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Freitag, 01.05.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Bayern vs. Real: Weißer Jäger, totes Herz

Tiki-taka ist die Unschärferelation des Fußballs. – Warum das Spiel nicht darauf ausgelegt ist, dass man den Ball hat. Und warum die weißen Jäger aus Madrid  ein Tier mit einem toten Herzen erlegt haben.

Von Siegfried Zagler



Von Ernest Hemingway stammt das Zitat, dass Thomas Mann ein großer Autor geblieben wäre, hätte er nach den „Buddenbrooks“ nichts mehr geschrieben. Der amerikanische Literaturnobelpreisträger war dafür bekannt, der Provokation halber dummes Zeug von sich zu geben. Es ist nämlich gut möglich, dass Hemingway keine Zeile von Thomas Mann gelesen hat; weder vom frühen noch vom späten Werk. Und dennoch hat er mit dieser hemdsärmeligen Attacke den Autor dieser Zeilen vor langer Zeit dergestalt erheitert, sodass sich diese Fliegenklatsche gegen einen literarischen Riesen urplötzlich vergegenwärtigt, als wäre sie gestern in den Nachrichten gewesen.

Die Erinnerung mag eine launische Diva sein, doch so launisch auch wieder nicht, dass es keinen Anlass für das Auftauchen eines Zitats geben müsste, das zirka 30 Jahre vergessen schien. Es ist die Fußball-Offenbarung vom Dienstag, 29. April, die den Thomas-Mann-Witz Hemingways wieder auferstehen ließ. Und zwar in Verbindung mit einem Mann, der für seine Künste zirka 30.000 Euro am Tag verdienen soll: „Er wäre ein großer Trainer geblieben, hätte er nach Barcelona nie wieder einen anderen Verein trainiert.“ Es geht also um mehr als um eitle Etikettierungen diverser Literaten, die während und nach ihrer Zeit leicht überschätzt wurden, sondern um einen wirklich wichtigen Mann. Pep Guardiola wird nämlich nachgesagt, er habe den Fußball neu erfunden.

Was mit Xavi, Iniesta und Messi in Barcelona begann, könnte mit Lahm, Schweinsteiger und Götze in München zu Grabe getragen werden: Tiki-taka; die Unschärferelation des Fußballs. Ein System, das den Ballbesitz zum höchsten Prinzip des Spiels erhebt. „Ich suche nicht nach Ausreden. Aber ich bleibe dabei, dass dieses Spiel darauf ausgelegt ist, dass man den Ball hat“, so Guardiola nach der Demütigung durch die Königlichen aus Madrid. Dem Dogma des Ballbesitzes hat sich am Dienstagabend ein Ringelschwanz angeflanscht: Es handelt sich nämlich, um ein System, das sich einer präzisen Beobachtung entzieht und somit eine Analyse schwerlich ermöglicht. Möglicherweise, so die Ahnung, ist bereits die Grundannahme des Systems falsch.

Das erste Halbfinale des aktuellen Champions League-Wettbewerbs scheint eine Einsicht freizulegen, deren verstörende Banalität die Welt des Fußballs zurück auf die erste Ebene des Spiels führt. Das Spiel einer Fußballmannschaft ist nicht darauf angelegt, den Ball zu besitzen, sondern es ist darauf angelegt, Tore zu schießen. Das geht aber nur, wenn man den Willen dazu hat, sich schnell vom Ball zu trennen. Damit wäre das Tiki-taka als selbstverliebte Spielart einer kurzen Epoche in der Evolutionsgeschichte des Fußballs entlarvt. Eine Epoche, die mit Guardiola in Barcelona begann und mit Guardiola in München zu Ende gehen könnte; besser: zu Ende gehen sollte.

Ziemlich genau vor einem Jahr haben die Münchner ebenfalls im Champions League Halbfinale in Barcelona 3:0 gewonnen. Barca spielt(e) das gleiche System wie die Bayern heute. Real spielte am Dienstag das gleiche System wie die Münchner damals in Barcelona. Die Bayern haben sozusagen Real-Trainer Ancelotti vor einem Jahr demonstriert, wie man sie heute am sichersten schlägt.

Guardiolas „Ballbesitz-Dogma“ mag in der Bundesliga funktionieren, mag ein System sein, das sich durch die Vielzahl der Spiele bis zu einem bestimmten Punkt linear verbessert, sodass allein die Präzision der Wiederholung etwas bewirkt, das im Fußballsport Erfolgsserien bewirkt. Doch selbst eine haushoch gewonnene Deutsche Meisterschaft verliert an Glanz, wenn man sie auf Rezept erhält. Peps Rezept funktioniert mit einer hohen Anzahl leichtfüßiger Supertechniker, die sich dem Diktat des schnellen Kurzpasses fügen. Allein die hohe Qualität der Topspieler garantiert das Funktionieren des Tiki-taka. Die Masse der Topspieler garantiert wiederum den Dauererfolg. Wer spielt, ist zweitrangig. Wer wo spielt, könnte Guardiola auswürfeln, was er auch manchmal zu tun scheint. (Dabei geht es nicht um Lahm, der in der Tat überall spielen kann.).

Um ein Missverständnis auszuschließen, muss an dieser Stelle gesagt sein, dass gegen eine Mannschaft wie Real Madrid mit Topspielern in der Form ihres Lebens (Benzema, Ronaldo, Bale, Alonso, Pepe usw.) kein Kraut gewachsen ist. Natürlich könnte man der Münchner Innenverteidigung eine gewisse Fahrigkeit nachsagen, doch niemand auf Seiten der Münchner hat die Niederlage gegen Madrid im Alleingang zu verantworten, da es an diesem denkwürdigen Abend zwei Sieger gab. Die Spanier und das Spiel an sich. Es geht also nicht um den Verlust, sondern um den Gewinn. Real hat das Spiel gewonnen, und zwar mit einer physischen und spielerischen Urgewalt, die in ihrer explosiven Schönheit dem gleichförmigen Tiki-tka-Uhrwerk um Lichtjahre voraus schien. Die Niederlage der Münchner hat eine wunderbare Dimension: Sie zeigt, dass Wille, Leidenschaft und Mut mehr zählen, als abgekochte Rezepte aus den abgekühlten Töpfen des Verstandes.

Ballbesitz wegen Ballbesitz ist bei Erfolg eintönig, bei Misserfolg ist dieses Konzept lächerlich und grausam zugleich, weil das Publikum mit dem richtigen Gegengift bei Lichte erkennen kann, dass Fußball dieser Prägung ein nach vorne verteidigender Angsthasen-Fußball ist, der Wildheit und Leidenschaft ausschließt, der nur eine Gangart, ein Tempo kennt und dabei dennoch unverständlich bleibt. In der Bundesliga mag das funktionieren, auf höchster Ebene ist „Tiki-taka“ der Fachbegriff für „totes Herz“. Ab einem bestimmten Niveau wirkt das Guardiola-Dogma wie ein Blondinen-Witz. Die weißen Jäger aus Madrid haben ein Tier mit einem toten Herzen erlegt.

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