DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Donnerstag, 14.05.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Film

Ein Lehrstück über den „Wutbürger“

Der Film „Stuttgart 21“ eröffnet die Tage des Unabhängigen Films

Von Frank Heindl

Der Wille, „oben zu bleiben“ einigt in Stuttgart Vertreter aller Berufe, Schichten und Altersstufen. Der Film „Stuttgart 21“ macht nachfühlbar, warum das so ist.

Ein emotionaler Film ist das, sicher. Kein Bemühen um nochmal eine „objektive“ Betrachtung des als „Stuttgart 21“ bekannt gewordenen Megaprojekts der Deutschen Bahn. Nicht nochmal eine Analyse, ob Stuttgart, ob Baden-Württemberg, ob Deutschland schnellere Zugverbindungen und dafür den gigantischen Tunnelbahnhof mitten unter der Stadt brauchen. Sondern eine Dokumentation dessen, was bei denen vorging, die sich mit wachsendem Engagement, wachsender Sorge, wachsender Wut gegen das Projekt aufgelehnt haben.

Die Regisseure Lisa Sperling und Florian Kläger hat sich umgehört unter Demonstranten, hat Bürger, Architekten, Banker vor die Kamera geholt und sie bei den Demonstrationen begleitet. Wer sich bisher mit dem Anliegen der Bahnhofsverhinderer nicht identifizieren konnte, mag möglicherweise nach Sperling/Klägers Film eines Besseren belehrt sein: In der Tat ist das Vorgehen von Politik und Polizei rund um das Bahnhofsprojekt ein Lehrstück über politische Meinungsbildung und vor allem darüber, dass man diese Meinungsbildung nicht mehr so leicht manipulieren kann.

Politische Einfalt, Ignoranz, Beschränktheit

Der Stuttgarter „Wutbürger“ kam spät in die Gänge, aber der Film macht auch klar, wieso das so war: Weil nämlich nach zehn, fünfzehn Jahren Planung plötzlich die Folgen sichtbar wurden. Weil Gebäude verschwanden (der Film zeigt den Beginn sehr eindrucksvoll zunächst im Original, dann im Zeitraffer), weil große, schöne, alte Bäume fielen – und weil die Politik den Widerspruch nicht ernst nahm. Wie der Stuttgarter Oberbürgermeister auf dem Canstatter Volksfest in dümmlichster Manier (und gemeinsam mit der Stuttgarter „Bierkönigin“) dröhnt: „Wir im Ländle, wir sind einfach spitze“ und dann seinen Chef, den Landesvater Stefan Mappus willkommen heißt – man kann die Einfalt, die Ignoranz, die geistige Beschränktheit dieser Politikerkaste nicht fassen, und den tosenden Applaus auch nicht, den der OB von seinen Fans bekommt. Deutlich sympathischer ist da der Ex-Banker, der behauptet, der Umgang mit Steuergeldern sei „etwas vom Heiligsten, was es gibt in der Finanzwelt.“ Man mag das für naiv halten – es zeigt aber sehr deutlich die tiefe Verwurzelung des Stuttgarter Widerstands in einer Bevölkerungsschicht, die nicht irgendein fortschrittsfeindliches Revoluzzertum verteidigt, sondern jene bürgerlichen Ideale, auf denen ihr Staat, ihr „Ländle“ aufgebaut zu sein vorgibt.

Das Nachdenken der Bahnhofsgegner geht weiter – es nutzt sich nicht an den Witzfiguren ab, die sich auf dem Podium abhampeln. Es sei ihr mittlerweile völlig wurscht, konstatiert eine Bürgerin, ob und wie viele Minuten Fahrzeit man mithilfe eines neuen Bahnhofs gewinnen könne – „das ganze Leben ist doch eh schon viel zu schnell!“ Der Ex-Bankvorstand regt sich über die CDU/FDP-Regierung auf („eine Verbindung von Leuten, die grundsätzlich Kapitalinteressen vertreten“), der Regisseur Volker Lösch spricht von der „Zukunftsgestaltung der Gesellschaft.“ Und als schließlich bei den ersten Großdemonstrationen ein Polizist einen Demonstranten auffordert: „Gehen Sie weiter!“, da sind Mut, Wut und verzweifelte, Ohnmachtsfühle so weit gewachsen, dass der Mann cool antwortet: „Nein, ich steh‘ hier!“ Ein anderer ergänzt, das sei „Gemeinschaftskundeunterricht hier! Ich war mal Lehrer – auch Beamter!“

Mappus ist weg – wie geht’s weiter?

Wie es weiterging, ist bekannt: Wasserwerfer gegen Schüler, Reizgas, Verletzte, ein nahezu erblindeter Rentner, der nun auf Hilfe angewiesen ist, nicht mehr alleine einkaufen gehen kann, unzählige Bürger, denen auf diese Weise der Gedanke „jetzt erst recht!“ eingebläut wurde, ein CDU-Innenminister, der vor der Tagesthemen-Kamera flötet, die Landesregierung habe „sehr erfolgreich deeskalierend agiert“ – und dann nochmal der Banker, der die Idee der Schlichtung durch Heiner Geißler wenig sinnvoll fand und prophezeit: „Die Nagelprobe wird die Landtagswahl sein.“ Stefan Mappus, den die Untertitel des Filmes noch als „Ministerpräsident von Baden-Württemberg“ vorstellen, ist von der politischen Bildfläche zunächst verschwunden. Das Zeichen wäre noch deutlicher gewesen, wenn Fukushima nicht gewesen wäre. Aber der Bahnhof steht nun wieder ein wenig zur Disposition. Sperling/Klägers Film trägt dazu bei, dass auch Verhinderungsskeptiker nochmal neu nachdenken können.

„Stuttgart 21“ von Lisa Sperling und Florian Kläger, 75 Minuten, läuft als Eröffnungsfilm der Tage des Unabhängigen Films Augsburg am heutigen Freitag, 1.4.2011 um 20 Uhr im Mephisto. Die Regisseure sind anwesend, ebenso Produzent Peter Rommel. Weitere Vorstellungen am Samstag, 2.4. um 17.15 und 19 Uhr im Thalia.

Mehr Info unter www.lechflimmern.de/filmtage2011.

gesamten Beitrag lesen »



Von Gundremmingen bis nach Neapel und Kinshasa

„Lust auf Wirklichkeit“ – Filmtage contra Traumfabrik Von Frank Heindl Sich einlullen lassen von den – zugegeben: oftmals phantastischen, atemberaubenden, schönen – Ideen der Filmindustrie, das ist die eine Seite des Mediums Film, die eine Möglichkeit des Kulturorts Kino. Es ist auch die profitablere Seite, die mit den meisten Zuschauern, es ist die Sparte, die […]

gesamten Beitrag lesen »



Gegen „erwachsene“ Dummheit

Das Kinderfilmfest beginnt mit „Harun Arun“ aus Indien Von Frank Heindl Am Anfang kommt das alles sehr holzschnitthaft daher: Wie der nach Pakistan emigrierte Großvater seinen Enkelsohn zurück nach Indien bringen will, wie sie beide von der Polizei auseinandergerissen werden, wie der kleine Harun von Kindern aufgenommen wird, die ihn zuhause verstecken. Doch Vinod Ganatras […]

gesamten Beitrag lesen »



„Weltwassertag“: Film im Zeughaus

Die „WasserAllianz-Augsburg“ stellt am Dienstag, 22. März um 19 Uhr im Filmsaal des Zeughauses am Zeugplatz 4 den Dokumentarfilm „Flow-Wasser ist Leben“ vor. Der Film zeigt „die Umwelt zerstörenden und menschenverachtenden Auswirkungen des unbedachten Umgangs mit Wasser, die nicht nur die Armen betreffen, sondern mittelbar auch die Bewohner der reichen Länder“, wie es in der […]

gesamten Beitrag lesen »



Black Swan: Paranoia-Trash im Teenagerformat

Von Siegfried Zagler Von Robert de Niro soll der Satz stammen, dass man als Schauspieler in ein Leben schlüpfen könne, ohne den vollen Preis dafür bezahlen zu müssen. Wer Ellen Burstyn als tablettensüchtige Seniorin in „Requiem for a Dream“ (2000) oder Mickey Rourke als abgewrackten Catcher in „The Westler“ (2008) sah, weiß, dass Regisseur Darren […]

gesamten Beitrag lesen »



Vom Schöpfen aus der Projektion der Wirklichkeit: „Drei“, der neue Film von Tom Tykwer

Gestern wurde von Michael Graeter in der Münchner „Abendzeitung“ das gewöhnlich gut gehütete Geheimnis um die wichtigsten Preisträger des Bayerischen Filmpreises gelüftet. Laut Graeter geht am morgigen Freitag der Preis für die beste Regie an Tom Tykwer für „Drei“, dessen Hauptdarstellerin Sophie Rois als beste Darstellerin ausgezeichnet werden soll. Jede andere Entscheidung in diesen beiden […]

gesamten Beitrag lesen »



Water Makes Money – Filmmatinée im Liliom

Auf zahlreiche Anfragen hin zeigt die WasserAllianz Augsburg den Film „Water Makes Money“ gegen Wasser-Privatisierung in einer Matinée. Der Film ist eine Dokumentation über die größten Wasserkonzerne in Europa und den Widerstand gegen sie. An verschiedenen Beispielen informiert er darüber, wie Wasserkonzerne die öffentliche Versorgung übernehmen und sie unter das Diktat des Profits setzen. Preiserhöhungen […]

gesamten Beitrag lesen »



Tom Tykwer mit neuem Film im Thalia

Regisseur Tom Tykwer (Das Parfum, The International, Lola rennt) kommt nach Augsburg und stellt am heutigen Samstag, 11.12. um 16:30 Uhr im Thalia-Kino seinen neuen Film „Drei“ vor. Der Streifen wurde zuerst im September auf dem Filmfest in Venedig gezeigt. „Teils Beziehungskomödie, teils Liebesdrama, teils eleganter Tanz um Themen wie Tod, Krankheit, Liebe und Alltagstrott“ […]

gesamten Beitrag lesen »



Mann von Welt mit Gangster-Vergangenheit

Bei der Filmkunstmesse in Leipzig wurde „Ein Mann von Welt“ mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Als „unwiderstehlich lässige und eloquente norwegische Komödie mit subtil-schwarzem Humor, entwaffnendem Understatement und skurrilem Charme“ wird der Film gerühmt. „Hans Petter Molands ‚Ein Mann von Welt‘ reiht sich ein in die Tradition skandinavischer Komödien mit Humor der eher derb-skurrilen Art“, schreibt […]

gesamten Beitrag lesen »



Plädoyer für Vielfalt

Premiere von „Mein Deudshland“ auf den Augsburger Filmtagen Von Dominik Sandler Am Samstagabend hatte der Augsburger Spielfilm „Mein Deudshland“ im Mephisto Premiere. Anwesend war fast die ganze Filmcrew. Im Vorfeld des Filmfestes hatten die Organisatoren dem Produzenten und Regisseur Martin Pfeil gedroht, ihm die Ohren langzuziehen, sollte die Uraufführung von „Mein Deudshland“ nicht ausverkauft sein. […]

gesamten Beitrag lesen »