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Mittwoch, 08.07.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Der Kommentar

Augsburger Theatersanierung: Planung steht vor dem Aus

Die Stadtregierung in Augsburg legte am 19. Juni 2020 die ersten belastbaren Zahlen bezüglich der Kostenplanung auf den Tisch und steht seitdem im Feuer. Statt 186 Millionen darf man nun davon ausgehen, dass die Gesamtsanierung mit möglicherweise 321 Millionen zu Buche schlägt.

Von Siegfried Zagler 

Woher die zusätzlichen 100 + x Millionen Euro kommen sollen, steht in den Sternen. Im Zeichen der Coronakrise werden vom Staat und den Kommunen Steuermittel für Konjunkturpakete und Pflichtaufgaben verwendet – und Luxusprojekte auf die lange Bank geschoben. “Nice-to-have” war gestern. In Augsburg hat diese schlichte Formel die neue Stadtregierung in eine Krise gestürzt – noch vor dem Verstreichen der 100-Tage-Frist. Kollektives Schweigen scheint das Gebot der Stunde zu sein. Die Grünen sind darüber hinaus in der Versenkung verschwunden und hoffen wohl darauf, dass man mit Klima-Statements und einem CSU-Amigo-Deal wie bei der Verfristung des 28-Millionen Zuschusses über die Runden kommt. Rettung kann demnach nur von der Staatskanzlei kommen. Kommt sie nicht, wird man sich von der Sanierung, wie sie aktuell geplant ist, verabschieden müssen und dem Drängen auf ein Moratorium nachgeben.

Eva Weber vor der Wahl: Augen-zu-und-durch ist nicht meine Politik und würde es auch mit mir als Oberbürgermeisterin nicht geben

“Weitere Kredite und Zuschüsse” sagt unverblümt mit einem “hörbaren Achselzucken im Unterton” CSU-Bezirkschef Volker Ullrich auf die DAZ-Frage, wie er sich denn die weitere Finanzierung in der aktuellen Wirtschaftssituation mit der aktuellen Kostenexplosion vorstelle. Viel mehr als das Prinzip Hoffnung steht dabei allerdings nicht dahinter. Dabei stand das Projekt lange als Versprechen einer seriösen Kostenplanung im Raum. So sagte im August 2019 die damalige OB-Kandidatin Eva Weber im DAZ-Interview, dass “der Stadtrat zur Theatersanierung einen Grundsatzbeschluss gefasst hat, der an einen Kostendeckel gebunden ist. Daran haben wir uns zu halten, daran hat sich der Architekt zu halten. Augen-zu-und-durch ist nicht meine Politik und würde es auch mit mir als Oberbürgermeisterin nicht geben.” Momentan sieht es allerdings so aus, dass “Augen-zu-und-durch” für Eva Weber die einzige Option zu sein scheint.

Kurt Gribl 2017: Ich bin mir sicher, dass wir da nicht blauäugig reingegangen sind

Im Oktober 2017 sprang der damalige Augsburger OB Kurt Gribl dem Architekten Walter Achatz zur Seite, als dieser wegen der Mehrkostenentwicklung des Münchner Gärtnerplatztheaters von Landtagspolitikern angegangen wurde: Man habe bei der Planung in Augsburg Vorsorge getroffen, Erfahrungen aus anderen Projekten berücksichtigt und ein externes Controlling für Bauablauf und Baukosten eingerichtet. “Ich bin mir sicher, dass wir da nicht blauäugig reingegangen sind.” (Quelle: Augsburger Allgemeine). An diesen Aussagen der beiden großen Sanierungspolitiker Gribl und Weber wird das umstrittene Projekt nun vom neuen Stadtrat zu messen sein. Kurt Gribl hat sich in die Frühpension verabschiedet, seine Nachfolgerin muss jetzt die Suppe auslöffeln, die Kurt Gribl und ein gutgläubiger Stadtrat der Stadt Augsburg eingebrockt haben.

“Staatstheater nicht entscheidungsreif” – Opposition fordert Aufschub

Es ist sogar denkbar, dass sich der neugewählte Stadtrat bereits am 23. Juli in der letzten Stadtratssitzung vor der Sommerpause von dem aktuellen Sanierungsprojekt distanziert. Die Grünen, die noch für die erste Kreditaufnahme ihre Mitglieder befragten, stellten sich zwar bisher inhaltlich vor das Projekt, doch je näher der 23. Juli rückt, desto unentschlossener wirken einige Fraktionsmitglieder. Vorstellbar ist auch, dass die Grünen in dieser Angelegenheit – um eine Zerreißprobe zu vermeiden – den Fraktionszwang aufheben. Eine Mehrheit des Stadtrates könnte somit den Anträgen auf ein Moratorium folgen, eine Idee von Bruno Marcon (AIB), die von mehreren Gruppierungen und Fraktionen aufgegriffen wurde.

Mit einem Dringlichkeitsantrag fordert zum Beispiel die Soziale Fraktion (SPD/Linke) die Oberbürgermeisterin auf, in der Juli-Sitzung des Augsburger Stadtrates keine Entscheidung zu den jetzigen Planungen der Sanierung herbeizuführen. Der Stadtrat soll stattdessen über ein Moratorium zum Staatstheater beschließen. “Jetzt eine Entscheidung zu treffen, mit dem Hintergedanken, wir rücken von den Planungen nicht mehr ab, koste es was es wolle, ist mit der SPD/DIE LINKE-die soziale fraktion nicht zu machen. Augsburg kann sich ein Staatstheater von über 300 Millionen Euro nicht leisten!“, so Fraktionschef Florian Freund. Christine Wilholm, bildungspolitische Sprecherin der Linken kritisiert bei der neuen Stadtregierung auch deren taktisches Verhältnis zur Wahrheit: “Ich halte es übrigens für unredlich, die Kostenexplosion beim Staatstheater am Rande einer Pressekonferenz zur schwierigen Haushaltslage aufgrund der Corona-Krise kurz zu verkünden. Die Corona-Krise hat mit der massiven Kostensteigerung beim Theater aber schon überhaupt nichts zu tun!”

Aus guten Gründen nicht vermittelbar

Die Fraktion der Bürgerlichen Mitte schließt sich wohl der Forderung nach einem Moratorium an, da sie die Planung für altbacken hält: “Wenn ich einem jungen Menschen aus Augsburg erkläre, dass wir ein Theater sanieren, in dem nach der Fertigstellung immer noch bemalte Leinwände als Kulissen an Seilen aus einem Turm heruntergelassen werden, hält er das Projekt in der Tat für ziemlich aus der Zeit gefallen. Weitere Einsparungen an der derzeitigen Planung halte ich für nicht realistisch, denn die Kostenexplosion findet ja bereits bei der reduzierten Sparvariante statt. Andererseits kann es auch kein Einfach-weiter-so-egal-was-es-kostet-die-Leute-regen-sich-jetzt-mal-auf-vergessen-das-aber-wieder geben. Das ist weiten Teilen der Stadtgesellschaft aus guten Gründen nicht vermittelbar.” So Peter Hummel auf Anfrage. Hummel, der für die Fraktion Bürgerliche Mitte (FW/FDP/PA) im Kulturausschuss sitzt, würde den Theaterstandort Augsburg gerne zu einem weltweiten Hotspot für digitale Bühnentechnik machen: “So, wie wir früher als Schülerinnen und Schüler in die Bavaria Filmstudios gefahren sind, kommen die Schulklassen künftig nach Augsburg. Um sich verblüffen zu lassen, zu staunen – und um Zugang zum Theater der Zukunft zu erlangen.”

Falls der Stadtrat dennoch an dem aktuellen Projekt festhalten sollte und ein Moratorium ablehnt, wird eine ernstzunehmende Bürgerinitiative versuchen das Projekt zu stoppen. Ein erstes Treffen fand bereits am Montag statt. Festzuhalten ist in diesem Zusammenhang, dass die Kritiker der Theatersanierung eben gegen diese Sanierung vorgehen und nicht gegen das Augsburger Vier-Sparten-Theater, das in seinem Fortbestand nicht zur Disposition steht. —- Grafik: DAZ

 

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