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Montag, 22.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Ich suche die Geschichten nicht, die suchen mich“

Fotokünstler und „Daumenkinograph“ Volker Gerling im Gespräch

Filmfestregisseure treffen alle früher oder später im Thalia-Café ein – dem zentralen Ort der Augsburger Filmtage. Auf Volker Gerling, der sich selbst „Daumenkinograph“ nennt (siehe obenstehender Artikel) musste man am Samstag ein bisschen länger warten. Er baute erst mal höchstpersönlich seine Projektionsanlage im Mephisto ab, transportierte alles eigenhändig ins Hotel – kam aber schließlich doch noch in die Filmkneipe. Frank Heindl stellte dem 42jährigen Künstler Fragen zur vorangegangenen Vorstellung.

? Herr Gerling, habe ich das richtig verstanden: Sie fotografieren immer noch analog?

Gerling: Ja, und aus mehreren Gründen. Ich bin gerne in der Dunkelkammer und ziehe die Fotos selber ab. Dass die Bilder hundert 100 Jahre halten, ist auch ein gutes Gefühl. Und außerdem will ich unbedingt vermeiden, dass ich mit den portraitierten Menschen über die Fotos diskutieren muss, wenn die sich das Ergebnis gleich anschauen können.

? Bei einer Serie, einem sich küssenden Paar, hatte ich den Verdacht, dass Sie möglicherweise manchmal dramaturgisch eingreifen. Es ist schön, dass die Serie genau aufhört, als die beiden Münder sich gefunden haben. Aber was, wenn sie auf dem letzten Bild schon wieder getrennt gewesen wären?

Gerling: Sie haben gut aufgepasst. In der Tat ist das eines der ganz wenigen Beispiele, wo ich Bilder weggelassen habe, um die Wirkung zu erhöhen. Ich halte mich nicht stur an das 36-Fotos-Schema, aber es funktioniert fast immer ohne irgendeinen Eingriff, und das ist mir dann auch lieber. Die ursprüngliche Idee, zwölf Sekunden lang drei Fotos pro Sekunde zu machen, hat sich schnell als optimal herausgestellt. Ein bisschen flexibel ist das ohnehin, weil ich das bei meiner Kamera nicht exakt bestimmen kann – ich kann die Geschwindigkeit nicht per Zeitschaltung, sondern nur über die Belichtungsdauer regulieren.

„Meine Vorführung braucht den intimen Rahmen“

? Sie sind heute im Rahmen eines Filmfestivals aufgetreten, Erwin Schletterer, der Chef der Kurzfilmtage, hat Ihren Auftritt als „Pre-opening“ des Kurzfilmwochenendes vorgestellt. Fühlen Sie sich mit Ihrer Kunst hier richtig verortet?

Gerling: Ich war heute erst zum zweiten Mal überhaupt bei einem Filmfestival, das andere war das Festival „almost cinema“ in Gent in Belgien. Viel öfter trete ich im Rahmen von Theaterfestivals auf. Ich weiß aber gar nicht so recht, wo ich mich selbst positionieren würde. Das, was ich mache, kann man wohl in beide Genres nicht so richtig einordnen.“

? Ins Mephistokino hätten ein paar mehr Zuschauer gepasst. Die Veranstalter sprechen von etwa 120 Besuchern. Sind Sie damit zufrieden?

Gerling: Normalerweise zeige ich die Daumenkinos an Orten mit höchstens 100 Plätzen – das Kino hier war ideal. In größeren Sälen möchte ich das nicht machen, die Vorführung braucht auf jeden Fall den intimen Rahmen.“

? Sie wandern im Sommer wochenlang mit ihren Daumenkinos und der Kamera durchs Land. Mich hat es sehr überrascht, dass sie dabei so wenige Fotos machen. Sie haben erzählt, dass sie im Schnitt nur einmal pro Woche jemanden für ein Daumenkino portraitieren. Warum?

Gerling: Ich suche die Leute und die Geschichten nicht, sondern die suchen mich. Ich renne nicht rum und sage, ich muss finden, finden, finden! – sondern ich lasse die Dinge geschehen. Wenn jemand etwas zu erzählen hat, dann merke ich das einfach daran, dass derjenige kommt und erzählen will.

? Das hört sich schön an. Aber wovon leben Sie eigentlich?

Gerling: Ich bin in der wirklich beneidenswerten Situation, dass ich von den Daumenkinos leben kann. Ich habe zwei Kinder, meine Frau arbeitet auch, und wir kommen klar.