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„Neustart“: Virtuosität und Begeisterung

Als hätten viele schon mit den Hufen gescharrt: Die Stimmung beim „Neustart“ im Kongress am Park war euphorisch und angesichts der Virtuosität des Cellisten und des mitreißenden Schwungs des Gastdirigenten fast euphorisch. Vielleicht auch wegen der großen Gruppen an jungem Publikum.

Von Halrun Reinholz

Alban Gerhardt (Bild: © Benjamin Ealovega)

Das erste Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker in der neuen Saison stand unter dem Motto „Neustart“. Endlich, könnte man fast meinen – auch wenn das Konzert nicht restlos ausverkauft war. Auf dem Programm stand zweimal Brahms, dazwischen das Cello-Konzert Nr. 1 Es-Dur von Dmitri Schostakowitsch. Zum Neustart begrüßte GMD Domonkos Héja das Publikum allerdings nicht persönlich, aber er hatte mit seinem nur 33-jährigen ungarischen Landsmann Gábor Hontvári für espektablen Ersatz gesorgt. Der junge Dirigent begann sein Studium in Budapest, setzte es in Weimar fort und ist seither auf dem nationalen und internationalen Parkett unterwegs. Derzeit ist er Interims-GMD beim Theater Nordhausen, davor war er einige Jahre 1. Kapellmeister und stellvertretender GMD in Würzburg. Der vielfach preisgekrönte Dirigent präsentierte sich auch in Augsburg ausdrucksstark und empathisch.

Die „Akademische Festouvertüre“ von Johannes Brahms bot einen beschwingt-heiteren Einstieg in den Abend. Brahms, der Nichtakademiker, erhielt durch Vermittlung seines Freundes Bernhard Scholz 1880 die Ehrendoktorwürde der Universität Breslau. Als Dankesgeschenk brachte er zur Verleihung die „Festouvertüre“ mit, ein „sehr lustiges Potpourri von Studentenliedern“, wie Brahms es selbst bezeichnete. Das bekannte Stück enthält Motive von in den damaligen Studentenkreisen beliebten Liedern und gipfelt im akademischen Pflichtgesang „Gaudeamus igitur“. Mit dieser Betonung auf der Leichtigkeit und Unbeschwertheit des Studentenlebens relativiert Brahms die akademische Würde, zu der er offenbar ein ambivalentes Verhältnis hatte.

Eine ganz andere Stimmung verbreitete danach das Cellokonzert von Dmitri Schostakowitsch mit dem Solisten des Abends Alban Gerhardt. Schostakowitsch ist eine tragische Figur der Musikgeschichte im Zwiespalt seiner musikalischen Überzeugungen und den stalinistischen Repressionen gegen die Künstler. Das Violoncello-Konzert wurde 1959 komponiert, einige Jahre nach Stalins Tod, als in der Sowjetunion ein vermeintliches Tauwetter der „Entstalinisierung“ in beschränktem Umfang künstlerische Ausdrucksformen abseits des strengen sozialistischen Realismus möglich machte. Schostakowitsch experimentierte damit. Im Cellokonzert verarbeitete er das bekannteste georgische Volkslied „Suliko“, angeblich das Lieblingslied des Georgiers Josef Stalin, als durchgängiges Motiv. Stets hatte er beim Komponieren die Opfer der Repression vor Augen, denen er mit der Musik ein Denkmal setzen wollte. „Er war das Gewissen der sowjetischen Musik“, sagte der Cellist Mstislaw Rostropowitsch über ihn, ihm hat Schostakowitsch dieses Cellokonzert gewidmet. Es ist eine Herausforderung an die Virtuosität des Cellisten, der Rostropowitsch sicher gewachsen war. Auch Alban Gerhardt erwies sich beim Konzertauftritt in Augsburg als Meister seines Instruments, seine Virtuosität ließ das Publikum atemlos nach Luft schnappen. Mit vermeintlicher Leichtigkeit präsentierte er ausgefeilte Kadenzen, trat in lebhaften Dialog mit dem Orchester und erntete einen explosiven Applaus. Offenbar hatten auch etliche Studierende der Augsburger Musikhochschule die Gelegenheit zum Konzertbesuch genutzt, sie zeigten ihre Bewunderung lautstark beim Schlussapplaus. Der vielfach preisgekrönte Solist spielte als Zugabe Bach, ein Komponist, der ihm besonders am Herzen liegt. Vor Jahren hatte er mit der Deutschen Bahn das Projekt „Bach im Bahnhof“ gestartet, um außerhalb der Konzertsäle für die klassische Musik zu werben.

Nach der Pause setzte sich Gábor Hontváry wieder mit Brahms auseinander, diesmal mit der Sinfonie Nr. 1 c-moll. Lange hatte sich Brahms nicht getraut, Sinfonien zu schreiben, angesichts der Leistung von Beethoven, der, wie er bemerkte, „wie ein Riese hinter einem hermarschiert“. Er wollte kein Nachahmer sein, traute es sich aber nicht zu, aus Beethovens Schatten herauszutreten. Nach einer langen Schaffensperiode wurde die Sinfonie in dem musikalisch inspirierenden Kurort Bad Ischl vollendet und 1870 in Karlsruhe uraufgeführt. Brahms wollte das Werk lieber „zuerst in einer kleinen Stadt“ gespielt wissen, die „einen guten Freund, einen guten Capellmeister und ein gutes Orchester hat.“ Das Karlsruher Publikum zeigte sich aber nur mäßig begeistert und der Durchbruch gelang erst etwas später in Wien. Für Brahms war damit aber das Eis gebrochen und er schrieb danach weitere Sinfonien. Auch das Augsburger Publikum ging mit dem agilen Dirigenten und dem präzise abgestimmten Orchester mit und applaudierte begeistert.