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Montag, 23.03.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Der Auftrag zur Erneuerung: Augsburgs demo­kratischer Gezeitenwechsel

Es gibt Tage, an denen eine Stadt tief Luft holt. Gestern Abend hat Augsburg genau das getan. Mit einem klaren Ergebnis von 56,58 Prozent für Dr. Florian Freund haben die Bürgerinnen und Bürger eine Entscheidung getroffen, die weit über das tages­politische Kalkül hinausreicht. Es ist ein Votum, das Respekt verlangt – Respekt vor dem Sieger, aber ebenso Respekt vor der unter­legenen Amts­inhaberin Eva Weber, die diese Stadt durch eine der schwierigsten Epochen der Nachkriegs­geschichte geführt hat.

Von Sait Içboyun

Chance auf neues Leben in der Fugger-, Brecht- und Friedens­stadt: Wahlsieger Dr. Florian Freund

Man muss die politische Land­schaft Augs­burgs mit feinem Besteck sezieren, um diesem Abend gerecht zu werden. Eva Weber hat das Rathaus sechs Jahre lang mit einer Energie und Moder­ni­tät geleitet, die das Bild der Fugger­stadt nach außen hin positiv geprägt haben. Ihr Einsatz für die Friedens­stadt, für Gleich­berechtigung und gegen den popu­­listi­schen Zeitgeist bleibt ein blei­bendes Verdienst. Doch in der Politik gibt es die „Erosion des Vertrauens“, wenn große Visionen den Blick auf die kleinen, aber drängenden Nöte des Alltags verstellen. Hier liegt die Paral­lele zu Paul Wengert im Jahr 2008: Auch damals wurde eine erste Amts­periode zwischen hohen Investi­tions­zielen und der Erwar­tungs­haltung der Bürger im Viertel zerrieben.

Eva Weber war 15 Jahre lang Gesicht und gestaltende Kraft

Dabei greift der Blick auf nur eine Amtszeit als Ober­bürger­meisterin zu kurz. Eva Weber war keine New­comerin, als sie 2020 das höchste Amt übernahm. Seit nunmehr fünfzehn Jahren, beginnend mit ihrer Wahl zur Wirt­schafts­referentin im Jahr 2011 und gefolgt von sechs Jahren als Zweite Bürger­meisterin, war sie das Gesicht und die gestal­tende Kraft der Augs­burger Stadt­regierung. Sie hat die Ära Gribl nicht nur miterlebt, sie hat sie als Finanz­referentin operativ mitgeformt. Diese lange Konti­nuität in der Regierungs­ver­ant­wortung ist Fluch und Segen zugleich: Sie steht für die Stabili­tät der ver­gangenen Dekade, aber sie trägt auch die Last aller unge­lösten Konflikte dieser Jahre. Nach andert­halb Jahr­zehnten in der Exeku­tive ist das Bedürf­nis der Stadt­gesell­schaft nach einem neuen Stil, nach neuen Gesichtern und einer anderen Ansprache nur allzu menschlich. Das gestrige Ergebnis ist daher auch das Ende einer Ära, die weit vor 2020 ihren Anfang nahm.

Mathematisch delikate Herausforderung

Doch der Blick auf das nackte Wahlergebnis greift zu kurz. Die eigentliche Heraus­forderung beginnt heute im Stadtrat, und sie ist mathematisch delikat. Die SPD, die nun den Ober­bürger­meister stellt, verfügt gerade einmal über acht Stadt­rätinnen und Stadträte. Das ist eine schmale Basis für eine Gestaltungs­macht. Florian Freund wird die Kunst des Brückenbauens perfek­tio­nieren müssen.

Hier rücken die Grünen ins Zentrum. Sie waren sechs Jahre lang ein loyaler, verläss­licher Partner und haben maßgeblich dazu beigetragen, Augsburg ökologisch und gesell­schaftlich moderner aufzu­stellen. Ihr Schicksal war eng mit dem Scheitern von Schwarz-Grün verknüpft, doch ihre Kern­kompetenzen in der Klima- und Verkehrs­politik bleiben unver­zichtbar. Sie müssen nun entscheiden, wie sie ihre Rolle in einer neuen Kon­stel­lation definieren, um weiterhin Motor des Fortschritts zu sein.

Bürgermeister Volker Ullrich?

Ebenso spannend bleibt die Rolle der CSU. Dass die Christ­sozialen den Weg in die harte Oppo­sition wählen, ist kaum vorstellbar; ihre Identität ist mit der Gestaltung der Stadt verwoben. Hier drängt sich eine Personalie auf: Dr. Volker Ullrich. Als leiden­schaft­licher Vollblut­politiker, der im Bundestag bewiesen hat, dass er ein fleißiger Arbeiter für seine Heimat ist, stünde ihm eine Rückkehr in die aktive Stadt­politik – etwa als Bürger­meister oder Referent – sicherlich näher als ein Posten in der Ferne. Für seine politische Karriere in der Öffent­lich­keit wäre die Rückkehr in das „Herz“ der Augsburger Kommunal­politik ein reiz­vollerer und logischer Schritt.

Interessant wird zudem der Umgang mit der Linken. Mit ihren fünf Stadträten bilden sie eine stabile, eigen­ständige Kraft, die explizit nicht zum oft zitierten „Flohzirkus“ der kleineren Gruppie­rungen gezählt wurde. Es wäre ein Zeichen von politischer Klugheit und Weitsicht, wenn Florian Freund diese jungen, engagierten Menschen in die Gestaltung der Stadt­politik einbindet. Die Linke hat mit fast 8 Prozent und Themen wie dem Heizkosten-Check gezeigt, dass sie nicht nur die Abgehängten repräsen­tiert, sondern ein neues, breites Klientel anspricht, dem bezahlbarer Wohnraum eine Herzens­angelegen­heit ist.

Bürger wollen Alltagslösungen

Auf der anderen Seite die AfD: Erwartet wurden teils bis zu 20 Prozent, doch am Ende landete sie bei knapp 13,58 % und erhält genau acht Sitze – genauso stark wie die SPD. Sie wird voraus­sichtlich in der harten Opposition bleiben. Das unter­streicht aber auch, dass der große Wechsel­wunsch der Bürger nicht in Richtung Radikali­sierung ging, sondern auf konkrete Alltags­lösungen zielte.

Oder wird Florian Freund das Wagnis eingehen, eine breitere Zusammen­arbeit mit Teilen des von Frau Weber despek­tierlich als „Flohzirkus“ bezeich­neten Bündnisses zu wagen? Dann wird es spannend: Einerseits könnte Themen­über­ein­stimmung entstehen, anderer­seits droht eine Kakophonie der Ansprüche. Die Gefahr liegt auf der Hand – es sei denn, die Kräfte bilden wie in der Vergangen­heit stabile Fraktionen zusammen (z. B. SPD, Generation AUX, Volt, ÖDP, V-Partei³), etwa als „Fraktion Soziale Zukunft“. Es gibt jedenfalls viele Möglich­keiten – Hauptsache am Ende ist dieser Stadt­gesellschaft gedient.

Brückenbauer Florian Freund

Genau in diesem Spannungsfeld liegt der eigentliche Kern des Abends. Dass die Wählerinnen und Bürger den Wechsel herbei­geführt haben, ist kein Urteil über Personen, sondern ein klares Signal: Die Stadt sehnt sich nach einer Neu­justierung der Prioritäten. Wenn Schul­toiletten weiterhin marode sind, wenn der ÖPNV-Takt den Pendler­alltag nicht mehr trägt, wenn bezahlbarer Wohnraum unerreichbar wird und wenn Leerstände in der Innenstadt das Bild einer verödenden City prägen, summiert sich das zu einem Unbehagen, das sich an der Wahlurne entlädt. Kommunale Demokratie nährt sich vom Konkreten, vom Sichtbaren im Viertel – und genau dort hat der Puls der Stadt gestern Abend am lautesten geschlagen.

Florian Freund ist es gelungen, eine Brücke zu bauen. Sein Bündnis aus ÖDP, WSA, Volt, V-Partei³ und Generation AUX sowie die Wahl­empfehlung des BSW verdeutlicht, dass er genau jene Wähler­schichten erreichte, die sich vom bisherigen Kurs nicht mehr repräsen­tiert fühlten. Entscheidend war dabei seine Präsenz: Freund war ständig unterwegs, besuchte alle Milieus und hat mit unermüd­lichem Einsatz eine echte Wechsel­stimmung entfacht.

Doch die niedrige Wahlbeteiligung von knapp 37 Prozent ist ein Wermuts­tropfen. Er zeigt eine Distanz zwischen Bürgerschaft und Politik, die nun mit Arbeit und Transparenz überbrückt werden muss. Augsburg wünscht sich Stabilität und eine fort­schritt­liche Verwaltung, die auf die Heraus­forde­rungen der Stadt­gesell­schaft mit schnellen Lösungen antwortet. Dr. Florian Freund tritt sein Amt als Dienstleister einer Stadt an, die nach Erneuerung dürstet. Es ist eine Chance, die Identität als Fugger-, Brecht- und Friedens­stadt mit neuem Leben zu füllen. Der Puls der Stadt schlägt heute ruhig, aber erwartungsvoll.



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