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Donnerstag, 12.03.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

ALLE beim bunten Brecht­festival: Das Staats­theater mit Drei­groschen­oper und Hamlet­maschine

Das Augsburger Brechtfestival vom 19. bis zum 28. Februar stand in diesem Jahr erstmals unter der Leitung von Mark Schröppel und Sahar Rahimi. Die beiden hatten unter dem Motto ALLE ein umfassendes Konzept erarbeitet, das die Menschen für „inklusive Themen und margi­nali­sierte Perspek­tiven“ sensi­bili­sieren sollte. Stadt und Veranstalter verzeich­neten einen regen Publikums­zuspruch bei den vielfältigen Programm­punkten. Von Vorteil sah man dabei die Festival­zentrale mitten im Stadt­zentrum, im ehemaligen Kaufhaus Rübsamen. Sie war für viele gut erreichbar und bot aufgrund ihrer Größe ausreichend Möglich­keiten der künst­lerischen Bespaßung. Das Staats­theater Augsburg beteiligte sich mit zwei Produk­tionen am Brecht­festival: Brechts Drei­groschen­oper und Heiner Müllers „Hamletmaschine“.

Von Halrun Reinholz

Mackie Messer auf dem Opfertisch (Fotos: Jan-Pieter Fuhr)

„Die Welt ist gut, der Mensch ist schlecht“, heißt es in Brechts Drei­grosche­noper, die das Staats­theater nach mehr als 20 Jahren zur Eröffnung des Brecht­festivals wieder auf den Spielplan gesetzt hat. Eines der populärsten Bühnenstücke überhaupt, heraus­fordernd für jeden, der es neu inszeniert. Die israelische Regisseurin Sapir Heller ist erst Mitte 30, vielleicht geht sie deshalb locker und unverkrampft an den Stoff heran. Dass der Mensch des Menschen Wolf ist und die Moral erst nach dem Fressen kommt, sind zentrale Aussagen der Drei­groschen­oper. In Hellers Insze­nierung haben die Menschen dezente Tier­attribute – Fellbesatz, Klauen, Pfoten – die das grausam Ani­malische des Existenz­kampfs illu­strieren. Aus dem Programmheft erfährt man, dass es sich um Hyänen handelt. Sie kommen, angelockt von einer Ladung Fisch, die neben einem verunfallten Laster liegt, auf die Bühne, belauern sich geschmeidig. „It´s fishy, keep cool“, steht auf dem Laster und „cool“ bewegen sich die Darsteller im Enter­tainer-Modus und fantasie­vollen Kostümen (von Slavna Martinovic). Der Fisch ist in der Insze­nierung neben der Hyäne das Leitmotiv, die „Währung“ des Kapitalismus.

Macheath, der „Mackie Messer“ (Thomas Prazak) präsentiert sich im lila 70er Jahre Outfit mit Pelzmantel und blonder Mähne. Er ist der Ganoven­könig von London, dessen „Messer man nicht sieht“, weil eine alte Seilschaft ihn mit dem Polizeidirektor Tiger Brown verbindet. Dieser (dargestellt von Sebastian Müller-Stahl) kommt hier als gutmütiger Sheriff ohne Glamour daher und hat dafür gesorgt, dass gegen Mackie „nichts vorliegt“. Selbst­ver­ständ­lich erscheint er „privat“ zur Hochzeit Mackies mit Polly Peachum im Pferdestall und ignoriert Mackies dort anwesende Diebesbande elegant.

Sinnfreier Geschlechtertausch

Pollys Vater Jonathan Peachum und seine Frau Celia sind die natür­lichen Gegen­spieler Macheats. Statt einer Diebesbande befehligen sie ein Bettler­imperium. Kein Bettler in London kommt an ihnen vorbei, wird aus­gestattet und einem Revier zugewiesen, die Hälfte der Einnahmen geht an die Peachums. Warum die Regisseurin die drollige Idee hatte, beim Ehepaar Peachum einen Geschlechter­tausch vorzunehmen, erschließt sich nicht. So wird Patrick Rupar zur Celia Peachum (im weißen Anzug mit Pagenkopf-Perücke), während Natalie Hünig mit aufwendiger Maske den macht­be­sessenen Jonathan Peachum verkörpert. Auch wenn die beiden großartige Schauspieler sind und die gegen­läufigen Rollen hervorragend ausfüllen (vor allem Natalie Hünig amüsiert als polternder Peachum), wirkt dieser Rollen­tausch sinnfrei. Aber wie sagt Natalie Hünig, als sich Männer und Frauen zum Schluss­chor gruppieren sollen: „Mann und Frau sind bürgerliche Kategorien, was ist mit mir?“

Aufwertung der Frauengestalten

Die Macho-Typen Mackie und Peachum werden durch die kari­kierende Heran­gehens­weise der Regis­seurin eher abge­schwächt, dagegen wertet sie die Frauen­rollen auf. Polly (Olivia Lourdes-Osburg) ist selbst­­bewusst und zeigt Sexappeal. Sie fällt nicht naiv auf den Blender Mackie herein, sondern entscheidet sich eigenmächtig und mit Abenteuer­lust (und nicht zuletzt Opposition gegen den Vater) für die überstürzte Heirat mit ihm. Ohne Umschweife ist sie auch bereit, die „Geschäfte“ in seiner Abwesenheit zu führen. Auch ihre Rivalin Lucy (Mirjana Milo­savljevic), immerhin Tochter des Polizei­chefs, gibt nicht weinerlich die betrogene Ehefrau. Im kämpfe­rischen Eifer­suchts­duett fahren die Frauen ihre Krallen weniger gegen­einander, als in femini­stischer Einmütig­keit gegen Mackie aus. Selbst­bewusst­sein zeigt auch Jenny, die mit Mackie, wie ein Song verrät, im Bordell „einen Haushalt“ geführt hatte. Nun taucht dieser wie ein echter Patriach regelmäßig (am Donners­tag) bei ihr auf und fordert ihre Dienste ein. Sie verpfeift ihn ohne schlechtes Gewissen.

Olivia Lourdes Osburg und Mirjana Milosavljevic beim Eifersuchtsduett in der „Dreigroschenoper“

Die Handlung der Drei­groschen­oper lebt von den sehr bekann­ten Songs von Kurt Weill, die die Bot­schaft von der mangeln­den Moral und den schlech­ten Men­schen ein­dring­lich ver­mitteln. Unter der musi­kali­schen Gesamt­lei­tung des gut gelaun­ten Ivan Demidov sorgen die Musiker der Augs­burger Phil­har­mo­niker und der Orche­ster­aka­demie zu­sammen mit der Band um Stefan Leibold, Jan Kiese­wetter, Kay Fischer, Tom Jahn und Tilman Herpich­böhm (der auf der Bühne ein mobiles, kom­paktes Schlag­zeug vor­führt) für den rich­tigen Groove für die Sing­stimmen. „Nur wer im Wohl­stand lebt, lebt angenehm“. Das mit Spannung er­war­tete Ende (kommt der könig­liche Bote um Macheath zu be­gna­digen?) wird dem Zeit­geist ent­spre­chend unter den Dar­stellern „aus­disku­tiert“: Macheath endet als (Fisch-)Opfer auf dem Präsen­tier­teller, die Messer werden gewetzt, aber er fordert seine Be­gnadi­gung, denn „das Böse gewinnt immer“. Es bleibt offen, der musi­kali­sche Leiter greift ein und fordert die Auf­stellung zum Schluss­chor: „Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“

„Optimismus ist nur Mangel an Information“

Heiner Müllers „Hamletmaschine“ ist der zweite Beitrag des Staats­theaters zum dies­jährigen Brecht­festival. Das ist nicht abwegig, Brecht hat den 1929 geborenen und in zwei Dikta­turen soziali­sierten Autor sehr geprägt. Der Text zur „Hamlet­maschine“ entstand, als Heiner Müller Shake­speares Hamlet übersetzte. Über die Intention seiner Stücke sagt er, er habe den Impuls, „Dinge bis auf ihr Skelett zu reduzieren, ihr Fleisch und ihre Oberfläche herunter­zu­reißen.“

Nebel und Bewegung in der „Hamletmaschine“

Auch in der Hamlet­maschine wird viel Text herum­ge­wir­belt. Auf der Brecht­bühne im Gas­werk er­wartet die Zu­schauer zu­nächst jedoch vor allem Nebel, der, wie Drama­turgin Mara Goga mehr­fach ver­sichert, keines­falls gesund­heits­schäd­lich ist. Denn er be­herrscht nicht nur die Bühne, sondern zu­min­dest am Anfang auch den Zu­schauer­raum. Lili-Hannah Hoeppner ins­zeniert einen „qual­menden Maschi­nen­raum“, der nur nach und nach bei sich lich­tendem Nebel Erkennt­nis frei­gibt. Die zwei Schau­spie­le­rinnen (Ute Fiedler, Jenny Langner) und Schau­spieler (Julius Kuhn, Kai Windhövel) bieten Hoch­leistung, sie agieren uner­müd­lich wie Roboter, teils in Theater­kostümen, mit prä­ziser Choreo­grafie (von Ronnie Maciel), und sprechen einzeln oder chorisch. Rollen und Figuren aus dem Hamlet werden aus­einander­genommen, Ophelia wird von ihrem Dasein als Rand­erschei­nung in den Fokus gerückt. Die politi­sche Kon­nota­tion des Textes zielt auf die Lebens­reali­tät in der DDR. Doch der hoch­komplexe Text dringt schwer durch, die neblige Bühnen­show macht es schwer, sich darauf zu konzen­trieren. Die Ins­ze­nierung lebt von Licht und Nebel und von der unent­wegten Körper­arbeit der Dar­stelle­rinnen und Dar­steller. Dieser Teil des Brecht­festivals war zweifellos nicht für ALLE konzipiert. Das Premieren­publikum hono­rierte bei der Per­formance vor allem den Einsatz der Akteure auf der Bühne.

Brechtfestival Fazit

Der Rückblick auf das Brechtfestival fällt bei den Ver­an­stal­tern positiv aus, auch das Publikum gab viele positive Rück­meldungen. Die Festival­leiter zeigten Präsenz, gaben sich nahbar und suchten den Kontakt. Wie früher auch wurde von Kritikern die Frage gestellt, wo denn der Brecht bleibe beim Brecht­festival. Außer der Drei­groschen­oper war da konkret nichts dabei. Das Brecht­haus kam nur indirekt vor, in der Per­formance von Karla Andrä, die Einträge aus dem Gästebuch ver­arbei­tete. Doch Brechts Geist war durchaus präsent, Themen wie gesell­schaft­liche Ver­ant­wortung und Haltung zu Krieg und Frieden waren gerade angesichts der aktuellen politi­schen Lage kaum aus­zu­blenden. Zur Lage im Iran gab es sogar eine spontane Dis­kussions­runde, die die Festival­leiterin, selbst mit irani­schen Wurzeln, schon aus eigener Betroffen­heit organi­sierte und mode­rierte. In vieler­lei Hin­sichten war es auch ein buntes und fröh­liches Festival. Das hätte Brecht wohl nicht missfallen.



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