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Sonntag, 18.02.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Meinung

Brechtfestival: Geschichte eines Untergangs

Der Untergang des Augsburger Brechtfestivals ist schnell erzählt: Von einem interessanten und bundesweit beachteten Festival ist es langsam, aber stetig in die Untiefen des Bedeutungslosen versunken. Als wäre das nicht genug, droht nun ein politischer Skandal in Sachen Antisemitismus.

Von Siegfried Zagler

Brecht in Augsburg – Foto: Staatsbibliothek Augsburg

Die Stadt Augsburg hat sich lange mit ihrem berühmten Sohn Bertolt Brecht schwer getan. Brecht lebte in der DDR, war Träger des Stalinordens, dem Kommunismus zugewandt und somit in Zeiten des Kalten Krieges in der Garnisonsstadt Augsburg ein Unzumutbarer. Mehr als vier Jahrzehnte wurde in Augsburg sowohl die Rezeption als auch die Pflege eines weltbekannten Genies ohne öffentliche Mittel, also von privaten Initiativen, aber auch vom Stadttheater betrieben. Für die Zeit, in der sich die Stadt Augsburg mit ihrem berühmtesten Sohn im Kalten Krieg befand, gab es dafür einen Schauplatz: Brechts Geburtshaus.

Wer sich zu Brecht bekannte, hatte damals eine Art Augsburger McCarthy-Problem: Er stand unter Verdacht, ein Kommunist zu sein. In den Siebzigern war der Kalte Krieg nicht mehr ganz so kalt. Augsburg hatte SPD-Regierungen und näherte sich Brecht langsam an. „Langsam“ bedeutet, dass man hochkarätige Bekenntnis-Optionen verstreichen ließ: Die neu gegründete Augsburger Universität wollte die Stadt nicht nach dem weltberühmten Dramatiker benennen. Ein neu gegründetes Gymnasium bekam den Namen Rudolf Diesels. In den Siebzigern landeten historische Brecht-Möbel aus der Staats- und Stadtbibliothek auf dem Sperrmüll. Im Jahr 1978 wusste die von der Stadt Augsburg beauftragte Firma nicht, wo sie das Gebinde zum 80. Geburtstag des Dichters hängen sollte und gab es bei einem Trödlerladen in der Nähe des Geburtshauses ab. Damals war Brechts Geburtshaus noch vollständig bewohnt.

 

Erst zu Beginn der Achtziger erwarb die Stadt das Haus und richtete dort ein erbärmliches Museum ein. Eines, das das Werk des Dramatikers von seiner politischen Weltanschauung getrennt betrachtete. Gerade noch rechtzeitig, nämlich 1998, zu Brechts 100. Geburtstag, wurde das Konzept inhaltlich und künstlerisch umgestaltet. Vier Jahre später hatte die Stadt wieder einen SPD-Oberbürgermeister und eine Rot-Grüne Stadtregierung, deren Kulturreferentin Eva Leipprand 2006 das erste Brechtfestival eröffnete. Ein Befreiungsschlag für das angespannte Verhältnis der Stadt zu ihrem Dichter – und eine neue Arena für den ewigen Kulturkampf  Stadt versus Brecht.

Albert Ostermaier und Joachim Lang entwickelten wissenschaftliche Thesen zum Werk und zur Person. Mit ihnen kam der allzu lange von der Stadt klein gedachte Brecht als Weltstar aus dem Nichts der geistigen Verbannung zurück. An ihren Festivals konnte man sich reiben, konnte man deuten, kritisieren und einen Diskurs führen. Diese Höhen wurden nach dem Abgang von Lang nicht mehr erreicht. Wengenroth, Kuttner und Kühnel versuchten sich an Brecht, indem sie ihn bemalten, um anschließend darüber nachzudenken, ob das passt. Sie blieben dabei im Ungefähren und scheiterten grandios an ihrer selbst eingeführten Fallhöhe. Doch immerhin: Jeder der angeführten Festivalleiter hatte zu Brecht eine andere Lesart – und eine Haltung, die eine künstlerische wie politische Positionierung erkennen ließ. Politische Haltung lässt sich auch dem aktuellen Brechtfestivalleiter Julian Warner nicht absprechen. Im Sinne der Kunst jedoch hat Warner das Festival in Untiefen versenkt, die man sich vorher nicht vorstellen konnte.

Der Stückeschreiber Bert Brecht ist in Julian Warners Festivalreihe zu einer Nebenrolle degradiert worden, besser: zu einer Vorwand-Ikone für einen Reigen von Veranstaltungsformaten, die – wenn man sie ernst nehmen wollte – bestenfalls zur Brecht-Dekonstruktion taugen würden. Brechts Werk und Brecht selbst interessieren Warner nur in einem Zusammenhang: Wo taugt es/er zum Werkzeug, wo nicht.

Julian Warners Theaterreflexion ist verankert in der Überzeugung, „dass die Zeit des bürgerlichen Theaters vorbei ist.“ Er erklärt seine Haltung zu dem letzten Klassiker des bürgerlichen Theaters im diesjährigen Festivalprogramm folgendermaßen: „Ich bin kein Brechtianer, der den Namensgeber dieses Festivals vom Vorwurf des Stalinismus-Apologeten freisprechen muss. Für mein Anliegen, sein Erbe und seine Fragen für die Jetztzeit urbar zu machen, brauche ich ihn nicht als Helden mit weißer Weste. Ich kann mit seinen Ambivalenzen und Widersprüchen, seiner Feigheit, seinem Opportunismus und seinen blinden Flecken gut leben. Denn nicht zum Denkmal taugt er, sondern zum Werkzeug.“

Julian Warner

„Mein Gott, Warner“, möchte man sagen: Dass Brecht weder zum Helden, zum Denkmal und noch viel weniger zum Werkzeug taugt, ist ein Allgemeinplatz, der keiner Ausführung bedarf. Wenn man Warner nach seinem Kompetenzverhältnis zu Brecht befragt, erhält man außer einer Anekdote aus seiner Schulzeit wenig Konkretes. Brecht war und ist für Warner aus wohl einer schulischen Traumatisierung heraus ein belehrend vorgehender Dialektiker, der sich mit seiner Kunst dem gewalttätigen Fortschritt des Stalinismus verschrieben hat. Ein ästhetisches Konzept, das nicht aufgehen sollte, sondern vom Lauf der Geschichte zertrümmert worden ist.

Eine Dekonstruktion Brechts beim Augsburger Brechtfestival, das – wie Warner selbst sagt –  von „Brecht-Ultras“ in der Stadt mit geprägt wurde, wäre ein Konzept, das, würde es aufgehen, die Stadt in ihrem Verhältnis zu Brecht in die Zeiten des Kalten Kriegs zurückführen würde. Eine Rückführung in die gesellschaftliche Kälte der frühen Sowjetunion. Damit wären alle vorherigen Brechtfestivals auf dem Trümmerhaufen der Geschichte gelandet, quasi wie das bürgerliche Theater.

Danach könnte die Stadt Augsburg wieder von vorne beginnen. Darin besteht die Logik der Dekonstruktion. Dass dies nicht passieren wird, sondern eher das Gegenteil, sich also Julian Warner selbst mit seiner Brecht-Methode ins Belanglose verflüchtigt, scheint dagegen wahrscheinlicher.

Beispiel gefällig? Gerne: „Wer sich der Gewalt stellt und Augsburg nicht bloß als ideologische Chiffre versteht, setzt sich mit den Menschen in Lechhausen, Oberhausen, Bärenkeller und anderswo auseinander. Und für wen das Theater mehr ist als Ideologie, dem wird die Beschäftigung mit den theatralen Formen besagter Menschen zur Aufgabe. Denn das Leben auf dem Trümmerhaufen der Geschichte, egal ob in Moskau, Istanbul, Addis Abeba oder Augsburg-Oberhausen ist nicht ohne Hoffnung, Liebe, Humor oder Gemeinschaft. Es verschließt nur nicht die Augen vor den Verwerfungen der Welt und misstraut jeder Rede von der Zukunft.“ So steht das in Warners Text zum Brechtfestivalprogramm 2024.

Augsburg-Oberhausen ein Trümmerhaufen der Geschichte? Mehr Geschwurbel geht kaum. Im Podcast „Next Generation“ mit Hamiz Ismail schwärmt Warner tatsächlich von einem Kulturkonzept der frühen Sowjetunion, da damals von den „Arbeiter:innen“ ein künstlerischer Impact auf die Gesamtgesellschaft ausgehen sollte. Ebenfalls eine steile These, die gemäß Warner mit einer Revolution in der Kulturförderung zu verbinden wäre: Weg von der aktuellen Institutionsförderung, hin zur individuellen Künstlerförderung. Der Stalinismus werde im kommenden Brechtfestival eine Rolle spielen – „auch die Gräuel“, so Warner im Podcast. Darauf darf man mit Grauen gespannt sein.

Julian Warners Brechtfestival-Programme 2023/24 sind gute Beispiele dafür, dass man dieser Förderungssystematik besser nicht näher tritt, könnte man ketzerisch hinzufügen.

Die Kunst ist frei. Sie darf fast alles. Die Freiheit der Kunst ist ein zentraler Wert offener Gesellschaften. Kunst darf sogar mitten in der Bundesrepublik antisemitisch sein, wie uns die letzte Documenta gelehrt hat. Dass sich der Bundestag mit seinem BDS-Beschluss bereits 2019 gegen aufkeimenden Antisemitismus positioniert hat, indem er die Ziele und Methoden der palästinensischen Bewegung BDS („Boycott, Divestment, Sanctions“) als antisemitisch verurteilt hat, ist ein Segen und in diesem Zusammenhang nur erwähnenswert, weil Julian Warner eineinhalb Jahre später zusammen mit dem Popkulturtheoretiker Diedrich Diederichsen (ein Akteur im kommenden Brechtfestival) und 1500 weiteren Unterzeichnern mit einem Offenen Brief gegen diesen Bundestagsbeschluss marschiert ist.

Der Bundestag wurde aufgefordert, den Beschluss zurückzunehmen. „Wir können nur ändern, was wir konfrontieren“, so die Headline des Briefes, der nicht viel mehr ist, als ein intellektuelles Armutszeugnis: Der Bundestag würde das legitime und gewaltfreie Mittel des Boykotts als Recht verweigern, würde Künstler und Aktivisten dämonisieren, die sich kritisch zu Israel äußern sowie ein repressives Klima für Rassismus und unbegründete Antisemitismusvorwürfe schaffen.

Nun muss man nicht zwangsläufig, wenn man den BDS-Beschluss des Bundestags kritisiert, ein BDS-Unterstützer sein. Doch nachfragen sollte man in diesem Fall als Veranstalter bei Julian Warner schon, denn immerhin hat er auch die Schriftstellerin und bekennende Kommunistin Şeyda Kurt im Programm, die wiederum …

Dass es bezüglich des Augsburger Brechtfestivals kein städtisches Monitoring, keine Recherchen gab/gibt ist der zweite Skandal in Sachen städtischer Kulturpolitik nach dem 7. Oktober. Der erste liegt länger zurück. Er besteht darin, Julian Warner als Leiter des Brechtfestivals verpflichtet zu haben.