DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Mittwoch, 17.04.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Meinung

Brechtfestival mit Şeyda Kurt: In einer Blase aus Hass und Selbstbespiegelung

Die freie Journalistin und Autorin Şeyda Kurt war zu Gast beim Brechtfestival um das „widerständige Gefühl“ Hass „aus der Verbannung“ zu holen. Zur Tragweite ihrer Thesen wäre eine Diskussion wünschenswert gewesen. Auch hinsichtlich der programmatischen Ausrichtung des Brechtfestivals stellen sich Fragen.

Kommentar von Alexander Meyer und Bernhard Schiller

Şeyda Kurt promotet ihr aktuelles Buch „Hass“ und das Brechtfestival bot ihr dafür die denkbar angenehmste Bühne. Vor zirka 200 Menschen trat die Autorin mit einer Studentin (Samira Esa) als Dialogpartnerin auf. Das Setting mit den beiden Frauen inmitten eines rundherum platzierten Publikums erinnerte an den nebenan errichteten Boxring. Eine Auseinandersetzung war aber das Letzte, was sich Moderatorin und Veranstalter gewünscht haben.

Seyda Kurt (li.) mit Stichwortgeberin Samira Esa (c) DAZ

Seyda Kurt (li.) mit Stichwortgeberin Samira Esa (c) DAZ

Die Gesprächspartnerin schenkte laufend Bewunderung, lieferte artig Stichworte und plauderte mit der Autorin über Erlebnisse in einem migrantisch geprägten Elternhaus. Ein wohlwollendes Publikum applaudierte fröhlich auch zu Aussagen, die andernorts für entgeistertes Kopfschütteln sorgen würden. So etwa, wenn rassistische Politik mit Rechtsstaat, Polizei und Abschiebung gleichgesetzt wird oder Kurt meint, sie würde sich freuen, wenn dem Vater des Attentäters von Hanau „etwas passiert“.

Schlüsselwörter erzeugen den Anschein von Intellektualität

Schwierig wird es beim Versuch, eine greifbare Aussage im sehr eloquenten Vortrag von Kurt zu entdecken. In den biographisch anekdotischen Teilen wirkt Kurt authentisch und offen. Sie berichtet von der eigenen Traumatisierung, von ihrem inneren Zensor, der ihr mit Bestrafung drohe, wenn sie Hassgefühle habe. Kurt konstruiert aus dieser sicher schwierigen Biographie ein Konzept, dass Hass als Identifikation mit den Kolonisierten dieser Erde begreift und das sie philosophisch zu untermauern sucht. Die entsprechenden Anleihen wirken „zusammengegoogelt“ und teils wie Füllmaterial, um das Defizit an substanzieller, analytischer Arbeit zu überdecken. Zitate und Anekdoten werden verbunden von eher poetischen Texten, die durch eine sprachgewaltige Mischung von Emotionen und Schlüsselwörtern aus der linken Szene den Anschein von Intellektualität erzeugen. Kurt bleibt aber völlig in den eigenen Gefühlen und Meinungen stecken. Weder im Buch noch sonst scheint ein Interesse an anstrengender Begründung der eigenen Thesen oder gar der Auseinandersetzung mit anderen Ansichten zu bestehen.

Umdeutungsarbeit und Ideologie

Şeyda Kurt wähnt sich in einer kapitalistischen, kolonialistischen, rassistischen und patriarchalen Welt der Unterdrückungsverhältnisse. Das Buch „Hass“ ist die Erweiterung ihres Debuts „Radikale Zärtlichkeit“. Darin bezeichnet sie Monogamie als ein koloniales Projekt und die queere Gesellschaft als „Utopie eines radikal neuen Miteinanders“. Hindernis auf dem Weg in die messianische Regenbogengesellschaft ist der bürgerliche Mythos romantischer Liebe, in dem sich koloniale Unterdrückungsverhältnisse widerspiegeln würden. „Radikale Zärtlichkeit“ kann man dabei auch als woke Analogie zur altmodischen Idee der Nächstenliebe verstehen – wobei der Begriff der Nächstenliebe von Kurt peinlich vermieden wird. Der Versuch, der perfekt radikal zärtliche Mensch zu sein  führt, so sagt Kurt in einer Antwort selbst, eher zu Schwäche und Lähmung. Die nötige Power für Veränderung kommt für  sie deshalb aus dem Hass, nicht aus dem Herrschaftskonzept der Unterdrücker, der Liebe.

Schon, dass dem Hass nur negative und der Liebe nur positive „Zuschreibungen“ gemacht werden, findet Kurt verdächtig. Sie glaubt, dass bestimmte historische Erzählungen dahinter stecken und fragt, welches Wissen so über diese Emotionen transportiert wird. Die Antwort ist – wenig überraschend – dass Hass die legitime und „widerständige“, vor allem aber eine anklagende Emotion der Unterdrückten ist. Von den kapitalistischen, kolonialistischen, rassistischen und patriarchalen Mächten werden dieser Emotion der Unterdrückten die „negativen Zuschreibungen“ gemacht – die Fortsetzung der Unterdrückung per Definitionsmacht. Die Liebe als Allheilmittel mit ihren romantischen Disney-Erzählungen und bürgerlichen Ideen ist demnach ein Konzept der Herrschenden, um den berechtigten Hass der Unterdrückten zu delegitimieren.

Şeyda Kurt verheddert sich in Begrifflichkeiten und Umdeutungsarbeit. Letztlich bleibt es dabei, dass Liebe und Hass durch eine stark ideologisch gefärbte Brille betrachtet und aus dieser sehr engen Perspektive neu beschrieben und von ihr mit alternativen Zuschreibungen versehen werden.

Infragestellung des Rechtsstaates

Wenn „Dekonstruktion“ bedeutet: Hass ist die Emotion der Unterdrückten, also des Widerstands, also gut und gerecht und damit eine positive Kraftquelle, dann ist offensichtlich das gewünschte Ergebnis Ausgangspunkt der Überlegungen. Was nicht zum Weltbild passt, wird eben passend gemacht. Das trifft auch auf das von ihr bediente Klischee „weißer, bürgerlicher … Männer“, einer „weißen, europäischen, zivilisierten Gesellschaft“ beziehungsweise einer „modernen europäischen Norm“ zu. Fragen zu historischer Kontingenz sind in dieser vorgefertigten und nicht mehr falsifizierbaren Schablone fehl am Platz.

Kurts „Hass“ ist eine Chiffre für die Revolution. Sie fordert die „absolute Infragestellung von Verhältnissen“ und der „westlich-europäischen, kapitalistischen Kultur“. Gepaart mit der – im Kontext einer städtischen Veranstaltung – schamlos vorgetragenen Infragestellung des Rechtsstaates, wird aus ihrem Hass und ihrer „radikalen Liebe“ ein mindestens in der Theorie fragwürdiges Unterfangen, dem man plakativ nur noch die realen Gräuel nicht-rechtsstaatlicher Staaten entgegenhalten möchte.

Vom radikalen Vernichtungswunsch zum totalen Vernichtungswillen

Folgt man Kurts Umwertung der Werte, dann folgt man ihr direkt in einen „radikalen Vernichtungswunsch“, wie es jemand aus dem Publikum in einer Frage an Kurt wiedergab. Kurt nennt das Private politisch, meint aber die Politisierung des eigenen Gefühls. Mit dieser Logik kann sich jeder auf sein Gefühl berufen, auf das subjektive und situative Gerechtigkeitsempfinden und das dann Politik nennen, um nach eigener Maßgabe die „radikale“ und „absolute“ Infragestellung „der Verhältnisse“ voranzutreiben, um die Weltübel „in ihrem Kern“ und „ihrer Wurzel“ zu zerstören, wie Kurt es fordert. Demokratisch ist das nicht.

Die Tatsache, dass Şeyda Kurt sich öffentlich sehr israelkritisch aber verständnisvoll für die Sache der Palästinenser äußert, wirft ein besonderes Licht auch auf die Aussagen zu Liebe und Hass. Es wird von ihr nicht so ausgesprochen und man kann es Şeyda Kurt sicher nicht als Haltung unterstellen, aber konsequent zu Ende gedacht ist argumentativ nur noch eine kleine Hürde zu überwinden vom berechtigten Hass als positiver Kraft unterdrückter Palästinenser bis zur Rechtfertigung eines totalen Vernichtungswillens gegen Israel bei den Terroristen der Hamas.

Die Idee, dass ein vom Hass getragener Kampf auf einen gerechten Frieden gerichtet ist, erscheint bereits absurd. Hass ohne unbedingten Vernichtungswillen – gegebenenfalls gesteigert durch Rache und Vergeltung – ist kaum vorstellbar. Das Ziel eines Kampfes für Gleichberechtigung ist mit Hass unvereinbar und nur durch die Überwindung von Hass überhaupt vorstellbar.

Bespaßung der eigenen Bubble - Seyda Kurt beim Brechtfestival (c) DAZ

Bespaßung der eigenen Bubble – Seyda Kurt beim Brechtfestival (c) DAZ


Selbstbespiegelung und Bespaßung der eigenen Bubble

Derartige Widersprüche werden ignoriert. Buch und Vortrag erschöpfen sich so in Selbstbespiegelung und der Bespaßung der eigenen Bubble – was wieder zurück zum Brecht-Festival führt. Mit welcher Idee wird so eine Veranstaltung in diesem Rahmen durchgeführt? Warum wird eine Gesprächspartnerin akzeptiert, die wirkt, als sei sie ausschließlich ausgewählt worden nach den Kriterien anhimmelnd und kritikfrei, jung, weiblich, links und mit Migrationshintergrund? Gibt es beim Publikum kein Interesse mehr daran, sich ernsthaft mit Themen zu beschäftigen? Oder ist das Brechtfestival über die Jahre letztlich auch zu einer Veranstaltung geworden, auf der alles vorhersehbar ist, auf der inhaltlich, politisch und intellektuell nur noch ein winziges Spektrum vertreten wird, jede echte Diskussion und Auseinandersetzung von vornherein unerwünscht ist und bereits durch die Programmgestaltung und das Setting der Veranstaltungen sichergestellt wird, dass auch das Festival insgesamt zur Selbstbespiegelung und Unterhaltung einer kleinen, in sich geschlossenen Szene dient?