen eigenen Anfängen bei Attac in den frühen 2000er Jahren. Es war eine Epoche, in der das Wort „Globali­sierung“ für viele wie ein großes, uner­schütter­liches Versprechen klang. Ein Versprechen auf schranken­lose Vernetzung, auf wachsenden Wohlstand, auf eine glanzvolle Zukunft, wenn man sich nur genügend bemüht. Es war die feste Gewissheit: Wenn wir hart an uns arbeiten, gelingt der mühsame Aufstieg von unten nach oben. Und gleich­zeitig war da der Drang, den armen Globalen Süden zu retten, die Welt als Ganzes zu einem gerech­teren Ort zu machen.

Politische Erweckungserfahrungen

Das erste Buch von Jean Ziegler, das mir damals die Augen öff­nete, war „Die neuen Herr­scher der Welt und ihre glo­balen Wider­sacher“. Später folgten Werke wie „Wie kommt der Hunger in die Welt?“. Diese Texte waren für unsere Gene­ra­tion keine trocke­nen, aka­demi­schen Ab­hand­lungen. Sie waren poli­ti­sche Er­weckungs­er­fah­rungen. Ziegler besaß die sel­tene, fast lite­rari­sche Gabe, kom­plexe welt­wirt­schaft­liche Ver­flech­tungen und kalte Macht­struk­turen so zu be­schrei­ben, dass sie ihre Ano­nymi­tät ver­loren. Er über­setzte nackte System­fragen in zu­tiefst mora­li­sche Fragen. Er gab den Zahlen Gesich­ter. Das war seine uner­messl­iche Stärke – und natür­lich auch der Grund, warum er zeit seines Lebens so heftig pola­ri­sierte.

Heute, mehr als zwei Jahrzehnte später, im Jahr 2026, hat sich die Welt weitergedreht. Die großen Versprechungen von damals sind für viele im harten Beton der Realität zerschellt. Wir befinden uns in einer tiefen, spürbaren Rezession, die die Gewichte völlig verschoben hat. Das Gefühl hat sich breitgemacht, dass wir nicht mehr die ganze Welt retten können, sondern erst einmal darum kämpfen müssen, das eigene Land, die eigene Gesell­schaft vor dem Auseinander­brechen zu bewahren.

Denn der globale Kampf, den Ziegler einst auf den fernen Bühnen der UN anprangerte, ist längst in den Alltag unserer eigenen Städte eingesickert. Wir sehen die Risse direkt vor unserer Haustür, mitten im vermeint­lich so wohl­habenden Bayern, in einer Stadt wie Augsburg. Wenn die Reallöhne auf der Stelle treten, während die Kosten für das nackte Leben unauf­haltsam in die Höhe klettern, entstehen tiefe, lähmende Existenz­ängste. Es ist die Angst, trotz unermüd­licher Arbeit den Anschluss zu verlieren. Die Angst, in einer sich immer schneller drehenden Welt unbemerkt unter die Räder zu kommen.

Es ist das stille Scheitern jener, die von unten kommen und denen die Kraft oder das Netz fehlt, wenn der Aufstieg stockt. Wir reden in der Politik viel von Gruppen und abstrakten Kategorien. Doch das Leid des Einzelnen, der Mensch, der es immer wieder versucht hat und am Ende doch geschei­tert ist, verschwindet darin. Wer fällt, fällt heute oft allein. Nicht weil die Gesell­schaft ihm gar keine Chance gegeben hätte – sondern weil niemand da war, als die Chancen, die er hatte, einfach nicht reichten. Weil niemand hinsah, als die Einsamkeit und der wirt­schaft­liche Druck größer wurden als die eigene Kraft.

Nirgendwo brennt sich diese Not so sichtbar in das Stadtbild wie auf dem Wohnungs­markt. Eine bezahlbare, menschen­würdige Wohnung zu finden, ist in Augsburg für normale Arbeit­nehmer, für junge Familien oder Menschen, die sich mühsam durch­schlagen, zu einem fast unlösbaren Kraftakt geworden. Die Mieten fressen einen immer monströ­seren Teil des mühsam verdienten Geldes auf. Wenn das Fundament des Wohnens unbezahlbar wird, gerät das gesamte Gefüge unseres sozialen Zusammen­lebens ins Wanken. Dann sehen wir die Talente, die hätten wachsen können, die Menschen, die hätten ankommen können, statt­dessen am Rande unserer Gesell­schaft stehen – mit müden Augen und dem puren Frust im Bauch.

In genau diesem schmerzhaften Spannungs­feld bewegte sich das Denken von Jean Ziegler. Er sprach in seinen Büchern von einem „verstei­nerten, homo­geni­sierten Bewusst­sein“, das uns diese Zustände als alternativ­los und gottgegeben verkaufen will. Er legte offen, wie mächtige Strukturen fortlaufend Erklärungen opulent produzieren, um die Härte des Marktes als etwas Logisches, Harmloses und Unab­wendbares darzustellen – so lange, bis wir selbst daran glauben und resignieren.

Ziegler stellte diesem Phänomen in seinem Buch ein neuntes Kapitel voran, das er „Die Völker des Schweigens“ nannte. Er zitierte darin jene Zeilen von Pablo Neruda, die das Schicksal derer, die das System tragen, ohne jemals an ihm teilzuhaben, so bitter auf den Punkt bringen:

„Inzwischen reißen Stämme und Völker
das Erdreich auf und schlafen in der Kohlenmine,
fischen mitten in des Winters Stacheln,
nageln Nägel in die eigenen Särge
errichten Städte, die sie nicht bewohnen,
säen aus das Brot, das sie morgen nicht besitzen,
sie streiten über Hunger und Gefahr.“

Es ist diese bittere Wahrheit, dass Menschen die Städte errichten, die sie am Ende selbst nicht mehr bewohnen können, die uns heute aufrütteln muss. Gegen diese vermeint­liche Alter­nativ­losig­keit hat Ziegler bis zu seinem letzten Atemzug rebelliert. Seine wichtigste Lektion an uns bleibt im Jahr 2026 aktueller denn je: Das, was von Menschen­hand geschaffen wurde, ist kein Naturgesetz. Niedrige Reallöhne, explo­dierende Mieten und die grassie­rende Angst vor dem sozialen Abstieg sind keine kosmischen Kata­strophen, die uns schicksal­haft ereilen. Sie sind das Resultat von konkreten Ent­schei­dungen. Und weil sie von Menschen gemacht sind, können sie auch von Menschen wieder verändert werden.

Das Vermächtnis von Jean Ziegler liegt deshalb nicht in fertigen, dogma­ti­schen Rezepten, sondern in einer bleibenden, heilsamen Irritation. Er war kein Zyniker, der am Elend verzweifelte. Er war ein uner­schütter­licher Optimist, der – ganz im tiefen Sinne Bertolt Brechts – an die sanfte Gewalt der Vernunft und an die Kraft der mensch­lichen Empörung glaubte. Sein Tod mahnt uns heute nicht zu großen, abstrakten Reden über weltweite Systeme, sondern zum Hinhören im Kleinen. Er fordert uns auf, die Augen vor den Ängsten der Menschen in unserer eigenen Stadt nicht zu verschließen, genauer hinzusehen und zuzuhören – bevor wieder jemand fällt und niemand es verhindert hat.

Seine Stimme ist nun verstummt. Die großen Fragen nach Verant­wortung, nach Verteilung und nach der unver­äußer­lichen Würde des Einzelnen stehen weiterhin offen im Raum. Es liegt an uns, im Kleinen wie im Großen, tagtäglich an den Antworten zu bauen.



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