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Donnerstag, 16.06.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

„Blue Motion“ auf dem Grünen Neujahrsempfang

150 Besucher folgten gestern der Einladung der Grünen zum Neujahrsempfang 2010 ins Augsburger Rathaus. Gastredner war der Tübinger Kommunalpolitiker Boris Palmer, einer der wenigen Grünen Oberbürgermeister in Deutschland, der seine Kampagne „Eine Stadt macht blau“ vorstellte.

Reiner Erben, Fraktionsvorsitzender der Augsburger Grünen, hob in seiner Begrüßungsrede die Bedeutung Augsburgs als Römerstadt, Textilstadt, Industriestadt, Hightech-Stadt, Mozart- und Brechtstadt, Friedensstadt und Umweltstadt hervor. „Unsere Stadt muss sich nicht verstecken, es gibt viel Potenzial.“ Erben verwies auf rot-grüne Projekte wie die „moderne umweltgerechte Architektur“ der Neuen Stadtbücherei und das „tim“ als erstes staatliches Museum in Augsburg. Mit dem Textilviertel erwache ein ganzer Stadtteil aus dem Dornröschenschlaf, die Folge einer 20-jährigen, von den Grünen intensiv begleiteten Entwicklung.

Reiner Erben: „Wir wollen eine kreative Stadt bleiben“

Einen größeren Abschnitt seiner Rede widmete Erben der Kritik an der Stadtregierung. Er streifte dabei u.a. mit dem Dönerverbot, dem Twitterverbot, dem Verkauf des Stadtbads, der Verkehrsentwicklung, den Haushaltsberatungen und insbesondere der Kulturpolitik nahezu die gesamte Palette der Lokalpolitik, um jeweils die grünen Positionen gegen die der Stadtregierung zu setzen und auf Grüne Anträge zu verweisen.

Jahrhundertprojekt Klimaschutz

Abschließend widmete sich Reiner Erben dem „Jahrhundertprojekt Klimaschutz“. Auch hier habe man „ein ganzes Paket von Anträgen“ gestellt und hoffe auf deren Umsetzung: „Immer noch ist kein Augsburger Energiestandard verabschiedet. Dass die Westparkschule kein Passivhaus wird, ist eine Blamage.“ Dass es gehe mit dem Klimaschutz, habe man in Augsburg in den letzten Jahren gezeigt und – ebenso wie Tübingen – einen Klimaschutzpreis bekommen. Erben versprach, beim Einsatz für die Zukunft auch in der Oppositionsrolle nicht nachlassen zu wollen: „Wir wollen eine kreative Stadt bleiben. In diesem Sinne machen wir die Stadt grün.“

Wie man eine Stadt blau machen kann, erklärte anschließend Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen und einer der bekanntesten Grünen Kommunalpolitiker, in einer 50-minütigen, trotzdem kurzweilige Rede zu Thema Klimaschutz. Palmer trat provokativ blau gekleidet auf. Begriffe aus der Automobilwerbung wie „blue motion“, „blue tec“ oder „blue efficiency“ zeigten, dass Blau sich als Farbe des Klimaschutzes etabliert habe. Das erkläre auch seinen Aufzug respektive Anzug: Die Farbe präge sich ein, „in vier Wochen werden Sie noch wissen, wie hässlich mein Anzug war“.

Boris Palmers Outfit provoziert: "Wenn der Anzug wieder mol modern wird dann hend Sie den scho"

Boris Palmers Outfit provoziert: "Wenn der Anzug mol wieder modern wird dann händ Sie den scho"


Tübingen: Eine Stadt macht blau

Palmer schilderte anschaulich, wie die Tübinger Klimaschutzkampagne „Eine Stadt macht blau“ funktioniert. Es habe sich gezeigt, dass das Konzept, den Leuten ein schlechtes Gewissen einzureden, nicht zum Handeln anrege. Die Kampagne komme deshalb nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit dem erhobenen Rechenschieber daher: „Ein Konzept, das bei uns im Schwäbischen besonders gut funktioniert.“

Innerhalb von drei Jahren habe man in Tübingen, das 87.000 Einwohner hat, die Zahl der Ökostromkunden auf 5.700 verachtfacht. 1.200 Hauseigentümer konnten im Rahmen eines Microcontractingmodells überzeugt werden, ihre Heizungspumpen kostenneutral durch Hocheffizienzpumpen zu ersetzen und so 10 Prozent ihres gesamten Strombedarfs einzusparen. Derzeit laufe ein Projekt an, mit dem Wärme aus dem Abwasser in der Kanalisation zurückgewonnen werde. 800 Personen könnten dadurch mit Nahwärme versorgt werden.

Green New Deal

Für die Augsburger Stadtregierung hatte Boris Palmer den Tipp im Gepäck, „ökologischen Background in die Verwaltung einzuspeisen“. In Tübingen würden Energiefragen „immer mitgeprüft“. Dem Publikum empfahl der Tübinger OB, in Sachen Klimaschutz selbst anzupacken. Wie das gehe, stehe in seinem Buch „Eine Stadt macht blau“, von dem der geschäftstüchtige Politiker einen ganzen Stapel mitgebracht hatte. Den „Kapitalanlegern“ im Publikum bot er an, eine Widmung hineinschreiben. „Je nachdem was aus mir wird“, könne das zu einer erheblichen Wertsteigerung des Buchs führen. Das Grüne Publikum bewies Geschäftssinn: Das Buch war im Nu ausverkauft.