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Dienstag, 14.06.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Glamour – oder was man in der Provinz dafür hält

Ein Kommentar von Frank Heindl

Ein peppiger Moderator ist im Fernsehen die halbe Miete für den Erfolg jeder Show. „Wetten dass“ wäre ohne Gottschalk schon längst den Bach runter, „Wer wird Millionär“ lebt von Jauchs Intelligenz und Witz. Aber versteht den Faust besser, wer Goethe mit Gags erklärt bekommt? Wirken die „Räuber“ nachhaltiger, wenn das Publikum erfährt, welche Unterwäsche Schiller bevorzugte? Oder gibt es vielleicht doch einen Unterschied zwischen TV-Show und großer Literatur?

Am Freitag wurde in Augsburg die Eröffnung des Brechtfestival 2010 gefeiert – des ersten nach dem Rauswurf des vormaligen Festivalleiters Albert Ostermaier. Kulturreferent Peter Grab fand, Ostermaiers Veranstaltung habe zu wenig Publikum angezogen, Ostermaiers Nachfolger Joachim Lang glaubt, Breitenwirkung und intellektuellen Diskurs verbinden zu können. Die ersten Eindrücke wecken allerdings Zweifel. Bilanz wird man am Schluss ziehen, doch schon jetzt steht ein harter Vorwurf im Raum: Grab, dem nicht wenige – und beileibe nicht nur die Grünen – eine vordergründige, am Augenblickserfolg orientierte Kulturpolitik vorhalten, habe das Brechtfestival zum Medien-„Event“ umfunktioniert, setze mit seinem Festivalleiter auf öffentlichkeitswirksame Show statt auf inhaltliche Tiefe.

Aber auch was den „Event“ anbelangt, war die Festivaleröffnung am Freitag ernüchternd: Von Glamour war da wenig zu spüren, höchstens davon, was man in der Provinz dafür hält. Im Anschluss war das Kopfschütteln zumindest bei vielen Augsburger Kulturschaffenden groß, die Vorsichtigen sprechen von einer „inhaltsarmen“ Veranstaltung, andere von „Peinlichkeiten ohne Ende“. Ein Oberbürgermeister, der bei einem solchen Anlass von „Standortvorteilen“ spricht und damit zeigt, dass er weder für Brecht noch für dessen Publikum das geringste Gespür hat, hilft auch nicht weiter.

Bertolt Brechts Werk hat Schlimmeres überstanden – Grab und Lang aber werden sich anstrengen müssen, das Brechtfestival 2010 unbeschadet über die Runden zu bringen. Und haben dann ein Jahr Zeit, mäßig begeisternde Showelemente gegen Inhalt auszutauschen. Bei Brecht gibt’s davon jede Menge, auf peppige Moderatoren können Autor wie Publikum dankend verzichten. Und an Profil könnte die Veranstaltung nur dazugewinnen.

Siehe auch die heutigen Artikel:

» Bert Brecht – mausetot

» Zum Fernsehen ins Stadttheater