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DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Montag, 22.07.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

Musik

Jazzsommer: Traumwandlerisch, filigran, poetisch

Drei Konzerte in einer phänomenalen Jazzsommer-Woche

Von Frank Heindl

Die zweite Woche des Augsburger Jazzsommers schloss auch das Doppelkonzert am Freitag ein. Und so konnte die Reihe im Botanischen Garten nach dem herausragenden Start eine Woche zuvor (https://www.daz-augsburg.de/jazzsommer-auftakt-gaensehautfeeling-pathos-grosse-kunst) gleich dreimal das Niveau halten.

Bildnachweis: Stadt Augsburg

Am Mittwoch war es der Gitarrist Wolfgang Muthspiel, der mit seinem Quintett die Jazzfans begeisterte. An diesem Abend ging es um Farben und Schattierungen, um das Dahintreiben, Schwimmen und Fließen in Klangbächen und Bildströmen. Zu erkennen war das schon im zweiten Stück, als im Solo-Teil nur schwer zu erkennen war, welcher von den fünf Musikern nun gerade „dran“ war. Keiner legte richtig los, alle fünf aber bewegten sich in einem musikalischen Hin und Her, einem steten Auf und Ab, einer Abfolge von hohen Wellen und tiefen Wellentälern, einem Strömen und Ineinanderfließen.

Das Muthspiel Quintet – traumwandlerisch und organisch

Ein hoch anspruchsvolles Spiel wurde da gespielt, in dem sich fünf souveräne Musiker permanent gegenseitig Bälle zuspielten. Der international auch als Solist hoch angesehene Österreicher Muthspiel brachte in seinem Quintett  den Trompeter Matthieu Michel und den Pianisten Colin Vallon mit. Dazu kamen zwei Musiker aus den USA: Joe Sanders am Bass und Jeff Ballard an den Drums. Vallon gelingt am Flügel – beispielsweise – das Kunststück, in der rechten Hand nach Minimal Music zu klingen und gleichzeitig in der linken mit einem hochkomplexen Ostinato zu begleiten. Michels Trompete stach vor allem in einem Stück des ersten Sets heraus, das an den rock- und funkorientierten Miles Davis der 80er-Jahre erinnerte – allerdings ganz ohne dessen Elektronikpower. Ein Stück war das, in dem Ballard sich zu intensivem, kraftvollem Schlagzeugspiel bekennen durfte, das ihm am meisten zu liegen scheint. Sanders am Bass singt mit seinem Bass, umtanzt ihn und die Band mit weiten Linien. Und schließlich ist da noch Muthspiel, der sein Quintett mit Präzision und gleichzeitig größter harmonischer Offenheit durch ein Stilgemisch führt, in dem auch einmal Salsaklänge ihren Platz finden, in dem aus fugenhaft verflochtenen Themen und Einsprengseln immer wieder und oft ganz unerwartet ein schwingendes, bebendes, fragiles Ganzes entsteht, ein traumwandlerisches Gleiten und Treiben zur organischen Einheit.

Das Harrycane Orchestra – mächtige Klangtürme und filigrane Rhythmik

Ganz anders und doch ähnlich das Harrycane Orchestra am Freitag. Statt großer strukturellen Offenheit wie bei Muthspiel standen hier einfachere Songstrukturen im Vordergrund – und teilweise mächtige, ausdrucksstarke Klangtürme, deren Grundlage hinterm Schlagzeug Bandleader Harry Alt mit sonsoren Bordun-Tönen vom indischen Harmonium legte. Zusammen mit dem Klavier (David Kremer) schuf das einen dunklen, massiven Hintergrund für Tarkan Yesil. Der zeigte nicht nur hinreißende, allerfiligranste Rhythmusgestaltung an seinen Perkussionsinstrumenten, sondern auch zauberhaften orientalischen Gesang, mit dessen Hilfe einige der Stücke ihre fesselnd-meditative Komponente erhielten. Kay Fischer legte sozusagen eine Brücke zwischen arabischem Melodiespektrum und westlichem Jazz – an der Klarinette mit orientalischen Farben, am Saxophon mit selten exaltiertem, aber doch experimentierfreudigem Jazzspiel. Zum farbigen Klang gehörten auch die Saiteninstrumente von Joe Aykut (er spielte oud und cümbüc), und Giuseppe Puzzo, der körperlich sein Instrument umtanzt, musikalisch die Songs mit wunderbar gesetzten Basslinien umgarnt und einspinnt. Im Herbst gibt es das Programm dieses Abends auf CD, dann zusätzlich unterstützt durch Mitglieder der Augsburger Philharmoniker – man darf sich darauf und auf ein Dezember-Konzert in der neuen Brechtbühne freuen.

Das Brandqvist Trio – klar, poetisch, schön

Als zweite Band stand am Freitagabend das Trio des schwedischen Schlagzeugers Emil Brandqvist auf der Bühne – eine weitere vom Drummer geleitete Formation. Dass das Konzert fantastisch war, ist das eine. Man muss aber an dieser Stelle auch dem Augsburger Publikum ein großes Kompliment machen. Denn es konnte zunächst keineswegs als ausgemacht gelten, dass die Nordländer (neben Brandqvist der Schwede Max Thornberg am Bass und der Finne Tuomas Turunen am Flügel) das Publikum mitreißen würden.

Denn das Programm war, so klischeehaft sich das lesen mag, „typisch nordisch“ im kammermusikartig klaren Zusammenspiel wie in den Themen, die sich nicht zufällig unter anderem an nordischen Landschaften orientierten – klare, kalte Gebirgsbäche kamen einem da in den Sinn und man konnte beim Zuhören fast deren ruhiges Dahinströmen und -plätschern vernehmen – ohne dass die Musik im mindesten geplätschert hätte. Ein Musiker im Publikum meint gar, einen „Bruch im Raum-Zeit-Kontinuum“ verspürt zu haben, so weltabgewandt versunken, so fernab des Gewohnten schien ihm die Musik des Trios. Auch das Naturerlebnis der wunderbar warmen Sommernacht im Botanischen Garten mag zu dieser Empfindung beigetragen haben.

Trotz des himmelweiten Unterschieds zum soundsatten, rhythmisch-mitreißenden Harrycane-Orchester zuvor brauchte das Publikum maximal eineinhalb Stücke, um auch Brandqvists Trio mit begeistertem Applaus zu belohnen, um sich über deren hochdynamisches Spiel (und vor allem die sehr leisen Stellen) zu freuen, um sich beispielsweise an einem scheinbaren Fadeout in immer weniger, immer leiseren Tönen zu begeistern, dass dann doch kein Ausblenden war, sondern in ein vom gestrichenen Bass angeführtes neues Furioso mündete. Zu schweigen von schwer durchschaubaren Polyrhythmen, von perkussiv geprägten Zwischenteilen – perkussiv an allen drei Instrumenten! – von kaskadisch aneinandergereihten Klavier-Arpeggien, von – noch einmal und damit zum dritten Mal in dieser Jazzwoche – stets melodieorientierten Themen und Improvisationen, die man allesamt auch einfach als „poetisch“ und – noch schlichter, als „schön“ bezeichnen durfte.

 

 

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