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Dienstag, 21.06.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Musik

Kiss Me Kate: Macho-Welt auf der Freilichtbühne – ironiefrei und platt, aber mit Ohrwurm-Garantie

Kiss Me Kate: Schön für einen lauen Sommerabend, aber zu platt für die Ansprüche eines Staatstheaters

Von Halrun Reinholz

Kiss me Kate — Foto © Jan-Pieter Fuhr

Lange schon war die Produktion für die Freilichtbühne geplant, nun kam „Kiss Me Kate“ endlich zum Zug. Besser konnte das Wetter am Premierenabend kaum sein – „Viel zu heiß“, wie wir später auf der Bühne zu hören bekamen. Das Publikum strömte, die Kapazitäten der Freilichtbühne waren tatsächlich voll ausgeschöpft. Alle hatten Lust auf das den meisten wohl bekannte Musical von Cole Porter. Hier geht es um eine Theatertruppe, die Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ als Musical auf die Tourneebühne bringt. Geschickt hat Cole Porter die Handlung innerhalb der Theatertruppe, deren Leiter Fred Graham sich selbst als Petruchio besetzt hat und für die Rolle der widerspenstigen Katharina ausgerechnet seine Ex-Ehefrau Lilli Vanessi auserkoren hat, mit dem Geschehen in Shakespeares Stück aus dem 16. Jahrhundert verknüpft. Die Wirrungen um diesen Theater-Rahmen und das Stück im Stück bieten Porter viel Raum für eine ganze Reihe witziger Musikstücke, von denen einige mittlerweile so bekannt sind, dass sie als Schlager wahrgenommen werden – Stichwort: „Schlag nach bei Shakespeare“.

Das Augsburger Freilichtbühnen-Publikum hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass es praktisch nur noch Musical-Produktionen gibt. Diese können vom eigenen Ensemble nicht gänzlich bestritten werden, weshalb Musical-Profis als Gäste eingeladen werden. Das hat einerseits den Reiz, neue (oder oft auch vom letzten Sommer vertraute) Gesichter in Augsburg zu sehen, andererseits verblasst das eigene Ensemble in der Nebenrolle: Orchester, Chor und Ballett werden nur am Rand wahrgenommen. Es sei denn, einzelne Chor-Mitglieder, im aktuellen Fall Gerhard Werlitz und Erik Völker, bekommen „tragende“ Rollen, die sie mit Witz ausfüllen und damit große Begeisterung auslösen.

Begeisterung bei den Zuschauern riefen auch die Gäste hervor. Susanna Panzner als widerspenstige Lilli Vanessi musste sich zwar erst warm singen, Samuel Schürmann als Schwerenöter Fred Graham zeigte Schmalz, Katharina Wollmann als Lola Lane bzw. Bianca war stimmlich herausragend. 

Komisches Talent zeigte Mario Mariano als Paul. Maryanne Kelly als Hattie bewies ihre (auch stimmliche) Wandlungsfähigkeit und Oliver Marc Gilfert gefiel sich als twitternder Trump-Verschnitt mit Cowboy-Hut. Klaus Seiffert ist ein erfahrener Regisseur mit guten Kontakten und Gespür für operettenselige Stimmung, die vom hervorragend agierenden Ballett-Ensemble und dem im regensicheren Kabuff unter der Leitung von Justin Pambianchi agierenden Orchester mit getragen wurde. 

Bei all der Begeisterung fiel fast gar nicht auf, dass die Handlung des Stücks so gar nicht dem Zeitgeist entspricht. Da knallt der Macho mit der Peitsche und versohlt dem ungehorsamen Weib den Hintern, als hätte sie es verdient. Und das völlig ironiefrei, ohne jede psychologische Differenzierung, die in Shakespeares Vorlage durchaus da ist. Cole Porters Musical stammt aus dem Jahr 1948, wo ein angepasstes Frauenbild ohne Wenn und Aber in die Landschaft passte. 

Für die heutige Lebenswelt müsste man sich die eine oder andere satirische Spitze einfallen lassen oder zumindest darauf fokussieren, dass es sich bei Fred und Lilli tatsächlich um Liebe handelt, die sie aneinander fesselt. Doch Musical-Darsteller sind keine Schauspieler, das fällt bei so einem kritischen Thema besonders ins Auge. So bleibt es bei der Typenkomödie, reich an Gags und Klischees, die überlagert sind von netten, wenig tiefgründigen musikalischen Einlagen mit Ohrwurm-Garantie. Schön für einen lauen Sommerabend, aber ein bisschen platt für die Ansprüche eines Staatstheaters. Wird vielleicht doch mal wieder Zeit für eine Eigenproduktion des Theaters mit dem eigenen Ensemble auf der Freilichtbühne.

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