Katharina Blum – Wie Gewalt entsteht
Die Erzählung von Heinrich Böll: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zeigt, wie sich über die Medien Tatsachen verbiegen lassen, um eine eigene Wahrheit zu schaffen. Im Zeitalter der sozialen Medien und der „Fake News“ zeigt das Augsburger Staatstheater diese Mechanismen der Manipulation in einer dichten Inszenierung auf der Brechtbühne.
Von Halrun Reinholz

Katja Sieder mit der ZEITUNG (Bilder: Jan-Pieter Fuhr)
Die Hausangestellte Katharina Blum hat einen Journalisten der ZEITUNG erschossen. Sie leugnet es nicht und empfindet auch keine Reue darüber. In seiner Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ aus dem Jahr 1974 (er selbst nennt sie ein „Pamphlet“) geht Heinrich Böll der Frage nach, wie es dazu kam. Es folgt ein Protokoll der Ereignisse, die sich während der Karnevalstage zugetragen haben, und die fast zwangsläufig zu dem Journalistenmord führen. Eine dramaturgisch ergiebige Vorlage für die Inszenierung von Tom Kühnel, der vielen Augsburgern als Co-Intendant des Brechtfestivals in den Corona-Jahren 2020-2022 im Gedächtnis ist.
Auf der Brechtbühne sind zunächst (Kölner) Jecken zu sehen, die in Gardekostümen zu den karnevalstypischen Klängen aufmarschieren. In der Mitte der Bühne steht ein Podest, zunächst von einem Vorhang verhängt. Es ist die „Insel“ auf der sich Katharina Blum (konzentriert und überzeugend verkörpert von Katja Sieder) befindet, ihre „elegante Wohnung am Strom“, die sie sich als Refugium mit Fleiß und Umsicht erspart hat.

Dramatischer Höhepunkt: Jannis Roth und Katja Sieder
Was während der Karnevalstage passiert ist, erfahren die Zuschauer (wie auch die Leser der Vorlage) nach und nach: Katharina hat sich auf einer privaten Feier in einen Mann verliebt, ihn mit in ihre Wohnung genommen und ihm zur Flucht verholfen, als die Polizei vor der Tür stand. Der Mann ist ein gesuchter Verbrecher, aber Katharina leugnet, Näheres über ihn zu wissen. Ihre Arbeitgeber, der Anwalt Dr. Hubert Blorna (Sebastian Müller-Stahl) und die Architektin Trude Blorna (Natalie Hünig) werden aus den Skiferien geholt, denn Blornas Partner Alois Sträubleder (Michael Schrodt) sieht durch die Ermittlungen und die Verstrickung der Blorneschen Hausangestellten Gefahr aufziehen. Hauptkommissar Beizmenne (Thomas Prazak) und Staatsanwalt Peter Hach (Michael Schrodt) ermitteln fieberhaft und aggressiv, denn in diesen Zeiten werden überall RAF-Terroristen vermutet. Besonders penetrant und allgegenwärtig erweist sich aber der Journalist Werner Tötger (Jannis Roth), der die Story für die ZEITUNG aufbereitet. „Räuberliebchen“ lautet am nächsten Tag die Schlagzeile und der Reporter schreckt auch nicht davor zurück, Katharinas Mutter als Handwerker verkleidet im Krankenhaus aufzusuchen und ihren plötzlichen Tod billigend in Kauf zu nehmen.
Das Ambiente auf der Bühne atmet den Geist der 70er Jahre, auch die Kostüme und Frisuren der Darsteller sind unverkennbar aus dieser Zeit. Kühnel erliegt nicht der Versuchung, die Möglichkeiten der neuen Medienwelt mit einzubeziehen. Stattdessen werden Originalzitate von Böll und von Günther Wallraff in den Text eingearbeitet, die sich über die Methoden und Übergriffe der BILD-Zeitung auslassen. Sie werden den Schauspielern in den Mund gelegt, kommen aber vom Band. Das Potenzial, dass sich durch die späteren elektronischen Medien ergeben wird, klingt dabei unterschwellig an.

Der Musiker Stefan Leibold im Jeckenkostüm
Eine wichtige Rolle spielt auch die Musik. Der Haus- und Hof-Musiker des Augsburger Theaters Stefan Leibold steht im Jecken-Kostüm den ganzen Abend über auf der Bühne und sorgt für den zum Geschehen passenden Klang. Wie ein Grundmotiv und passend zu den 70er Jahren intoniert er immer mal wieder die „Ballade pour Adeline“ am Klavier. Beeindruckend auch die Trommel-Einlage des doch recht großen und konzertiert agierenden Statisten-Ensembles.
Die Inszenierung lebt von Tempo, Witz und einem großartigen Ensemble. Skrupellosigkeit, Missachtung der Privatsphäre, Rücksichtslosigkeit und unverhohlener Sexismus kennzeichnen den Umgang des Journalisten Tötgen mit Katharina Blum. Zur Rede gestellt, sieht er keinen Grund zur Aufregung. Seine Leser seien sprachlich nicht so versiert, darum müsse die ZEITUNG ihnen die Worte in den Mund legen. Und Katharina könne von seiner Story nur profitieren, „aber zuerst bumsen wir“. Wer denkt da nicht an Trumps Meinungsbildung über die sozialen Medien und dessen Umgang mit Menschenwürde. Ein großartig dargebotenes und beängstigend aktuelles Lehrstück darüber, wie Gewalt entsteht.




