DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Donnerstag, 29.02.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de
Liebe DAZ-Leserinnen & Leser,
während meiner derzeitigen Erkrankung werde ich redaktionell und journalistisch von Freunden vertreten.

S. Zagler

Deutsche Proteste
- Kommentar

Bei den Anti-AfD-Protesten inszenieren sich etliche als Widerstandskämpfer. Aus der Geschichte gelernt, wie es so gerne heißt, haben sie offenbar nicht.

Der Kommentar erschien am 1. Februar 2024 zuerst in der jungle.world
Die DAZ gibt ihn mit freundlicher Genehmigung des Autors unverändert wieder.

Kommentar von Pascal Beck

Die Freude ist groß in der Medienöffentlichkeit, der Stolz ist kaum zu überhören: Deutschland ist antifaschistisch. Im gesamten Land demonstrierten Abertausende Menschen gegen die AfD. In Hamburg und München musste der antifaschistische Protest sogar wegen Überfüllung abgebrochen werden. Auslöser war der Bericht des Recherchenetzwerks Correctiv über ein geheimes Treffen von Rechtsextremen. »Knapp acht Kilometer entfernt« von dem Haus der Wannseekonferenz diskutierten diese demnach über »Remigration« aller, die ihrem Verständnis nach nicht als Deutsche gelten.

Die Nähe zu dem geschichtsträchtigen Haus am Wannsee, wo die Nazis 1942 die systematische Vernichtung der Juden koordinierten, war dem Recherchenetzwerk zufolge »womöglich« ein »Zufall« – aber erwähnenswert immerhin. Bei Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) weckte das konspirative Treffen sogleich böse Erinnerungen an die »furchtbare Wannseekonferenz«. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) schlug ebenfalls Alarm: »Mit Deportationen hat auch damals alles angefangen.« Und die Juristenverbände warnten vor einer »zweiten Wannseekonferenz« – als hätte es die Reichspogromnacht oder die Nürnberger Rassegesetze nie gegeben, als hätte nicht schon am Tag eins der Nazi-Diktatur für alle Deutschen sichtbar die Verfolgung der Juden begonnen.

Kein Wunder, dass Demonstrationsteilnehmer sich in der Tradition Sophie Scholls oder Georg Elsers verstanden. Zumindest war auf einigen Protestschildern zu lesen, man könne nun endlich herausfinden, »was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten«. Und auf Initiative des Potsdamer Oberbürgermeisters Mike Schubert (SPD) fand am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, im Hans-Otto-Theater in Potsdam eine szenische Lesung zu eben den Recherchen von Correctiv statt.

Der Antisemitismus war das Kernelement des Nationalsozialismus.

Der Kampf gegen die NSDAP kann jetzt nachgeholt werden. Mit dem kleinen, aber entscheidenden Unterschied, dass sich eben jene Widerstandskämpfer damals hätten gegen die Macht stellen müssen und derzeit für diese oder zumindest an ihrer Seite kämpfen, aber denken, sie wären in der Opposition. In einer Videobotschaft stärkte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) den plötzlichen Antifaschisten den Rücken und forderte alle Menschen in Deutschland dazu auf, Stellung zu beziehen. Auch er verglich die Vertreibungspläne mit der Rassenideologie der Nazis. Stolz deklarierte die Medienseite Volksverpetzer: »Das, liebe AfD, ist das ›Volk‹, von dem ihr immer behauptet, ihr würdet für sie sprechen. Das ist die Mehrheit der Deutschen! Und sie wollen euch nicht!«

Die Demonstrationen wurden schnell zum Selbstläufer. Sie entwickelten eine Dynamik, wie man sie aus Anlass des am 7. Oktober verbrochenen größten antisemitischen Massakers nach 1945 noch immer vermisst. Die Größe von Demonstrationen gibt Auskunft über gesellschaftliche Prioritätensetzung. Wer derzeit bei den Protesten gegen die AfD das Versagen der eigenen Großeltern aufzuarbeiten meint, es seit dem 7. Oktober indes noch immer nicht geschafft hat, sich solidarisch mit dem jüdischen Staat und der jüdischen Diaspora zu zeigen, hat einen entscheidenden Punkt vergessen: Der Antisemitismus war das Kernelement des Nationalsozialismus.

Dem Angriff der Hamas auf Israel folgte eine Welle antisemitischer Attacken in Deutschland. In Berlin wurde ein Molotow-Cocktail auf eine Synagoge geworfen. Eine Jüdin musste in Köln aus ihrer WG ausziehen. In einer Berliner McDonald’s-Filiale wurden zwei Israelis angegriffen, weil sie Hebräisch sprachen. Das sind nur wenige Beispiele des Alltags von Juden in Deutschland seit dem 7. Oktober.

2.249 antisemitische Straftaten erfasste das Bundeskriminalamt seitdem; zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2023 waren es 2.300. Auf keinen dieser Vorfälle folgten Massendemonstrationen. Dass dieser Tage Hunderttausende gegen die AfD protestierten, der Zulauf zu Demonstrationen gegen Antisemitismus hingegen selten für mehr als dreistellige Teilnehmerzahlen reichte, beweist somit vor allem eines: den Gratismut derer, die sich gerade als Widerstandskämpfer inszenieren.

Die Stärke der AfD ist bedrohlich, keine Frage. Sie ist jedoch nicht das einzige Problem und nicht die einzige bedrohliche Entwicklung derzeit.

Es versuchten sogar bundesweit israelfeindliche Kräfte, die Proteste gegen die AfD zu kapern – teils mir Erfolg. In Münster wollte das Jugendbündnis gegen Antisemitismus eine Rede gegen Antisemitismus halten, wurde aber eigenen Angaben zufolge von der Gruppe Palästina Antikolonial daran gehindert. Wer als Antifaschist ernst genommen werden möchte, müsste zumindest die unzähligen Versuche der Hamas-Apologeten, die derzeitigen Proteste für sich zu vereinnahmen, abwehren, sie von vornherein für unerwünscht erklären und versuchen, sie aus den Demonstrationen herauszudrängen.

Die Stärke der AfD ist bedrohlich, keine Frage. Stark bleibt sie auch, trotz der Proteste. Nach der Veröffentlichung der Recherchen nahm die Zahl der Parteimitglieder sogar zu. Die AfD ist jedoch nicht das einzige Problem und nicht die einzige bedrohliche Entwicklung derzeit. Im Umgang mit ihr zeigt sich auch die selbstzufriedene Selbstinszenierung der wiedergutgewordenen Deutschen.

Als am Tag der Befreiung von Auschwitz 2.500 Feinde Israels auf den Straßen Berlins die Erinnerung an die Opfer der Shoah für ihren Hass instrumentalisierten, hätten die selbsternannten Widerstandskämpfer beweisen können, wie ernst sie es meinen. Zum Gegenprotest gekommen sind allerdings nur etwa 160 Menschen – keine Abertausende.

 



Mutter Courage im Martinipark

Die zwangsläufige Dynamik des Krieges von Halrun Reinholz Zum diesjährigen Brechtfestival hat das Theater Augsburg wieder mal ein Brechtstück auf dem Spielplan. Nachdem das Fehlen der Theaterpräsenz im letzten Jahr zum 125. Geburtstag Bertolt Brechts moniert worden war, wurde das sozusagen nachgeholt. Und so fand zur Eröffnung des Festivals zeitgleich auch die Premiere des Stückes […]

gesamten Beitrag lesen »



Brechtfestival 2024: Unter Kumpels und Sportsfreunden

Die informelle doppelte Eröffnung  zeigt interessante Ansätze, aber auch Befremdliches Von Halrun Reinholz Nun ist wieder Brechtfestival, zum zweiten Mal unter der Leitung   von Julian Warner. Die Eröffnung im Martinipark fiel mit der Premiere von „Mutter Courage“ zusammen. Im Gegensatz zum letzten Jahr, als das Festival Brechts 125. Geburtstag  feierte, ist das Theater diesmal […]

gesamten Beitrag lesen »



FCA siegt spät gegen Freiburg

Nach zuletzt vier sieglosen Spielen fand der FC Augsburg gegen den SC Freiburg, den Achtelfinalisten der Europa League, in die Erfolgsspur zurück. Nach frühem Rückstand konnte der FCA das Spiel noch drehen und versetzte die WWK-Arena mit seinem 2:1 Heimsieg im letzten Spiel des 23. Spieltags in Feierlaune. Von Udo Legner Trotz gleichzeitiger Kulturveranstaltungen – […]

gesamten Beitrag lesen »



Hanau ist überall: Gedenken und Denkstätte

Ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis, der  „Zusammenschluss Augsburger Migranten(selbst)organisationen“ (ZAM), hatte zum Gedenken an den rassistisch motivierten Anschlag von Hanau vor vier Jahren zu einer Kundgebung und Demonstration aufgerufen. Darüberhinaus kooperiert der Verein mit der Stadt Augsburg bei der ebenfalls am Montag gestarteten „Denkstätte“ im Pop-Up-Store „Zwischenzeit“ in der Annastraße.  Von Udo Legner Am Ulrichsplatz versammelten […]

gesamten Beitrag lesen »



„Die gefährlichste Frau Amerikas“ auf der Brechtbühne

Uraufführung eines Stücks über die Anarchistin Emma Goldman Von Halrun Reinholz Wie weit darf Anarchie gehen? Emma Goldman meint: Bis zum Äußersten. Die Anarchistin akzeptiert keine Ausreden und Bedenken, wenn es um die „Sache“ geht – den Acht-Stunden-Tag für Arbeiter, die Rechte der Frau, den Kampf gegen den Kapitalismus. Auch Privatleben, Gefühle, Beziehungen müssen sich […]

gesamten Beitrag lesen »



Auswärtsserie geplatzt – FCA patzt beim Tabellenvorletzten in Mainz

Anstatt des erhofften ersten Saisonspiels mit weißer Weste setzte es beim Tabellenvorletzten FSV Mainz 05 am 22. Spieltag eine desaströse 0:1 Niederlage.  Von Peter Bommas Trainer Jess Thorup hat für das Spiel in Mainz die Startelf im Vergleich zum Heimspiel gegen Leipzig nur auf einer Position verändert, für Jensen spielt Arne Engels von Beginn an. […]

gesamten Beitrag lesen »



Ballettgala 2024: Internationale Tanzdarbietung trifft den Nerv des Publikums

Die Internationale Ballettgala, jedes Jahr ein Highlight für das Augsburger Publikum, fand auch in diesem Jahr zweimal im restlos ausverkauften Martinipark statt. Eine grandiose Idee des früheren Ballettdirektors Robert Conn, die sein Nachfolger Ricardo Fernando glücklicherweise nahtlos aufgriff und mit eigenen Akzenten versah. Das Grundprinzip ist einfach: Man nutze die Kontakte der ohnehin weltweit verflochtenen […]

gesamten Beitrag lesen »



FCA erkämpft Punkt gegen RB Leipzig

In einer turbulenten und in der Schlussphase dramatischen Partie trennten sich der FC Augsburg und der RB Leipzig vor 28.510 Zuschauern am 22. Spieltag 2:2 unentschieden. Nach zuletzt zwei Niederlagen gegen Bayern München und Spitzenreiter Leverkusen punktete der FCA gegen den Tabellenfünften erstmals in diesem Jahr in der heimischen WWK-Arena. Von Udo Legner Jens Thorup ließ […]

gesamten Beitrag lesen »



Augsburg gegen Rechts – eine Sternstunde der Demokratie

Die „Demo gegen Rechts“ auf dem Augsburger Rathausplatz wurde zu einer Sternstunde der Demokratie. Maßgeblichen Anteil an dieser Erfolgsgeschichte hatte die vorbildliche Organisation des Bündnisses für Menschenwürde unter Federführung des Grünen-Stadtrats Matthias Lorentzen,  die imposante Anzahl und Qualität der Redebeiträge und nicht zuletzt die umfassende Netzwerkarbeit im Vorfeld der Kundgebung, die sich in einem neuen […]

gesamten Beitrag lesen »



FCA erkämpft Auswärtspunkt beim Tabellennachbarn Bochum

In einem kampfbetonten Kellerduell sicherte sich der FCA in der Nachspielzeit durch einen von Goalgetter Demirovic verwandelten Handelfmeter einen wertvollen Auswärtspunkt. Der VfL Bochum war durch einen traumhaften Fallrückzieher von Moritz Broschinski (33.) in Führung gegangen, konnte aber gegen die starke FCA Defensive aus seinem Chancenplus kein weiteres Kapital schlagen.   Von Udo Legner Das […]

gesamten Beitrag lesen »



FCA: Jacić kommt auf Leihbasis – Demirovic will nach der Saison wechseln

Beim FC Augsburg sind Bewegungen im Kader zu vernehmen Beim FCA muss man sich offenbar auf den Abschiedswunsch von Ermedin Demirovic einstellen. ‚Sky‘ berichtet, dass der Stürmer im Sommer gerne den nächsten Karriereschritt gehen würde. Zu diesem Zweck habe der Angreifer auch seine Berateragentur gewechselt. 2022 war Demirovic vom SC Freiburg nach Augsburg gekommen. Seitdem hat sich der […]

gesamten Beitrag lesen »



ältere Artikel »

Kurznachrichten

Lesung: Erika und Therese. Eine Liebe zwischen Kunst und Krieg



Am Sonntag, den 25. Februar um 11 Uhr, liest Gunna Wendt in der Lounge im Brechthaus aus ihren literarischen Biografien über Frauen, die sich selbst erfunden haben, darunter Liesl Karlstadt, Erika Mann und Therese Giehse.  Sie hätten unterschiedlicher nicht sein können: Erika Mann, hochbegabte Tochter Thomas Manns, und Therese Giehse, gefeierte Schauspielerin an den Münchner […]

gesamten Beitrag lesen »



Digitale Sprechstunde mit Bürgermeisterin Martina Wild

Dienstag, 27. Februar 2024  Zeit: 15:30 bis 16:30 Uhr  Eine Anmeldung ist erforderlich   Zu den Aufgaben von Bürgermeisterin Martina Wild gehören neben der Vertretung der Oberbürgermeisterin die Bereiche Bildung und Migration.  Um die Anliegen von Bürgerinnen und Bürgern noch besser kennen zu lernen, lädt Bürgermeisterin Martina Wild interessierte Bürgerinnen und Bürger im Rahmen einer monatlichen […]

gesamten Beitrag lesen »



Grüne Jugend und Jusos am Valentinstag vereint im Schulterschluss gegen Rechts



Die Gesellschaft rückt immer weiter nach rechts und die AfD feiert sich währenddessen im Rathaus? Nicht mit uns! Daher schließen wir uns am 14. Februar einem breiten linken und antifaschistischen Bündnis an und gehen gemeinsam auf die Straße – gegen den Neujahrsempfang der AfD im Rathaus und jede Form von Rechtsextremismus! Start ist am 14.02. […]

gesamten Beitrag lesen »



Aufruf zur Kundgebung: Augsburg gegen Rechts – für Vielfalt und Demokratie



Es ist allerhöchste Zeit, dass wir als Gesellschaft gemeinsam und laut für unsere Demokratie und Vielfalt in unserer Friedensstadt Augsburg einstehen! „Wir alle müssen jetzt aufstehen gegen Rechtsextremismus, wir müssen uns gemeinsam gegen die anhaltenden Entwicklungen stemmen, die nicht erst seit dem von #correctiv aufgedeckten Geheimtreffen eine reale Gefahr für unsere Demokratie und viele Menschen […]

gesamten Beitrag lesen »



Ausstellung: Kalenderwoche – Frank Mardaus



Der Fotograf Frank Mardaus zeigt 181 Objekte seines Langzeitprojekts bei einer Ausstellung der Kunstsammlungen & Museen Augsburg im Glaspalast In der neuen Ausstellung „Kalenderwoche“ der Kunstsammlungen und Museen Augsburg stellt Frank Mardaus sein Langzeitprojekt aus, welches sich dem Sammeln und Ordnen von Zeit widmet. Zu sehen ist die Ausstellung mit 181 Objekten vom 26. Januar […]

gesamten Beitrag lesen »



Suche in der DAZ

  

DAZ Archiv

Februar 2024
M D M D F S S
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
26272829