DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 07.04.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Literatur

Mit kleinen Schritten zur besseren Welt: Die Verleihung des Brechtpreises 2020 an Sibylle Berg

Es gibt ihn jetzt schon seit 25 Jahren, den Augsburger Brechtpreis. 1995 wurde er unter großem Medienrummel an das Enfant terrible Franz Xaver Kroetz verliehen – auch heuer fand die die Jury mit Sibylle Berg eine würdige Preisträgerin.

Von Halrun Reinholz

Kulturreferent Thomas Weitzel, Sybille Berg, Bürgermeisterin Eva Weber © DAZ

Die Preisverleihung war damals ein gesamtgesellschaftliches Ereignis, zumal Kroetz auch noch in der prominenten Begleitung seiner damaligen  Ehefrau, der Schauspielerin  Marie Theres Kroetz-Relin, und auch seiner berühmten Schwiegermutter Maria Schell zur Preisverleihung nach Augsburg kam. Für viele war Franz Xaver Kroetz ein Kommunist und deshalb als Preisträger nicht vertretbar. Doch genau das war auch für die Jury ein Anknüpfungspunkt an den Namensgeber des Preises. Der „Kommunist“ Brecht  war der Grund, warum sich die Geburtsstadt so lang schwer getan hatte mit der Würdigung ihres berühmten Sohnes. Die Diskussion verlief in der Jury weniger kontrovers als befürchtet und auch die Stadt hatte keine Einwände gegen den Preisträger.

Zum 25. Jubiläum des Brechtpreises beleuchtet eine Sonderbeilage der Augsburger Allgemeinen Zeitung  die Entstehungsgeschichte des Preises und widmet jedem der Preisträgerinnen und Preisträger eine Seite. Mit Sibylle Berg sind es nun zehn. Sie alle eint die vom Stadtrat beschlossene Vorgabe, dass der Brechtpreis an Autoren verliehen wird, die sich, wie Brecht, in ihrem literarischen Schaffen durch eine „kritische Auseinandersetzung  mit der Gegenwart“ auszeichnen.

Als Preisträgerin für 2020 wählte die Jury Sibylle Berg aus. Bürgermeisterin Eva Weber gab in ihrer Begrüßungsrede unumwunden zu, dass ihr Sibylle Berg hauptsächlich durch ihre Kolumnen im „Spiegel“ bekannt sei – Kolumnen, die ihr immer wieder positiv ins Auge fallen, weil  sie zur aktiven Mitbestimmung aufrufen und damit gegen das Ohnmachtsgefühl mobil machen, das einen angesichts der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer wieder überwältigt. 

Die junge Autorin wurde im DDR-Weimar geboren, kam um die Mitte der 1980er Jahre in den Westen und lebt heute in Zürich und Tel Aviv. In ihren 25 Theaterstücken und 14 Romanen setzt sie sich mit der Realität der Gesellschaft auseinander – mit Zorn, aber auch Empathie. Eva Weber sieht in ihre eine „auf- den-Hut-Hauerin“ im Sinne des Brechtschen Gedichtanfangs: „Der Mensch ist nicht so gut/Drum hau ihm auf den Hut.“ 

In ihrer Laudatio bescheinigte ihr die Literaturchefin der FAZ Sonntagszeitung Dr. Julia Encke ein Gespür für menschliche Abgründe, das sie in einer rhythmisierten Sprache  eindrücklich artikuliert. Mit Brecht verbinde sie auch ein eigentümlicher Humor der Kategorie „glotzt nicht so romantisch“. Eine radikal praktische Grundhaltung, immer wieder durch Ironie gebrochen, bestimmt ihre Sicht auf die erkundete Welt, die sie, scheinbar unbeteiligt, zu erklären versucht. 

In der Begründung der Jury wird Sibylle Berg bescheinigt, dass sie ihren Lesern nichts erspart, „auch nicht die Verantwortung, aus dem zu lernen, was sie da lesen oder sehen.“ Was für ein glücklicher Zufall, dass das Theater Augsburg in dieser Spielzeit eines der Stücke von Sibylle Berg auf dem Spielplan hat! Aus dem Theatertext: „Und jetzt: Die Welt“ zeigten die Schauspielerinnen Marlene Hoffmann, Linda Elsner und Karoline Stegemann den Besuchern der Preisverleihung einen Ausschnitt. Es handelt von der Orientierungslosigkeit junger Menschen im schnelllebigen Medien-Zeitalter. Aus aktuellem Anlass  erhielt die eigentlich für einen eher kleinen Kreis gedachte Produktion in der SOHO-Stage nun weitere Aufführungstermine.

Sibylle Bergs Dankesrede ließ einiges von ihrer Ironie durchschimmern. Die Weltrettung sei ihre Sache nicht, denn die Reaktionen von Diktatoren auf Brandreden von Schriftstellern wie ihr seien im allgemeinen „überschaubar“. Sie glaube auch nicht daran, dass Worte den „Drang der Menschheit zur Selbstausrottung“ verhindern können. Ihr gehe es vielmehr darum, die kleinen Dinge im eigenen Umfeld zu verändern. Ein besonderes Anliegen sei ihr, das Augenmerk auf die Rollenbilder zu werfen, die immer noch von einer sehr männlichen Warte geprägt sind. Es gehe ihr darum, den Unterrepräsentierten Mut zu machen, ihnen Wege aufzuzeigen und die Kanons zu verändern, die nach wie vor „von Männern befüllt“ werden. Die weibliche Beharrlichkeit der kleinen Schritte, findet sie, zahle sich letztlich aus – im Kleinen zu kämpfen, im Rahmen des Möglichen. Dass sie dafür sogar einen Preis bekommt, empfand sie als passende Bestätigung ihres Bemühens.

Für die musikalische Umrahmung des Gala-Abends sorgte die Düsseldorfer Band „Kreidler“ (Andreas Reihse – Synthesizer, Thomas Klein – Perkussion, Alex Paulick – Bass), mit der Sibylle Berg bereits öfter aufgetreten ist. Die etwas aus der Zeit gefallenen Synthesizer-Klänge  erzeugten eine 1970er-Jahre-Stimmung abseits des aktuellen Mainstream, der von Bürgermeisterin Weber bei der Verabschiedung gesondert gewürdigt wurde, mit dem Hinweis, dass „solche Musik viel zu selten im Goldenen Saal  gespielt wird“. Auch ohne Brandreden erwies sich der Abend als nachhaltiger Impulsgeber für die kleinen Schritte zur besseren Welt.

gesamten Beitrag lesen »



Erstes Literaturfestival Nordschwaben

In wenigen Wochen öffnet das 1. Literaturfestival Nordschwaben seine Tore und lädt zu einem breiten Lesungsprogramm mit hochkarätigen Autoren ein. Ausführliche Informationen darüber, wer mit welchem Buch an welchem Ort in den beiden Landkreisen Dillingen a.d.D. und Donau-Ries zu Gast sein wird, gibt jetzt auch das Programmheft zum Festival. Interessierte finden das Heft ab sofort […]

gesamten Beitrag lesen »



Bertolt-Brecht-Preis geht an Sibylle Berg

Der Literaturpreis der Stadt Augsburg feiert 25-jähriges Jubiläum und wird heuer im Rahmen des Brechtfestivals zum 10. Mal vergeben – und geht dieses Jahr an Sibylle Berg Der mit 15.000 Euro dotierte Literaturpreis wird am Dienstag, 18. Februar, während des Brechtfestivals (14. bis 23. Februar) im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses an die Schriftstellerin, Dramatikerin […]

gesamten Beitrag lesen »



Die Apotheke im Krakauer Ghetto – Ein Buch von einer ungeheuerlichen Dimension

“Die Apotheke im Krakauer Ghetto” von Tadeusz Pankiewicz ist ein Buch von einer ungeheuerlichen Dimension. 57 Jahre nach der polnischen Erstveröffentlichung ist durch das Engagement von Jupp Schluttenhofer eine Neuauflage erschienen. Pankiewicz übernahm als junger Pharmazeut die seit 1909 bestehende väterliche Apotheke, die er durchgängig bis 1951 führte. Er konnte den Betrieb der Apotheke “Pod Orlem” (zum […]

gesamten Beitrag lesen »



Fabelhafte Kontroversen über Literatur

Seit elf Jahren gibt es den von Kurt Idrizovic organisierten “Literarischen Salon”, eine kleine Perle in der insgesamt recht schwach aufgestellten Augsburger Literaturszene. (Wo bleibt eigentlich das von Kulturreferent Thomas Weitzel versprochene Literaturhaus?). Seit elf Jahren wird dort Literatur vorgestellt, empfohlen und verrissen. Seit vielen Jahren hat der stets ausverkaufte Salon sein Publikum gefunden, und […]

gesamten Beitrag lesen »



Literarischer Salon in der Haag-Villa

Drei versierte Literaturkenner stellen am 13. Juni um 19.30 Uhr in der Haag-Villa Augsburg im Rahmen der Reihe „Der literarische Salon“ drei Bücher vor und erklären, ob es sich lohnt diese zu lesen – oder eben nicht. Die Protagonisten in den jeweiligen Romanen verbindet das Versäumnis eines nicht erkannten Gefühls, eines unverarbeitetes Erlebnisses. Moderiert wird […]

gesamten Beitrag lesen »



“Lesende Straßenbahn” fährt Schulklassen durch Augsburg

Kinder zum Lesen animieren – das ist das Ziel der Aktion “Lesende Straßenbahn” der Stadtwerke Augsburg (swa) zusammen mit Partnern. Acht prominente Augsburger Vorleser haben acht Grundschulklassen in der historischen Straßenbahn Kinderbücher vorgelesen. In Zusammenarbeit mit der Stadtbücherei Augsburg, den Freunden der Neuen Stadtbücherei Augsburg e.V., dem staatlichen Schulamt der Stadt Augsburg und dem Netzwerk […]

gesamten Beitrag lesen »



Auf Brechts Spuren in Berlin: Vortrag wird wiederholt

Der Vortrag „Der Morgen riecht immer nach Raubtieren“, der sich mit Brechts Spuren durch die Großstadt Berlin beschäftigt, wird wegen großer Nachfrage wiederholt. Dr. Michael Friedrichs biografische Brecht-Lectures zeugen von großer Kennerschaft und reichem Detailwissen. Mit detektivischer Genauigkeit zeichnet er aus Bildern, Notizen, Zitaten und anderen Artefakten ein erhellendes Bild von Brecht in seinem alltäglichen […]

gesamten Beitrag lesen »



Stadtteilbücherei Lechhausen vergrößert sich

Die Stadtteilbücherei Lechhausen ist momentan in einem Gebäude der Blücherstraße 1 auf ca. 200 Quadratmetern untergebracht. Bis zum Jahresende soll sie auf 570 Quadratmeter erweitert werden. Die Stadtteilbücherei Lechhausen ist zurzeit flächenmäßig die kleinste Zweigstelle der Stadtbücherei im größten Stadtteil Augsburgs. Auch der Eingang ist bisher sehr versteckt und von der belebten Schlössle-Kreuzung nur eingeschränkt […]

gesamten Beitrag lesen »



Buchpräsentation im Maximilianmuseum

Am Dienstag, 9. April, präsentiert das Maximilianmuseum die erste Monografie zum Holzbildhauer Christoph Rodt. Der Holzbildhauer Christoph Rodt, geboren um 1578 in Neuburg a. d. Kammel, ist einer der bedeutenden Künstler Schwabens. Seine Werke prägen die Region. Ausgebildet wurde er vom Weilheimer Bildhauer Hans Degler, dem Schöpfer der Altäre von St. Ulrich und Afra in […]

gesamten Beitrag lesen »