DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Mittwoch, 26.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Musik

Moskau, Tscherjomuschki: Der Versuch von Satire in der Sowjetunion

Eine Operette von Schostakowitsch? Eine musikalische Satire in finsteren Sowjetzeiten? Die jüngste Premiere des Musiktheaters im Martinipark bricht mit so mancher Erwartungshaltung.

Von Halrun Reinholz

Moskau, Tscherjomuschki — Foto: © Jan-Pieter Fuhr

Die Augsburger Philharmoniker unter GMD Domonkos Héja haben in den letzten Spielzeiten einige Male Werke von Schostakowitsch gespielt und dabei viele Facetten dieses begabten und innovativen Komponisten gezeigt, dem die Zeitläufe im Sowjetkommunismus übel mitgespielt haben. Auch das Musiktheater hatte bereits Schostakowitschs Oper „Lady von Mzensk“ auf dem Spielplan – ein Werk, das Stalins Zorn hervorrief und Schostakowitsch fast zum Verhängnis wurde. Nun kann man im Martinipark wieder eine ganz andere Facette dieses Komponisten kennenlernen: Die musikalische Satire „Moskau, Tscherjomuschki“ ist eine Art Operette, die sich kleine Spitzen gegen Zustände in der poststalinistischen Sowjetunion leistet und dabei das  „kleine Tauwetter“ nutzt, das nach Stalins  Tod ein gewisses Aufatmen in der sowjetischen Kulturszene ermöglichte – bis Chruschtschow die Zügel bald wieder anzog.

Unter dieser Prämisse muss die etwas dürftige Handlung des Singspiels auch gesehen werden. Es geht um das im Entstehen begriffene Moskauer Neubauviertel Tscherjomuschki, das die akute Wohnungsnot in der sowjetischen Hauptstadt lindern soll. Ein „Zuweisungsschein“ bringt die in Schlangen Wartenden dem Glück ein Stück näher, aber freilich ist da noch der Hausverwalter Barabaschkin (Gerhard Werlitz), der die Schlüssel ausgibt. Sein Gehilfe hat schon mal vorab mit einer lockeren Kopfdrehung nach links oder rechts die Wartenden vorab „aussortiert“.

Barabaschkin ist seinerseits aber der hörige Lakai des Parteibonzen Drebednjow (Shin Yeo), der auf Drängen seiner aufgetakelten Ehefrau Wawa  (Kate Allen) zwei Wohnungen zu einer größeren zusammenlegen lässt. Leidtragende sind Lusja (Olena Sloia) und ihr Vater Baburow (Gerald Fiedler), dessen Haus abgerissen werden soll. Um Lusjas Gunst buhlt sowohl der schüchterne Sergej (Roman Poboinyi), Fahrer des Parteibonzen, als auch der (für sowjetische Verhältnisse) unkonventionelle Herumtreiber Boris (Wiard Withold). Und da ist auch noch das Durchschnitts-Ehepaar Sascha (Alejandro Marco-Burmester) und Mascha (Natalya Boeva), die durch den Zuweisungsschein nun endlich auch zusammen wohnen können.

Sie alle agieren mit Witz, Tempo und oft grotesker Situationskomik auf hohem spielerischen Niveau, das den Sängern hier abverlangt wird. Allen voran die kleine, quirlige Olena Sloia, die mit dem größten Mann im Ensemble, dem gefühlt Zwei-Meter-Mann Wiard Witholt, ein besonders komisches Gespann abgibt. Als Kunsthistorikerin führt Lusja Touristen durch das Museum der Moskauer Stadtgeschichte, eingezwängt in ein Matrioschka-Kostüm, das sie sich auf der Bühne im Handumdrehen übergestülpt hat. Ihr unglaubliches Temperament bestimmt das Tempo  des Spiels.

Als Gast vom Schauspiel sticht Gerald Fiedler heraus, der die ganze Zeit über ein Huhn im Arm hält und dieses auf bauchrednerische Weise (mit) agieren lässt. Seine Gesangseinlage kann sich hören lassen, trotz des hochprofessionellen sängerischen Umfelds . Eine Überraschung für die Erwartungshaltung des Publikums ist zweifellos Schostakowitschs Musik – leicht und operettenhaft kommt sie daher, zuweilen mit schrägen Tönen durchsetzt. Bei näherem Zuhören könnte man Zitate erkennen, etwa von Offenbach. Nur für Insider (also Russen) erkennbar, ist der Zugriff auf bekannte Volkslieder und Gassenhauer, auch Schlager. Und dann zitiert er sich auch selbst, mit schelmischer Ironie, dem Tauwetter vertrauend. Ein außergewöhnlicher Genuss.

© Jan-Pieter Fuhr

Vielleicht gab der Insider-Blick den Ausschlag für das besondere Konzept dieser Produktion, die komplett zweisprachig ist. Die Dialoge werden deutsch gesprochen und russisch übertitelt, die Lieder russisch gesungen und deutsch übertitelt. Damit wendet sich das Theater ganz bewusst an die offenbar theateraffine russische Community der Stadt, für die es bereits seit einiger Zeit eine russische Version der Homepage gibt. Andererseits verfügt auch das Ensemble über ein gutes Potenzial an russisch  sprechenden Akteurinnen und Akteuren, die in so einem Stück spielerisch zum Zug kommen – selbst dann, wenn sie die Dialoge deutsch sprechen. So nebenbei schnappt man zum Beispiel die die richtige Aussprache des Zungenbrechers „Tscherjomuschki“ auf – die Betonung liegt tatsächlich auf dem „o“.

Roman Poboinyi und Natalya Boeva werden ihren des Russischen unkundigen Kollegen den einen oder anderen Tipp bei der Betonung der Liedtexte mitgegeben haben, ebenso wie die Chordirektorin Katsiaryna Ihnatsieva-Cadek beim Einstudieren der Chöre auf ihre Sprachkompetenz zurückgegriffen haben wird.

Für den musikalischen Leiter Ivan Demidov war Schostakowitsch sichtlich ein Heimspiel, das er mit Freude bestritt. Es gibt sogar einen kurzen Dialog zwischen ihm und einem Darsteller, wo Demidov (auf russisch) sagt: „Wir machen hier Theater, nicht Zirkus“.

Doch genau diesen Zirkus-Eindruck hatte man bei der Inszenierung. Corinna von Rad verzichtet mit gutem Grund darauf, der Handlung aus dem Alltag des real existierenden Sowjetkommunismus einen aktuellen Bezug zu geben – was bei dem Thema Wohnungsnot, Privilegien und Korruption vielleicht nicht ganz so weit hergeholt gewesen wäre. Sie versäumt es andererseits aber auch, sich auf die längst historische und von jüngeren Generationen kaum noch nachvollziehbare Situation der Menschen in der Sowjetunion der Endfünfziger (und der Bedeutung von Satire in diesem Kontext) ernsthaft einzulassen.

Die Warteschlange bunt gekleideter Menschen gleicht einem Kostümfest, die menschlichen Verwirrungen und Konflikte zeigen statt Ironie oder Satire durchgehend boulevardeskes Slapstick. Keine Andeutung der gleichförmigen Tristesse und Kargheit, die eine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung als das Paradies auf Erden erscheinen lässt. Besonders schräg die knallig-bunte auf „amerikanisch-naiv“ gemachte Touristengruppe im Museum.

Es agiert ein permanentes buntes Gewusel auf der Bühne, die teilweise nur halb genutzt wird, weil sich hinter einem „Bauzaun“ die Baustelle von Tscherjomuschki verbirgt. Dennoch, und das ist vor allem dem Agieren der Darstellerinnen und Darsteller zu verdanken, herrscht durchgehend gute Stimmung, auch da, wo die Handlung allzu kitschig daherkommt. Aber so ist das eben in der Operette, auch wenn sie – sowjet-politisch korrekt – „musikalische Satire“ heißt. Operette im besten Sinn des Genres. Das Publikum honoriert mit ausdauerndem Applaus. Konsequenterweise sind die nächsten Vorstellungen im Umfeld des Weihnachts- und Silvesterprogramms verortet.

gesamten Beitrag lesen »



Stil-Synthesen: Jupiter und Herzog Blaubart beim großartigen Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker

Es ist nicht immer leicht, dem Programm der Sinfoniekonzerte einen „Titel“ für Plakat und Programmheft zu geben – so manche interessante Wortschöpfung konnten die Konzertbesucher im Laufe der Zeit schon erleben. Beim November-Konzert jetzt also: „Stil-Synthesen“. Gemeint ist wohl der Spannungsbogen zwischen zwei Werken, die überhaupt nichts Gemeinsames haben: Mozarts sehr bekannte und oft gehörte […]

gesamten Beitrag lesen »



Der Tanz der Orgel

Prof. Karl Maureen entlockt der Steinmeier-Orgel in der Kongresshalle ungewöhnliche Klangnuancen Von Halrun Reinholz Unter dem Slogan „Orgelmusik – tänzerisch inspiriert“ wurde ein Solo-Orgelkonzert im Kongress am Park angekündigt. Der emeritierte Orgel-Professor und Leiter des Fachbereichs Kirchenmusik an der Hochschule für Musik Augsburg hatte sich als Gestalter dieses Abends vorgenommen, ganz andere Facetten der Königin […]

gesamten Beitrag lesen »



Dimensions of Dance – oder die Vielfalt des Tanzes an drei Beispielen

Sie tanzen wieder, live und vor Publikum. Und auch die Zuschauer sind wieder da, wenn auch etwas verhalten und vorsichtig. Waren die Ballettabende vor der Corona-Pandemie immer frühzeitig und restlos ausverkauft, lässt sich jetzt auch spontan noch die eine oder andere Karte ergattern. Noch. Von Halrun Reinholz Denn wenn es sich erst herumgesprochen hat, mit […]

gesamten Beitrag lesen »



„Ich fürchte seine Güte“: Mozarts Oper „Clemenza di Tito“ am Staatstheater Augsburg

Zeitgleich mit der häufig gespielten „Zauberflöte“ komponierte Mozart auch die opera seria „La Clemenza di Tito“. Ein Kammerspiel fast, das dramaturgisch an sich wenig Potenzial zu bieten scheint. Die Oper entstand aus Anlass der Krönung Kaiser Leopolds II. und war deshalb nicht als Konfrontation mit herrschenden Zuständen konzipiert.  Von Halrun Reinholz Und doch geht es […]

gesamten Beitrag lesen »



All That Jazz: Das Musical „Chicago“ auf der Freilichtbühne

Nach der langen Abstinenz mutet es fast surreal an, zwischen lebendigen Menschen auf den Rängen der Freilichtbühne zu sitzen. Klar, in gebührendem Abstand und mit freien Reihen dazwischen, die Maske jederzeit griffbereit. Man hat sich an einiges gewöhnt in den letzten 18 Monaten. Und dieser fast normal wirkende Theaterabend lässt hoffen, dass zumindest der Sommer […]

gesamten Beitrag lesen »



Augsburger Philharmoniker: Neustart im Kongress am Park mit Wunschkonzert und Evgeny Konnov

Viel Gelegenheit hatte das Augsburger Publikum in dieser Spielzeit nicht in seiner Eigenschaft als „artist in residence“ zu sehen und zu hören. Vielversprechend hatte es angefangen im September, als er sich der coronabedingt dezimierten Zuhörerschaft mit Tschaikowskys erstem Klavierkonzert vorstellen durfte. Von Halrun Reinholz Nach langer Pause konnte nun zum Abschluss der Spielzeit wieder ein Konzert […]

gesamten Beitrag lesen »



A Nod to Bob: Zum 80. Geburtstag von Bob Dylan

Weltweite Würdigungen, zahlreiche Neuerscheinungen und unzählige Podcasts und Radio-Features liefern die Begleitmusik zum 80. Geburtstag des Songpoeten und Nobelpreisträgers aus Minnesota. Sie sind Ausdruck für die ungebrochene Faszinationskraft dieses Ausnahmekünstlers auf der Schlussetappe seiner Neverending Tour. Von Udo Legner Schenkt man den Erkenntnissen der zahlreichen Dylan Experten Glauben, so hatten Herkunft und Elternhaus maßgeblichen Einfluss […]

gesamten Beitrag lesen »



Ab 22. März mit flexibler Zuschauerobergrenze: Öffnung von Theatern, Konzert- und Opernhäusern

Corona-bedingt eingeschränkte Öffnungen von Theatern, Konzert- und Opernhäusern stehen vor der Tür – ab 22. März mit flexibler Zuschauerobergrenze. Die maximal Zuschauerzahl soll abhängig von örtlichen Gegebenheiten von Ort zu Ort flexibel gestaltet werden. Über dem Inzidenzwert von 50 braucht es ein negatives Testergebnis als Eintrittsvoraussetzung. Dies gab Kunstminister Bernd Sibler heute bekannt. „Theater, Konzert- und Opernhäuser […]

gesamten Beitrag lesen »



Happy Birthday, Joan Baez

Joan Baez, die Folksängerin und Ikone der amerikanischen Gegenkultur, wurde gestern 80 Jahre alt. Von Udo Legner  Seit dem Beginn der 60er Jahre engagiert sich die Friedensaktivistin für eine bessere Welt und prangert in ihren politischen Liedern soziale Ungerechtigkeit und Rassendiskrimierung an. Joan Baez, die Stimme und das Gewissen der Sechziger Jahre, verdankte ihre Politisierung […]

gesamten Beitrag lesen »