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Dienstag, 27.09.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Aus dem Ausschuss

Aufarbeitung des Nationalsozialismus: „Karl Freytag“ verschwindet aus dem Stadtbild

Augsburgs Stadtverwaltung hat am vergangenen Montag im Umweltausschuss geklärt, wie die „Karl-Freytag-Gartenanlage“ im Hochfeld in Zukunft heißen wird, nämlich „Kleingartenanlage am Alten Postweg“. 

Von Siegfried Zagler

 Foto: © DAZ

Der Hinweis eines Bürgers hatte die Stadt Augsburg in Bewegung gebracht. Seit 1928 firmiert die Gartenanlage unter dem Namen „Karl Freytag“, der nicht nur ein glühender Verehrer des Nationalsozialismus war, sondern auch als Parteikader für die Gleichschaltung der Kleingartenbewegung verantwortlich zeichnete.

Karl Freytag wurde 1866 geboren und starb 1945, war dreimal verheiratet und hatte insgesamt sechs Töchter und drei Söhne. Er war von Beruf Lehrer und ein angesehener Hobbymaler mit einem beachtlichen Werk: 2800 Ölbilder in der Hauptsache Landschaften gehören zu seinem Nachlass. Nach dem Ersten Weltkrieg engagierte sich der Münchner für die Idee städtischer Gartenanlagen, die er in München zu einer „Kriegsgarten-Bewegung“ ausbaute. Das gesellschaftliche Konzept: In Notzeiten sollte auch die Stadtbevölkerung die Möglichkeit haben, sich mittels Eigenanbau zu helfen.

Dann folgte die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte und Freytag wurde zum Fackelträger des Faschismus. Im März 1933 trat der pensionierte 66-jährige Lehrer der NSDAP bei. Nicht aus taktischer Erwägung zum Selbstschutz, sondern aus glühender Überzeugung. Reichsarbeitsminister Franz Seldte und das Amt für Agrarpolitik der NSDAP beauftragten ihn, den Reichsverband der Kleingartenvereine Deutschlands „gleichzuschalten“.

Fanatischer Anhänger des Nationalsozialismus

Karl Freytag lieferte: Er führte das  „Führerprinzips“, die Satzung antisemitischer Grundsätze und einen vollständigen oder partiellen Führungswechsel zugunsten von Anhängern des NS-Regimes in die bis dahin als unabhängige Vereine firmierende Kleingartenbewegung ein. In einem Rundschreiben informierte er Landes-, Provinzial- und Regierungsbezirksverbände darüber, dass der Reichsverband der Kleingartenvereine nur mit einer Umsetzung der Gleichschaltung auf Fortbestand Anspruch erheben könne, und forderte sie dazu auf. Mit Erfolg: Zum „Reichskleingärtnertag“ am 29. Juli 1933 in Nürnberg berichtete Freytag, dass er 530.000 deutsche Kleingärtner in den Reichsbund der Kleingärtner und Kleinsiedler Deutschlands e. V. überführt habe.

„Der tapfere Widerstand unseres deutschen Volkes an der Front und in der Heimat, die hocherfreulichen Erfolge unserer Helden namentlich im Westen bestärken mich in dem zuversichtlichen Glauben, dass alle gebrachten Opfer Bausteine für Großdeutschlands Leben, Freiheit und Zukunft sind. Dazu meinen bescheidenen Beitrag leisten zu dürfen, erachte ich als meine heilige Verpflichtung gegenüber unserem großen Führer und unserem teueren Vaterland. Möge das neue Jahr 1945 uns den heißersehnten glorreichen Frieden bringen! Heil Hitler!“ So Karl Freytag in einem Brief vom 28. Dezember 1944 an Karl Fiehler, in dem er seine Teilhabe am „deutschen Volkssturm“ bekräftigte.

Der Augsburger Stadtverband der Kleingärten sowie der Verein, der die Gartenanlage betreibt, zeigten sich für die Umbenennung offen und auch die Betreiberin der Gartenwirtschaft stellte sich nicht quer. Die Gartenanlage wird in Zukunft „Kleingartenanlage am Alten Postweg“ heißen. Die damit verbundenen Kosten von 3100 Euro werden von der Stadt übernommen.

Dass die 1928 gegründete Kleingartenanlage „Karl Freytag“ im Augsburger Hochfeld so lange diesen Namen trug, ist schwer zu verstehen. Kaum erträglich auch, dass diese Gartenanlage eben unter diesem Namen in unmittelbarer Nachbarschaft des jüdischen Friedhofs firmierte. Die lange Ära eines obszönen Versäumnisses geht nun zu Ende.

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