DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Sonntag, 09.08.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

StadtGestalten

„Integration ist keine Einbahnstraße“

StadtGestalten: Martin Schenkelberg

In der DAZ-Reihe „StadtGestalten“ kommen Menschen zu Wort, die Augsburg aktiv mitgestalten. Heute im Gespräch: Martin Schenkelberg, berufsmäßiger Stadtrat und Referent für Gesundheit, Pflege, Integration und Gesellschaft.

Ein Interview von Sait İçboyun

Martin Schenkelberg

Martin Schenkelberg verantwortet eines der viel­seitig­sten Referate der Stadt Augsburg. Zu seinem Zuständig­keits­bereich gehören Gesundheit, Pflege und Pflege­planung, die Heim­aufsicht, Bürge­rinnen- und Bürger­ange­legen­heiten, Integ­ration und Migration, Frieden und Erinnerungs­kultur, Kirchen und Glaubens­gemein­schaften, Brauchtums­pflege, Stiftungen sowie Nach­haltig­keit. Im Gespräch spricht er über gesell­schaft­lichen Zusammen­halt, Integ­ration und die Frage, wie Menschen in einer viel­fältigen Stadt miteinander leben können.


Sait İçboyun: Herr Schenkelberg, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch nehmen. Sie wurden im Mai mit einem neu zuge­schnitte­nen Referat erneut zum Referenten gewählt. Ihr Referat für Gesundheit, Pflege, Integ­ration und Gesell­schaft vereint ein außer­gewöhnlich breites Aufgaben­spektrum. Neben den Bereichen Gesundheit, Pflege und Integ­ration gehören unter anderem das Stiftungs­wesen, das Marktamt mit Veran­stal­tungen wie dem Plärrer und dem Christ­kindles­markt sowie das Amt für gesell­schaft­lichen Zusammen­halt mit den Bereichen Nach­haltig­keit und gesell­schaft­liche Integration dazu.

Sie bezeichnen Ihr Ressort selbst gerne als „Referat für gesell­schaft­lichen Zusammen­halt“. Was bedeutet gesell­schaft­licher Zusammen­halt für Sie ganz konkret im Alltag einer Stadt wie Augsburg? Und wo erleben Sie heute bereits Beispiele, in denen dieses Miteinander besonders gut gelingt?

Martin Schenkelberg: Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht durch das Zusammen­spiel vieler Menschen und Organi­sationen. An erster Stelle steht für mich die Zivil­gesell­schaft mit ihren vielen tausend Ehren­amtlichen. Hinzu kommen Kirchen und Religions­gemein­schaften sowie zahlreiche soziale und karita­tive Einrichtungen.

Natürlich trägt auch die Stadt Verantwortung. Allerdings wäre es falsch zu behaupten, dass allein mein Referat für den gesell­schaft­lichen Zusammen­halt zuständig ist. Ich sehe vielmehr drei von sieben Referaten in einer besonderen Ver­antwortung: das Sozial­referat, das die soziale Sicherung organisiert, das Bildungs­referat, das sich um Schulen, Kinder­tages­stätten und Bildungs­gerechtig­keit kümmert, und mein Referat.

Unser Schwerpunkt liegt in der Mitte der Stadtgesellschaft. Wir möchten dazu beitragen, dass sich die Menschen in Augsburg wohlfühlen, gut miteinander auskommen und Möglichkeiten finden, sich aktiv einzubringen.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt zeigt sich aus meiner Sicht selten in großen politischen Ent­scheidungen. Er entsteht vielmehr in vielen kleinen Begegnungen des Alltags.

Ein schönes Beispiel ist für mich die Ökumenische Vesperkirche in der Kirche St. Paul in Pfersee. Die evan­gelische und die katholi­sche Kirche bieten dort einmal im Jahr für zwei Wochen ein preis­günstiges Essen an – ausdrücklich nicht nur für Menschen mit geringem Einkommen, sondern für alle Bürgerinnen und Bürger. Ich war selbst mehrfach dort und habe beim Austeilen des Essens mitgeholfen. Dort sitzen Menschen mit ganz unter­schied­lichen Lebens­geschichten an einem Tisch: Menschen mit wenig Geld, finanziell gut Gestellte, Ehren­amtliche und Einsame. Genau solche Begegnungen stärken den Zusammenhalt einer Stadt.

Ein weiteres herausragendes Beispiel ist das Augsburger Hohe Friedensfest. Ursprünglich entstand es als prote­stanti­sches Ausrufe­zeichen gegen die damaligen katholi­schen Machthaber. Im Laufe der Zeit entwickelte es sich zunächst zu einem ökumenischen und schließlich zu einem inter­religiösen Fest. Diese Entwicklung finde ich bemerkens­wert. Wenn ich die Friedens­tafel auf dem Rathaus­platz sehe, erfüllt mich das mit Stolz. Sie ist für mich ein sichtbares Zeichen dafür, was gesell­schaft­licher Zusammen­halt bedeuten kann.

Auch die städtischen Feste leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Dazu gehören der Plärrer, der Christ­kindles­markt, die Dulten oder Stadtteil­feste wie das Gögginger Frühlings­fest und die Lechhauser Kirchweih. Natürlich sind solche Veran­staltungen nicht vollständig konsumfrei, und manche Menschen können sich einen Besuch nur einge­schränkt leisten. Deshalb bemühen sich Schausteller und Marktkaufleute mit Angeboten wie Kindertagen oder Rabatt­aktionen darum, die Feste möglichst vielen zugänglich zu machen.

Denn das Bedürfnis, gemeinsam zu feiern, miteinander zu sprechen, zu lachen und Zeit zu verbringen, gehört seit jeher zu jeder Gesell­schaft – früher vor allem auf der Kirchweih, heute beispiels­weise auf dem Plärrer.

Ein weiteres Beispiel ist für mich das Sommerfest des Integrations­beirats. Ich nehme es nicht als Veran­staltung eines einzelnen Beirats wahr, sondern als ein großes inter­kultu­relles Fest für die gesamte Stadt. Mehr als 60 Vereine und Initiativen gestalten es mit und machen sichtbar, wie vielfältig Augsburg ist. Für viele Menschen aus den migranti­schen Communities besitzt dieses Fest einen hohen Stellenwert. Deshalb gehört es für mich inzwischen zu den wichtigsten Veran­staltungen im Augsburger Jahreskalender.

Sait İçboyun: Augsburg ist eine sehr vielfältige Stadt. Rund 160 Nationen leben hier friedlich zusammen. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Studie, dass inzwischen 61 Prozent der Kinder unter sechs Jahren einen Migrations­hinter­grund haben. Die Frage ist: Ist die Aufgabe eines Referenten heute noch aus­schließ­lich die Integ­ration? Oder muss man den gesell­schaft­lichen Zusammen­halt weiter­denken und neue Formen des Miteinanders entwickeln? Denn Integration wird häufig als etwas verstanden, das vor allem von Menschen mit Migrations­geschichte erwartet wird. Tatsächlich aber leben, arbeiten und altern Menschen gemeinsam in dieser Stadt. Betrifft Integration deshalb nicht eigentlich alle Bereiche des gesell­schaft­lichen Lebens?

Martin Schenkelberg: Ich finde, dass der Begriff Integration grundsätzlich weiterhin passend ist. Ich bin kein Freund davon, dass wir in Deutschland ständig Begriffe verändern und jede gesell­schaft­liche Entwicklung mit neuen Defini­tionen versehen. Natürlich haben theo­retische und philo­sophische Debatten ihre Berech­tigung. Aber als Kommunal­politiker muss ich Politik für die breite Mehrheit der Bevöl­kerung machen – für den Alltag der Menschen.

Ich verstehe aber den Gedanken hinter Ihrer Frage. Integrations­prozesse betreffen tatsächlich nicht nur Menschen mit Migrations­geschichte oder Flucht­erfahrung. Kinder und Jugend­liche müssen in die Gesell­schaft hinein­wachsen, um mündige Erwachsene werden zu können. Ältere Menschen wollen nicht an den Rand gedrängt werden, nur weil sie nicht mehr aktiv im Berufsleben stehen. Menschen mit Behinderung wollen in allen Bereichen des Lebens dazugehören – in der Schule, im Beruf, beim Wohnen und in der Freizeit.

In diesem Sinne stellen sich Integrationsfragen für viele Menschen. Wenn wir aber über die Integration von Menschen mit Migrations­geschichte sprechen, halte ich den Begriff weiterhin für richtig. Entscheidend ist doch die Frage: Was ist unser gemeinsames Zielbild? Was für eine Gesell­schaft wollen wir sein? Und welchen Platz geben wir Menschen, die neu zu uns kommen?

Für mich ist Integration ein Prozess, der nur in beide Richtungen funktioniert. Die Aufnahme­gesell­schaft muss bereit sein, Menschen willkommen zu heißen. Gleich­zeitig müssen diejenigen, die neu dazukommen, die Bereit­schaft mitbringen, Teil dieser Gesell­schaft werden zu wollen.

Beides müssen wir fördern. Die Offenheit der Gesellschaft entsteht durch Begegnung, durch Wissen über andere Kulturen, Religionen und Lebens­geschichten. Wo Menschen sich kennen­lernen, entstehen Verständnis und Vertrauen. Gleich­zeitig braucht Integ­ration auch klare Rahmen­bedingungen und Erwartungen.

Ein praktisches Beispiel ist der Pflegebereich. Ich bin weiterhin Pflege­referent und damit auch für den Eigen­betrieb Altenhilfe Augsburg zuständig. Wir stehen vor einem großen Fach­kräfte­problem. Experten gehen davon aus, dass ab 2029 mehr Pflege­fach­kräfte in den Ruhestand gehen werden, als neue Menschen in die Ausbildung kommen.

Wir brauchen deshalb auch Fachkräfte aus dem Ausland. Gemeinsam mit professio­nellen Partnern im indischen Bundes­staat Kerala holen wir bereits ausgebildete Pflege­fach­kräfte und Auszu­bildende nach Augsburg. Unser Ziel ist es, jedes Jahr zehn Pflege­fach­kräfte und zehn Auszu­bildende zu gewinnen. Entscheidend ist dabei aber nicht nur die Anwerbung, sondern auch die Integ­ration dieser Menschen. Dafür haben wir im Eigen­betrieb Kolleginnen, die sich gezielt um den Ankommens­prozess kümmern.

Sait İçboyun: In Ihrem Referat wachsen die Themen Gesundheit, Pflege und Integration eng zusammen. Wo sehen Sie die größten Chancen, um beispielsweise älteren Migrantinnen und Migranten ein gutes Altern in Augsburg zu ermöglichen? Es gibt in Augsburg ein Projekt, aber auch in Mannheim, glaube ich. Gibt es neue Wege, die Sie beschreiten wollen?

Martin Schenkelberg: Das wollen wir und das tun wir teilweise schon. Sie sprechen drei Themenfelder an, die eine große Schnittmenge haben können. In der Gesundheit interessiert mich vor allen Dingen die Prävention und die Gesund­heits­förderung. Ich glaube, das ist ein Bereich, den wir bei vielen migranti­schen Familien noch ausbauen können und sollten. Viele migranti­sche Familien regeln Themen der Gesundheit und Pflege unter sich, privat unter hohem körper­lichen Einsatz, teilweise bis zur Vernach­lässigung eigener wirt­schaft­licher Absicherung.

Sait İçboyun: Das bedeutet, dass die Heraus­forderung nicht nur darin liegt, medi­zinische Angebote bereit­zustellen, sondern auch darin, Menschen überhaupt besser mit diesen Angeboten zu erreichen?

Martin Schenkelberg: Genau. Ich glaube, dass wir die Zugänge für Migranten zum deutschen Gesund­heits­system verbessern können. Es gibt Städte wie Essen, die Gesund­heits­kioske ein­gerichtet haben – einen niedrig­schwelligen Zugang im Stadtteil für Menschen, die Schwierig­keiten haben, den Weg zum Arzt oder zur Klinik zu finden. Die will man im Stadtteil abholen mit einem unbüro­kratischen Angebot, wo sie schnell Beratung zu Gesund­heits­themen erhalten, die sie vielleicht schon lange mit sich schleppen, und wo kleinere medi­zinische Dienst­leistungen vor Ort akut möglich sind.

Das System setzt die notwendigen Ressourcen voraus, aber ich könnte mir vorstellen, so etwas in Augsburg auszu­probieren.

Sait İçboyun: Gerade bei älteren Menschen mit Migrationsgeschichte spielt aber nicht nur der Zugang zum Gesundheitssystem eine Rolle, sondern auch die Frage, wie Pflege gestaltet wird. Wie kann eine Stadt sicherstellen, dass Menschen sich auch im Alter kulturell verstanden und gut aufgehoben fühlen?

Martin Schenkelberg: In der Pflege geht es um die kultur­sensible Pflege. Wir haben bereits ein Projekt im Rahmen des EU-Projektes „DIWA 4.0“ und hier das Teilprojekt „Aktiv Ankommen“ in unserem Eigen­betrieb Altenhilfe Augsburg. Ziel des Projektes ist es, dass wir uns auf eine sehr diverse Mit­arbeiter­schaft einstellen – unsere Mitarbeiter kommen aus über 60 Nationen.

Wir müssen etwas dafür tun, dass dieses Miteinander der Kulturen gut funktioniert. Wir müssen kultur­sensibel in Bezug auf unsere Beleg­schaft sein, und dann ist natürlich auch die kultur­sensible Pflege am Menschen sehr wichtig.

Sait İçboyun: Also betrifft Kultur­sensi­bilität nicht nur die Pflege­bedürftigen, sondern auch die Mit­arbeite­rinnen und Mit­arbeiter, die selbst aus unter­schied­lichen kultu­rellen Hinter­gründen kommen?

Martin Schenkelberg: Genau. Wir als städtischer Eigenbetrieb haben den Anspruch, dass Menschen mit und ohne Migrations­hinter­grund sich gleicher­maßen ange­sprochen fühlen und sich in unseren Häusern wohlfühlen.

Wir sind die städtische Altenhilfe und sollen ein Angebot für alle Augsburger machen, unabhängig von Herkunft, Sprache, Natio­nalität oder religiöser Ein­stellung. Diesen Auftrag nehmen wir ernst. Wir wollen da sein, zum Beispiel für Menschen muslimi­schen Bekennt­nisses, oder aktuell sind wir in der Dis­kussion mit der Israe­litischen Kultus­gemeinde für einen Koope­rations­vertrag, um die Altenpflege für jüdische Mitbürger sicher­zustellen.

Sait İçboyun: Zu Ihren neuen Aufgaben gehört nun auch die Brauchtums­pflege, die Bürger­beteili­gung und das Ehrenamt. Wie möchten Sie diese traditio­nellen Themen mit dieser modernen, viel­fältigen Stadt­gesell­schaft verknüpfen, um alle Menschen mitzunehmen?

Martin Schenkelberg: Das ist eine große Heraus­forderung. Ein wenig scherzhaft möchte ich darauf hinweisen, dass ich es mit einigen Mit­streitern geschafft habe, seit einigen Jahren wieder einen Kinder­faschingszug in Augsburg zu etablieren, was viele einge­borene Augsburger für nicht möglich gehalten haben. Wir haben das geschafft und sind entschlossen, das weiter auszubauen und als Tradition beizubehalten.

Um etwas ernsthafter zu werden: Ich glaube, dass man die Qualität eines Integrations­prozesses daran ablesen kann, wie wir es schaffen, Menschen mit Migrations­geschichte für das typisch deutsche Brauchtum zu begeistern. Nicht als Ersatz für die eigene Herkunft, sondern als Bereicherung des eigenen erlebten Kanons an Werten.

„Typisch deutsches Brauchtum“ (Bilder: privat)

Sait İçboyun: Sie verstehen Brauchtum also nicht als etwas Abge­schlossenes, das nur einer bestimmten Gruppe gehört, sondern als etwas, das neue Menschen mitgestalten können?

Martin Schenkelberg: Genau. Mein Ziel als Volksfest- und Brauchtums­referent ist es, immer mehr Menschen mit Migrations­geschichte für unseren Kinder­faschingszug, unseren Plärrer oder unseren Christ­kindles­markt zu begeistern.

Man kann diese Feste besuchen, völlig unabhängig von der religiösen Überzeugung. Mir ist klar, dass gläubige Muslime sicherlich nicht in ein Festzelt gehen, um eine Maß Bier zu heben. Diesen Anspruch sollten wir auch nicht haben. Biertrinken ist keine Voraus­setzung, um bei einem Volksfest mitfeiern zu können.

Es mag eine gewisse kulturelle oder religiöse Zurück­haltung geben, aber wir müssen den Versuch unternehmen, dass wir auch bei solchen Veran­staltungen gemeinsam feiern und miteinander das Leben genießen.

Sait İçboyun: Sie sprechen davon, dass Integration in beide Richtungen funktionieren muss. Was bedeutet das konkret für die Mehrheits­gesellschaft?

Martin Schenkelberg: Die Gruppe der Migranten ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die Offenheit der deutsch­stämmigen Bevölkerung für Feste und Riten von Menschen mit Migrations­geschichte.

Ich habe es mir zum Beispiel zum Ziel gesetzt, öfter zum Fasten­brechen zu gehen. Ich habe das bisher erst einmal gemacht, bin aber entschlossen, das in Zukunft öfter zu tun. Ich wünsche mir diese Einstellung bei mehr Menschen, die als Deutsche in Deutschland geboren worden sind. Das ist eine Frage der Wertschätzung.

Man kann Menschen nicht hier willkommen heißen und sie dann mit ihren geliebten Tradi­ti­onen allein­lassen. Integ­ration ist keine Einbahn­straße, sondern muss in beide Richtungen gehen.

Sait İçboyun: Sie sind dafür bekannt, das direkte Gespräch zu suchen, so habe ich es auch bei den Bürger­sprech­stunden erlebt. Wie wichtig ist Ihnen der persön­liche Kontakt mit der Bürger­schaft – auch in den Stadt­teilen? Suchen Sie den Draht zu den Menschen, um über große politi­sche Fragen zu reden oder eher über die all­täglichen Themen der Kommunalpolitik?

Martin Schenkelberg: Das ist eines der Kernthemen meiner Arbeit und meines gesamten Lebens. Ich suche ständig den Kontakt und das Gespräch mit den Menschen und rede dabei auch gerne über meine Leib- und Magenthemen: Politik, Religion oder rechtliche Fragen.

Ich bin der Auffassung, dass es möglichst wenig Tabuthemen in unserer aufgeklärten Gesellschaft geben sollte. Es gibt Themen, über die niemand gerne redet, wie eigene Fehler oder Krankheiten. Aber über Themen, die den gesell­schaft­lichen Zusammen­halt bestimmen, müssen wir reden können. Die politische und die reli­giöse Ein­stellung haben einen starken Einfluss darauf, wie wir uns als Individuen definieren oder welchen Stellen­wert die Gemein­schaft für uns hat.

Sait İçboyun: Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen immer stärker in eigenen Infor­mations- und Lebens­welten bleiben: Wie schafft man wieder mehr Begegnung?

Martin Schenkelberg: Ich bin ein Referent, der regelmäßig Bürger­sprech­stunden anbietet, die sich an alle Bürger richten, die meinen, dass ich ihnen helfen könnte. Ich bin häufig in der Stadt unterwegs und immer ansprechbar. Das wird bei dem neuen Aufgaben­zuschnitt eher noch mehr werden.

Es gibt tolle Projekte wie das „Ratschbänkle“ des Senioren­beirats am Hospital­stift, das dazu dient, dass Menschen sich hinsetzen und miteinander ins Gespräch kommen, besonders wenn sie fremd sind.

Es gibt Initiativen, die sich darum kümmern, dass Nachbar­schaften zusammen­wachsen. Da sind Dr. Pia Hertinger und Maria Branden­stein ganz aktiv. Es gibt Menschen, die einen Garten haben, den viele in Augsburg nicht haben, und die ihn öffnen, damit man sich dort treffen kann, um zu reden oder zu feiern.

Oder die Zeitung „Die Zeit“ hat einmal ein Programm aufgelegt, in dem politi­sche Ein­stellungen abgefragt wurden, um Menschen mit gegen­teiligen Über­zeugungen gezielt zusammen­zubringen. Das alles sind wunderbare Ansätze, um die Gesell­schaft wieder mehr zusammen­zubringen.

Sait İçboyun: Also geht es letztlich darum, wieder Räume zu schaffen, in denen Menschen miteinander sprechen, auch wenn sie unterschiedliche Ansichten haben?

Martin Schenkelberg: Ich glaube, das ist elementar wichtig. Ich würde mich freuen, als Gesell­schafts­referent dazu beizutragen, dass es neue Formate gibt, um Menschen ins Gespräch zu bringen, die noch nicht mit­einander gesprochen haben.

Wir müssen alle aus unseren Blasen rauskommen. Mein Ideal ist eine Gesell­schaft, die in jeder Hinsicht hori­zontal und vertikal verflochten ist. Wir sollten alles dafür tun, dass wir in einer Gesell­schaft leben, die geistig offen für die Begegnung und den Austausch mit anderen und Anders­denkenden ist.

Darin sehe ich auch eine staatliche Aufgabe und eine Aufgabe für die Stadt Augsburg, das zu fördern.

Sait İçboyun: Das Format heißt „StadtGestalten“. Was motiviert Sie persönlich, wenn Sie morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren?

Martin Schenkelberg: Die Zukunft von Augsburg mitzugestalten.

Mich hat immer am meisten motiviert, unmittelbar für Menschen arbeiten zu dürfen. Das ist das große Privileg der Kommunal­ver­waltung und Kommunal­politik, dass wir ganz nah an den Menschen sind.

Ich habe den großen Vorteil, dass ich ein Referat leite, in dem diese Arbeit im Mittel­punkt steht. Für mich gibt es nichts Schöneres, als in glückliche Augen zu schauen oder ein Wort des Dankes und der Aner­kennung zu hören.

Ich schöpfe einen großen Teil meiner Arbeits­motivation aus der Aner­kennung der Menschen, für die ich arbeite.


Das Gespräch mit Martin Schenkelberg fand in seinem Amtszimmer im Augsburger Rathaus statt. Er nahm sich dafür viel Zeit und gewährte Einblicke in die große Bandbreite seines neuen Aufgaben­bereichs.

Zwischen den einzelnen Fragen entstanden immer wieder intensive Gespräche und Diskus­sionen, die über das eigent­liche Interview hinaus­gingen – über Integ­ration, Religion, Pflege, Ehrenamt und darüber, wie eine viel­fältige Stadt­gesell­schaft miteinander im Austausch bleiben kann.

Dabei entstand der Eindruck eines Referenten, der sich der Größe und Vielfalt seines neuen Verant­wortungs­bereichs bewusst ist und zugleich bereit ist, die unter­schied­lichen Lebens­reali­täten dieser Stadt kennen­zulernen. Nicht nur Strukturen und Aufgaben standen im Mittelpunkt, sondern immer wieder die Menschen dahinter: ihre Geschichten, ihre Erfahrungen und ihre unter­schied­lichen Per­spek­tiven auf Augsburg.

Vielleicht liegt genau darin eine der zentralen Fragen für eine wachsende und viel­fältige Stadt: Wie gelingt es, nicht nur neben­einander zu leben, sondern mit­einander ins Gespräch zu kommen? Gesell­schaft­licher Zusammen­halt entsteht letzt­lich dort, wo Begegnung möglich wird – und wo Menschen bereit sind, zuzuhören und gemeinsam an der Zukunft ihrer Stadt zu arbeiten.