DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Donnerstag, 02.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Kolumne

Eine neue Bank für die Bleich

Die Bleich ist bekannt – zumindest unter den hiesigen Ureinwohnern, die wie überall in den Städten, immer weniger werden. Die Bleich ist zusammen mit dem Pfärrle ein sehr altes Wohnviertel. Und im Gegensatz zu den neuen feinen Stadtteilen, wie zum Beispiel das Bismarckviertel oder Göggingen, lebt es sich dort beschaulich, ja geradezu gemütlich unmodern, weshalb die Menschen in der Bleich es mit Gelassenheit zur Kenntnis nehmen, wenn dort wenig oder gar nichts geschieht.

Von Siegfried Zagler

Alte Bank: Kunstwerk des Verfalls – ein Dokument des Niedergangs – Foto: © DAZ

In der Bleich nicken sich die Bewohner auf ihren Spaziergängen entlang der Kahnfahrt freundlich zu – und der vermutlich berühmteste Bleichbewohner aller Zeiten, nämlich Bertolt Brecht, hatte die Lechauen und die Altstadt vor der Tür, also eine komplette Welt, die ihn nicht nur zum unersättlichen Baal, sondern auch zu seinen frühen Liebesgedichten inspirierte.

Brechts Vater arbeitete in der Haindlischen Papierfabrik, die nun einem finnischen Konzern gehört. Die Fabrik prägte das Viertel, indem sie Wohnungen für ihre Arbeiter baute. Auf der Bank, von der hier die Rede sein soll, hat Brechts Vater auf seinem Weg vom Büro nach Hause Notiz genommen und Brecht selbst, soll sich dort mit seinen Spezies getroffen haben, bevor sie ihre Streifzüge unternahmen. Bänke sind die letzten Überlebenden einer vergangenen Zeit, in der es noch kostenlose Dienstleistungen der Kommunen für ihre Bürger gab.

Im Lauf der Zeit verlor diese Bank ihren Zweck, denn mit dem zunehmenden Verkehr, Lärm und Schmutz wollte sich kaum noch jemand neben den Kanal setzen, um dort ein wenig seinen Gedanken nachzuhängen. Spätestens mit dem Bau der neuen Lechhauser Lechbrücke, war es um diese Bank geschehen, da sie nun an einer Hauptverkehrsader gelegen, nichts mehr zu bieten hatte, was Bänke normalerweise bieten: eine Einladung zur Ruhe und Kontemplation.

Die einst so berühmte Bank wurde überflüssig und verschwand aus dem Fokus der Wahrnehmung und aus dem kollektiven Gedächtnis eines Stadtviertels. Die ungenutzte Holzbank schien sich zurück in Natur zu verwandeln. Seltene Moose, Käfer und Ameisen nagten an dem jahrzehntelang von Regen und Sonne gebleichten Holz. Wer von ihrer Existenz nicht wusste, übersah sie. Und nichts schien typischer zu sein, für die Bleich, ja für die gesamte Stadt, als der Verfall dieser Bank: Geschlagen vom Lauf der eigenen Geschichte, zurückgelassen im Windschatten der Zeit erhielt die einstige Bedeutsamkeit die Patina des Vergänglichen. Was für ein Bild!

Neue Bank, auf der niemand sitzen möchte – Ein Kunstwerk der Verwaltung –  Foto: © DAZ

Doch nun das: Das Kunstwerk aus Holz und Moos wurde vernichtet und durch eine neue Bank ersetzt. Die Stadt Augsburg hat der normativen Kraft des Faktischen (und dazu gehört auch der Verfall) eine Nase gedreht und tatsächlich dort eine eine neue Bank aufgestellt, wo niemand sitzen möchte. Fehlt nur die Hinweistafel: „Dies ist keine Bank“. Auch eine Metapher der eigenen Geschichte, freilich der jüngeren: Treffsicher an den Bedürfnissen der Bürger vorbei gehandelt – wie bei der Theatersanierung. Diese neue Bank in der Bleich wird wohl von ihren Bewohnern wie das ältere Kunstwerk zur Kenntnis genommen, nämlich kaum. Brechts Herr Keuner hätte diese Geschichte zu einer Weisheit gegossen.

 

gesamten Beitrag lesen »



Die Stadt im Blick – Oktober | Kolumne von Leo Dietz

ANZEIGE „Die Stadt im Blick – Oktober“ Liebe Augsburgerinnen und Augsburger, 100 Millionen Euro für Augsburg! Dies ist eine stolze Summe, die uns unser Ministerpräsident Markus Söder bei seinem Besuch versprochen hat. Damit verbunden ist ein Technologieschub in Forschung und Entwicklung in den Bereichen Luft- und Raumfahrt, Wasserstofftechnologie und Künstliche Intelligenz. Die Stärken und Kompetenzen […]

gesamten Beitrag lesen »



Die Stadt im Blick- September | Kolumne von Leo Dietz

ANZEIGE „Die Stadt im Blick – September“ Liebe Augsburgerinnen und Augsburger, die Sommerpause bedeutet für die Stadtpolitik immer eine ruhigere Phase im Stadtratsjahr. Dennoch wird auch in diesen Zeiten gearbeitet, es wird sich getroffen und diskutiert und die anstehenden Monate in den Blick genommen. Besonders in Corona-Zeiten steht die Politik nicht still, denn es muss […]

gesamten Beitrag lesen »



Die Stadt im Blick – Kolumne von Leo Dietz

ANZEIGE Liebe Augsburgerinnen und Augsburger, die letzte Stadtratssitzung vor der Sommerpause hatte es in sich! In einer Marathonsitzung wurden die Weichen für die Kulturlandschaft der Zukunft in unserer Stadt gestellt. Es war eine Richtungsentscheidung des Stadtrates, der mit einer Mehrheit an der Theatersanierung festhielt. Trotz der Kostensteigerung standen wir mit unserem Koalitionspartner Bündnis 90/Die Grünen […]

gesamten Beitrag lesen »



L wie Leopold

Nur eine Woche war das Leopold-Mozart-Haus nach seiner baulichen Sanierung und konzeptionellen Neuausrichtung wiedereröffnet, als das Virus kam und es wieder schließen musste – zusammen mit den Zoos, Gaststätten und anderen Spendern in Sachen Lebensfreude.   Doch damit nicht genug: Mitten in der Coronakrise verschwand das Leopold-L aus dem Schriftzug des Hauses. Eine Ungeheuerlichkeit für […]

gesamten Beitrag lesen »



Bananenröckchen zur Weihnachtszeit

Die neue DAZ-Rubrik „Das geht gar nicht“ soll auf Missstände, Vergessenes oder Verborgenes hinweisen, in der Stadt Augsburg gibt es davon reichlich. Heute senkt sich das Haupt vor dem Vogeltor zur Weihnachtszeit. Genau weiß man es heute nicht mehr, warum das Vogeltor „Vogeltor“ heißt. Seit 1374/75 ist an dieser Stelle ein Tor mit Brücke aufgezeichnet. […]

gesamten Beitrag lesen »



Welt voller TeufelInnen

Dass die Hölle ein real existierender Ort ist, ist schwer zu widerlegen, wenn man sich in der Welt der Lebenden ein wenig umsieht. Wenn man sich genauer umsieht, dann verliert sogar die biblische Vorstellung der Hölle ihren Schrecken. Um der metaphysischen Negierung des Himmels wieder jene furchteinflößende Kraft zu verleihen, die den Siegeszug und die […]

gesamten Beitrag lesen »



Kasperle auf der Bombe

Dass Augsburg als „Bombenstadt“ in die Geschichtsschreibung eingegangen ist, verdanken wir dem neuen Politmarketing der Stadtregierung, die sich in der Gestalt des Oberbürgermeisters daran begeisterte, dass sich die Bewohner eines Gefahrensektors so widerstandslos an die Anweisungen der Experten hielten und für ein paar Stunden ihre Wohnungen verließen. Von Helge Busch Dem Freilichtbühnen-Theater der Extraklasse folgt […]

gesamten Beitrag lesen »



In diesen heil’gen Hallen kennt man die Rache nicht

Wenn in Augsburg schon kein „ARD-Tatort“ gedreht wird, dann wenigstens vor Ort Tatort-Theater machen. So denkt Augsburgs neuer Intendant André Bücker. Von Helge Busch Ein Theater sei ein politischer Ort, der soziale Gegenwart reflektieren müsse, sagt Bücker. Wie wahr. Deshalb macht der neue Intendant die Augsburger mit seiner Tatort-Idee richtig mordlustig. Doch eigentlich müsste so […]

gesamten Beitrag lesen »



Es brennt, es brennt!

Alles ist gut und wird besser Von Helge Busch Personalisierte Schlagzeilen in der Zeitung sorgen garantiert für Zündstoff. Und wenn über ein Feuer auf einem Flachdach in Pfersee der OB beunruhigt war, fühlt sich der Augsburger AZ-Leser im Nachhinein wieder beruhigt. Ist es nicht schön zu wissen, dass selbst Brände, die dem obersten Feuerwehrmann der […]

gesamten Beitrag lesen »