DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Samstag, 03.12.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Literatur

Entdeckung des Unsichtbaren: Der Kriminalroman „Die Silberkammer“ erzählt von der Stadt Augsburg und ihren verborgenen Schätzen

Einem unbekannten Autor ist ein bemerkenswerter Kunstkrimi gelungen. Der zweite Fall soll im Anmarsch sein. Die Stadt Augsburg und ihre Kunstschätze spielen dabei eine wichtige Rolle.

Von Siegfried Zagler

Wißner-Verlag – Taschenbuch – 263 Seiten – 15 Euro

Stellen sie sich vor, sie stehen in einem Buchladen und wollen nichts Bestimmtes, dies aber ganz bewusst. Sie schmökern in der Krimi-Ecke ein wenig im neuen Heinrich Steinfest, favorisieren aber eher den nicht mehr ganz neuen Hakan Nesser und wünschen sich, während ihr Blick sich an einem langweiligen Titel eines nicht weniger langweilig klingenden Autorennamens verfängt (Toni Ludwig), die Wiederkehr eines Stieg-Larsson-Kosmos oder – nicht weniger unrealistisch – eine neue Krimiautorin mit der lebensgefährlichen Kontaminationskraft einer Patrica Highsmith.

Und stellen Sie sich vor, Sie sind gebürtiger Augsburger, womit sie sich sich den Gang zur Horror-Abteilung sparen, und würden es großartig finden, gäbe es einen Augsburg-Krimi mit Höhe, also mit literarischer Qualität, die sich spielend über die Messlatten von Viktor Glass, Franz Dobler oder den ersten kaum lesbaren „Halbkrimi“ des hochdekorierten Schriftstellers Georg Klein erhebt. (Klein ist gebürtiger Augsburger, der deutlich mehr Zeit in Augsburg verbrachte als Bert Brecht und tatsächlich kürzlich eine krimiähnliche Erzählung ablieferte, in der die Herausgeberin der Augsburger Allgemeinen eine Rolle spielt.).

Vorstellen kann man sich bekanntermaßen alles, also warum nicht den kühnen Gedanken zulassen, dass der „Augsburger Kunstkrimi“ des Augsburger Wißner-Verlags – mit dem nichtssagenden Titel „Die Silberkammer“ – eine Entdeckung sein könnte? Der Autor scheint verschollen wie die die fantasierte Silberkammer selbst. Und so stellt sich dem Leser während der Lektüre stets die spannende Frage, wer sich hinter dem niederbayerisch anmutenden Pseudonym Toni Ludwig verbirgt. Es könnte sich um einen Saarländer handeln, der in Augsburg gelandet ist, dem Berufsstand der Kunsthistoriker angehört und schreiben kann. Es kann also nur einen geben.

Und nun stellen Sie sich ein Wunder vor: Sie lesen den ersten Satz und müssen lächeln. Sie lesen die erste Seite und sind überrascht, Sie lesen weiter und werden neugierig, Sie kaufen das Buch und eilen damit nach Hause und lesen es in einer Nacht. Und nun das Wunder: Die Vorstellung, ein gebürtiger Augsburger zu sein, verliert ihren Schrecken.

„Wenn man Peter Schramm fragt, was er beruflich macht, kommt er ins Nachdenken.“ So beginnt der vor wenigen Tagen erschienene Debütroman Die Silberkammer, der neben den beiden Protagonisten Peter Schramm und Moritz einen beinahe unsichtbaren „dritten Mann“ in die Welt des Kriminalromans einführt, nämlich die Stadt Augsburg.

Augsburg ist nicht nur Handlungsraum wie das San Francisco von Sam Spade, oder atemloser Taktgeber wie das Los Angeles von Philip Marlow, oder wirkungsmächtiger Einsager wie das Triest von Proteo Laurenti, oder Bühne und Souffleur wie das Venedig von Guido Brunetti. Nein, die Stadt Augsburg ist bei Toni Ludwig eine redselige Akteurin, eine mehrschichtige Person im Tableau der handelnden Figuren. Die Stadt birgt ein Geheimnis und bietet zugleich die Lösung dazu an, sie ist Täter, Opfer und Erzählerin unisono. Auch wenn die darin lebenden Menschen lieber schweigen oder gerne vor sich hin muffeln. Zum Sprechen wird die Stadt mit ihren historischen Archiven , Kneipen, Restaurants, Straßen und „Unplätzen“ angehalten und getrieben von Kunstproblemlöser Peter Schramm und seinem Assistenten Moritz, beide Kunstliebhaber mit notorischer Geldnot.

Letzteres hindert sie nicht daran, ihren Leidenschaften nachzugehen: guter Wein, gutes Essen. Darum scheint es im Leben zu gehen – und um die Kunst, die die Tiefen des menschlichen Seins abbildet und in einen gesellschaftlichen Kontext stellt wie zum Beispiel das Barockbild von Johann Evangelist Holzer, das ein Porträt der Patrizierin Magdalena Koeppf zeigt. Eine Meisterwerk, das wirklich existiert und in der Barockgalerie des Schaezlerpalais hängt. Plötzlich taucht im zweitklassigen Kunsthandel ein zweites, ziemlich gleiches aber spiegelverkehrtes Bildnis der Magdalena Koeppf auf, weshalb ein dubioser Heidelberger Kunsthändler bei Peter Schramm vorstellig wird.

Das Bild beinhaltet im Zusammenhang mit einem Brief des Malers einen schwer zu dechiffrierenden Verweis auf eine verborgene Silberkammer. Ein Mord geschieht, die beiden Gourmets und Kunstexperten befinden sich plötzlich in einem „Fall“ und tragen mit den Methoden der Provenienzforschung zur Aufklärung bei. Die Überführung des Mörders ist jedoch zweitrangig. Dafür ist Kommissar Müller zuständig. Die beiden besten Freunde befinden sich längst im Fantasiefieber, das die abenteuerliche Suche nach der vorgestellten Silberkammer entflammt hat. Es wird gefährlich. Soviel zur erzählten Geschichte.

Stilistisch lässt sich festhalten, dass es der Autor versteht, den Stream of Consciousness der Hauptfigur mit der Metaebene des auktorialen Erzählers zu mischen, sodass der Fluss der Erzählung nie abreißt. Akribisch (um nicht zu sagen kleinteilig) wird der Leser in die Welt der überbordenden Fantasieschübe der Wahrheitssucher Peter und Moritz eingewiesen, die aus dem Saarland stammen und mit den Eigenarten der Saarländer auf die restliche Welt blicken. Das ungewöhnliche Detektivpärchen entwickelt in Augsburg eine wilde Dialektik des Wissenwollens und versteigt sich dabei, kommt wieder auf die wenigen Tatsachen zurück, wandelt träumerisch vom 18. Jahrhundert ins Augsburg des Jahres 2017. Und ringt dabei den Jahrhunderten ihre Wirklichkeiten ab, wie es wohl nur die Phänomenologen unter den Kunsthistorikern können.

„Die Silberkammer“ ist in der Tat Unterhaltung auf hohem Niveau, da die beiden Provenienzforscher mit ihren Analysen und Beobachtungen neue detektivische Denkweisen und abenteuerliche Perspektiven anbieten. Das Genre des bürgerlichen Bildungsroman hat sich in der Vergangenheit in Luft aufgelöst. Mit diesem Krimi tritt nun ein verloren geglaubtes Salongespenst durch den Hauptausgang eines Museums zurück auf die Straße. Peter Schramms zweiter Fall soll in Arbeit sein und wird mit brennender Geduld erwartet.