ALLE beim bunten Brechtfestival: Das Staatstheater mit Dreigroschenoper und Hamletmaschine
Das Augsburger Brechtfestival vom 19. bis zum 28. Februar stand in diesem Jahr erstmals unter der Leitung von Mark Schröppel und Sahar Rahimi. Die beiden hatten unter dem Motto ALLE ein umfassendes Konzept erarbeitet, das die Menschen für „inklusive Themen und marginalisierte Perspektiven“ sensibilisieren sollte. Stadt und Veranstalter verzeichneten einen regen Publikumszuspruch bei den vielfältigen Programmpunkten. Von Vorteil sah man dabei die Festivalzentrale mitten im Stadtzentrum, im ehemaligen Kaufhaus Rübsamen. Sie war für viele gut erreichbar und bot aufgrund ihrer Größe ausreichend Möglichkeiten der künstlerischen Bespaßung. Das Staatstheater Augsburg beteiligte sich mit zwei Produktionen am Brechtfestival: Brechts Dreigroschenoper und Heiner Müllers „Hamletmaschine“.
Von Halrun Reinholz
Mackie Messer auf dem Opfertisch (Fotos: Jan-Pieter Fuhr)„Die Welt ist gut, der Mensch ist schlecht“, heißt es in Brechts Dreigroschenoper, die das Staatstheater nach mehr als 20 Jahren zur Eröffnung des Brechtfestivals wieder auf den Spielplan gesetzt hat. Eines der populärsten Bühnenstücke überhaupt, herausfordernd für jeden, der es neu inszeniert. Die israelische Regisseurin Sapir Heller ist erst Mitte 30, vielleicht geht sie deshalb locker und unverkrampft an den Stoff heran. Dass der Mensch des Menschen Wolf ist und die Moral erst nach dem Fressen kommt, sind zentrale Aussagen der Dreigroschenoper. In Hellers Inszenierung haben die Menschen dezente Tierattribute – Fellbesatz, Klauen, Pfoten – die das grausam Animalische des Existenzkampfs illustrieren. Aus dem Programmheft erfährt man, dass es sich um Hyänen handelt. Sie kommen, angelockt von einer Ladung Fisch, die neben einem verunfallten Laster liegt, auf die Bühne, belauern sich geschmeidig. „It´s fishy, keep cool“, steht auf dem Laster und „cool“ bewegen sich die Darsteller im Entertainer-Modus und fantasievollen Kostümen (von Slavna Martinovic). Der Fisch ist in der Inszenierung neben der Hyäne das Leitmotiv, die „Währung“ des Kapitalismus.
Macheath, der „Mackie Messer“ (Thomas Prazak) präsentiert sich im lila 70er Jahre Outfit mit Pelzmantel und blonder Mähne. Er ist der Ganovenkönig von London, dessen „Messer man nicht sieht“, weil eine alte Seilschaft ihn mit dem Polizeidirektor Tiger Brown verbindet. Dieser (dargestellt von Sebastian Müller-Stahl) kommt hier als gutmütiger Sheriff ohne Glamour daher und hat dafür gesorgt, dass gegen Mackie „nichts vorliegt“. Selbstverständlich erscheint er „privat“ zur Hochzeit Mackies mit Polly Peachum im Pferdestall und ignoriert Mackies dort anwesende Diebesbande elegant.
Sinnfreier Geschlechtertausch
Pollys Vater Jonathan Peachum und seine Frau Celia sind die natürlichen Gegenspieler Macheats. Statt einer Diebesbande befehligen sie ein Bettlerimperium. Kein Bettler in London kommt an ihnen vorbei, wird ausgestattet und einem Revier zugewiesen, die Hälfte der Einnahmen geht an die Peachums. Warum die Regisseurin die drollige Idee hatte, beim Ehepaar Peachum einen Geschlechtertausch vorzunehmen, erschließt sich nicht. So wird Patrick Rupar zur Celia Peachum (im weißen Anzug mit Pagenkopf-Perücke), während Natalie Hünig mit aufwendiger Maske den machtbesessenen Jonathan Peachum verkörpert. Auch wenn die beiden großartige Schauspieler sind und die gegenläufigen Rollen hervorragend ausfüllen (vor allem Natalie Hünig amüsiert als polternder Peachum), wirkt dieser Rollentausch sinnfrei. Aber wie sagt Natalie Hünig, als sich Männer und Frauen zum Schlusschor gruppieren sollen: „Mann und Frau sind bürgerliche Kategorien, was ist mit mir?“
Aufwertung der Frauengestalten
Die Macho-Typen Mackie und Peachum werden durch die karikierende Herangehensweise der Regisseurin eher abgeschwächt, dagegen wertet sie die Frauenrollen auf. Polly (Olivia Lourdes-Osburg) ist selbstbewusst und zeigt Sexappeal. Sie fällt nicht naiv auf den Blender Mackie herein, sondern entscheidet sich eigenmächtig und mit Abenteuerlust (und nicht zuletzt Opposition gegen den Vater) für die überstürzte Heirat mit ihm. Ohne Umschweife ist sie auch bereit, die „Geschäfte“ in seiner Abwesenheit zu führen. Auch ihre Rivalin Lucy (Mirjana Milosavljevic), immerhin Tochter des Polizeichefs, gibt nicht weinerlich die betrogene Ehefrau. Im kämpferischen Eifersuchtsduett fahren die Frauen ihre Krallen weniger gegeneinander, als in feministischer Einmütigkeit gegen Mackie aus. Selbstbewusstsein zeigt auch Jenny, die mit Mackie, wie ein Song verrät, im Bordell „einen Haushalt“ geführt hatte. Nun taucht dieser wie ein echter Patriach regelmäßig (am Donnerstag) bei ihr auf und fordert ihre Dienste ein. Sie verpfeift ihn ohne schlechtes Gewissen.

Olivia Lourdes Osburg und Mirjana Milosavljevic beim Eifersuchtsduett in der „Dreigroschenoper“
Die Handlung der Dreigroschenoper lebt von den sehr bekannten Songs von Kurt Weill, die die Botschaft von der mangelnden Moral und den schlechten Menschen eindringlich vermitteln. Unter der musikalischen Gesamtleitung des gut gelaunten Ivan Demidov sorgen die Musiker der Augsburger Philharmoniker und der Orchesterakademie zusammen mit der Band um Stefan Leibold, Jan Kiesewetter, Kay Fischer, Tom Jahn und Tilman Herpichböhm (der auf der Bühne ein mobiles, kompaktes Schlagzeug vorführt) für den richtigen Groove für die Singstimmen. „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“. Das mit Spannung erwartete Ende (kommt der königliche Bote um Macheath zu begnadigen?) wird dem Zeitgeist entsprechend unter den Darstellern „ausdiskutiert“: Macheath endet als (Fisch-)Opfer auf dem Präsentierteller, die Messer werden gewetzt, aber er fordert seine Begnadigung, denn „das Böse gewinnt immer“. Es bleibt offen, der musikalische Leiter greift ein und fordert die Aufstellung zum Schlusschor: „Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“
„Optimismus ist nur Mangel an Information“
Heiner Müllers „Hamletmaschine“ ist der zweite Beitrag des Staatstheaters zum diesjährigen Brechtfestival. Das ist nicht abwegig, Brecht hat den 1929 geborenen und in zwei Diktaturen sozialisierten Autor sehr geprägt. Der Text zur „Hamletmaschine“ entstand, als Heiner Müller Shakespeares Hamlet übersetzte. Über die Intention seiner Stücke sagt er, er habe den Impuls, „Dinge bis auf ihr Skelett zu reduzieren, ihr Fleisch und ihre Oberfläche herunterzureißen.“

Nebel und Bewegung in der „Hamletmaschine“
Auch in der Hamletmaschine wird viel Text herumgewirbelt. Auf der Brechtbühne im Gaswerk erwartet die Zuschauer zunächst jedoch vor allem Nebel, der, wie Dramaturgin Mara Goga mehrfach versichert, keinesfalls gesundheitsschädlich ist. Denn er beherrscht nicht nur die Bühne, sondern zumindest am Anfang auch den Zuschauerraum. Lili-Hannah Hoeppner inszeniert einen „qualmenden Maschinenraum“, der nur nach und nach bei sich lichtendem Nebel Erkenntnis freigibt. Die zwei Schauspielerinnen (Ute Fiedler, Jenny Langner) und Schauspieler (Julius Kuhn, Kai Windhövel) bieten Hochleistung, sie agieren unermüdlich wie Roboter, teils in Theaterkostümen, mit präziser Choreografie (von Ronnie Maciel), und sprechen einzeln oder chorisch. Rollen und Figuren aus dem Hamlet werden auseinandergenommen, Ophelia wird von ihrem Dasein als Randerscheinung in den Fokus gerückt. Die politische Konnotation des Textes zielt auf die Lebensrealität in der DDR. Doch der hochkomplexe Text dringt schwer durch, die neblige Bühnenshow macht es schwer, sich darauf zu konzentrieren. Die Inszenierung lebt von Licht und Nebel und von der unentwegten Körperarbeit der Darstellerinnen und Darsteller. Dieser Teil des Brechtfestivals war zweifellos nicht für ALLE konzipiert. Das Premierenpublikum honorierte bei der Performance vor allem den Einsatz der Akteure auf der Bühne.
Brechtfestival Fazit
Der Rückblick auf das Brechtfestival fällt bei den Veranstaltern positiv aus, auch das Publikum gab viele positive Rückmeldungen. Die Festivalleiter zeigten Präsenz, gaben sich nahbar und suchten den Kontakt. Wie früher auch wurde von Kritikern die Frage gestellt, wo denn der Brecht bleibe beim Brechtfestival. Außer der Dreigroschenoper war da konkret nichts dabei. Das Brechthaus kam nur indirekt vor, in der Performance von Karla Andrä, die Einträge aus dem Gästebuch verarbeitete. Doch Brechts Geist war durchaus präsent, Themen wie gesellschaftliche Verantwortung und Haltung zu Krieg und Frieden waren gerade angesichts der aktuellen politischen Lage kaum auszublenden. Zur Lage im Iran gab es sogar eine spontane Diskussionsrunde, die die Festivalleiterin, selbst mit iranischen Wurzeln, schon aus eigener Betroffenheit organisierte und moderierte. In vielerlei Hinsichten war es auch ein buntes und fröhliches Festival. Das hätte Brecht wohl nicht missfallen.




