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Donnerstag, 17.01.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

Theater

Staatstheaterwürdig

Mit Europe Central bringt das Schauspielensemble des Theaters eine bemerkenswerte Uraufführung und weiht gleichzeitig die neue Brechtbühne im Ofenhaus auf dem Gaswerkgelände ein

Eine markante Fußspur, mit der das noch neue Staatstheater seine Legitimation für die erste Liga eindrucksvoll bewiesen hat: Europe Central im Gaswerk © Jan-Pieter Fuhr

Ausgerechnet ein Amerikaner hat aus transatlantischer Distanz den Versuch gemacht, den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts in Europa in einem Roman zu erfassen. Europe Central von William T. Vollmann versammelt historische Fakten und exemplarische Biographien auf über 1000 Seiten und sieht Mitteleuropa (Europe Central) als Schaltstelle für die Geschehnisse. Dass der hoch gelobte Roman bei aller Dramatik der Geschichte des 20. Jahrhunderts nur wenig szenisches Potenzial aufweist, liegt auf der Hand. Dennoch wagte sich die Hausregisseurin des Staatstheaters Nicole Schneiderbauer daran, dieses epische Werk dem Augsburger Publikum als Uraufführung zu präsentieren.

Es war auch nicht irgendeine Premiere, die hier anstand, sondern gleichzeitig die Einweihung der neuen Brechtbühne auf dem ehemaligen Gaswerkgelände. Ein Interim, das neben dem Interim im Martinipark durchaus ein paar Jahre seinen Dienst tun soll, weshalb mit Spannung und Neugier bei den Besuchern zu rechnen war. Der Empfang auf dem Gelände bei widrigen Wetterverhältnissen verlief jedenfalls schon mal spektakulär: Neon und Fackeln einträchtig nebeneinander wiesen dem Autofahrer den Weg zum rechtzeitig fertiggestellten Parkhaus. Da hatte man es schnell verschmerzt, dass auf der Theaterhomepage keine Adresse der Spielstätte zwecks Eingabe ins Navi vermerkt ist.

Als positive Überraschung entpuppte sich das umgebaute Ofenhaus selbst – ein großzügiger Gastronomiebereich mit Sitzgelegenheiten, eine Band spielte zur Einstimmung, es gab Punsch und Suppe auf Kosten des Hauses. Auch von den Stehtischen der Galerie hat man einen guten Überblick auf das hervorragend aufgebrezelte Gebäude. Der Theatersaal selbst unterscheidet sich kaum von der früheren Brechtbühne, es gibt auch hier nur einen Zugang. Doch dafür sind die Sessel leuchtend rot aufgehübscht.

Für Europe Central sollte sich jedoch nicht deren Farbe, sondern deren Bequemlichkeit als entscheidend erweisen. Wie erwartet war die Umsetzung des Epochenromans eine Herausforderung an die Konzentration der Zuschauer: Rund vier Stunden dauerte die Aufführung bei zwei vorgesehenen Pausen. Der Sinn der zweiten Pause erschloss sich mir nicht, denn der letzte Teil umfasste  gerade noch zwanzig Minuten und war auch durch keinen Umbau gerechtfertigt.

Doch mehr als die Zuschauer waren die Darsteller gefordert. Nicole Schneiderbauer bewegt sich bei ihren Arbeiten gern im Grenzbereich zwischen Schauspiel und (Bewegungs-)Performance. Deshalb war auch kein Versuch erkennbar, in irgendeiner Weise gespielte Szenen darzustellen. Die sechs Darsteller (Ute Fiedler, Katharina Rehn, Karoline Stegemann, Roman Pertl, Patrick Rupar und Ellen Mayer) verkörperten zwar teils identifizierbare Charaktere (Schostakowitsch oder Hitler oder Käthe Kollwitz etwa), doch dominant waren Unmengen an Texten, für deren Memorieren man den Schauspielerinnen und Schauspielern höchsten Respekt zollen muss. Gleichzeitig folgten sie einer Choreografie, befanden sich auf der grau in grau gehaltenen Bühne mit nur wenigen Requisiten (Bühne und Kostüme: Miriam Busch) in einer ständigen kontrollierten Bewegung und Interaktion. 

Ellen Mayer gehörte dem Darstellerkreis als Musikerin an, sie (aber nicht nur sie) bearbeitete unter anderem ein präpariertes Klavier (das zum Schluss an der Decke hingt wie an einem Galgen) oder eine Art Harfe perkussionistisch. Die Vielfalt an Lauten – es kamen auch noch Textpassagen über das Hörgerät, das jeder Zuschauer am Eingang erhalten hatte – erforderte über die ganze Dauer der Aufführung höchste Konzentration, die zuweilen wohl auch überforderte – etliche Plätze blieben schon nach der ersten Pause leer.

Dennoch konnte man sich der Faszination des Stückes letztlich nicht entziehen. Das Lebensgefühl in einem totalitären Umfeld  und in einem furchtbaren Krieg erschloss sich mit großer Eindringlichkeit über die Ereignisfetzen der biographischen Gestalten – im Zentrum Dimitrij Schostakowitsch, ein eminenter Zeitzeuge des totalitären Jahrhunderts. Denn der Totalitarismus in Europa – und das zeichnet den Roman genauso wie die Inszenierung aus –  hat Ausprägungen von beiden Seiten, von der nationalsozialistischen wie von der bolschewistischen. Und wo es den Machthabern passte, machten sie gemeinsame Sache. Die Menschen erweisen sich als Spielbälle im Kreuzfeuer der Ereignisse. Ihre Versuche, sich aufrecht zu positionieren, eine Überzeugung zu entwickeln, sind mit großen Opfern und  Kompromissen verbunden – oder ganz zum Scheitern verurteilt. Dass die Spur von Macht, Gehorsam und bedingungsloser Loyalität bis hin zur Nibelungesage reicht, zeigt die historische Globalsicht, die dieses Werk auszeichnet. Vielleicht geht das tatsächlich nur aus der transatlantischen Distanz.

Ein Publikumsrenner wird „Europe Central“ nicht werden. Aber es ist eine markante Fußspur, mit der das noch neue Staatstheater seine Legitimation für die erste Liga eindrucksvoll bewiesen hat. —- Halrun Reinholz

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