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Sonntag, 26.04.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Von Philosophie und Organhandel

Der Soziologe Ulrich Beck sprach über Kosmopolitismus

Von Frank Heindl

Der „Globalisierung“ genannte Prozess der internationalen Verflechtungen bringt vieles mit vielem zusammen und in Gegensatz zueinander: Arm und Reich, Gewinner und Verlierer, Philosophie und Realität. Obwohl es im Vortrag des international hoch angesehenen Soziologen Ulrich Beck, gehalten am Mittwochabend im Augustanasaal, zuvorderst um Begriffsklärungen und Orientierungsversuche ging, sorgte für intellektuelle Erhellung vor allem die geballte Energie der – seiner Diagnose zufolge – im Prozess der Kosmopolitisierung aufeinanderprallenden Unvereinbarkeiten.

Ulrich Beck, Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität, sprach am Mittwoch im Rahmen der Redereihe „Zusammen leben – Augsburger Reden zu Vielfalt und Frieden in der Stadtgesellschaft“.

Ulrich Beck, Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität, sprach am Mittwoch im Rahmen der Redereihe „Zusammen leben – Augsburger Reden zu Vielfalt und Frieden in der Stadtgesellschaft“.


Kosmopolitismus – der Begriff spricht von einem „Weltbürgertum“, das den Philosophen schon seit vielen Jahrhunderten als Ideal vorschwebt. Dass dieses Ideal derzeit mit der Wirklichkeit noch wenig zu tun hat, wurde in Becks Vortrag schnell klar. Zwar diagnostiziert er einen dynamischen und unumkehrbaren Prozess der Kosmopolitisierung – doch diesen analysiert er lediglich. Wohin die Kosmopolitisierung führen wird, das bleibt auch am Ende von Becks klugem Vortrag offen. Werden wir lernen, mit dem und den Fremden anders umzugehen als derzeit, werden wird die Politik sich Instrumentarien schaffen, um mit neuen Situationen umzugehen, wird unseren Alltag allmählich die Erkenntnis durchdringen, dass der „Fremde“ eine Konstruktion ist, die sich in der Realität nicht mehr durchhalten lässt?

Der Nationalstaat, so Becks Ausgangsdiagnose, sei am Ende. Die Nationalökonomie gebe es schon lange nicht mehr, seit das Kapital sich Absatzmärkte, Arbeitskräfte und Produktionsstätten rund um den Globus sucht, die Nationalgesellschaft sei mittlerweile ebenfalls verschwunden. In der Tat wird dies mit Becks einfachem, aber aus dem Leben gegriffenes Beispiel deutlich: Ein Partygast fragt eine dunkelhäutige, bayrisch sprechende Frau, wo sie denn herkomme. Aus München, lautet die Antwort. Ja schon, meint der Gast, aber ursprünglich? Abermals lautet die Antwort: aus München – sie sei Deutsche, betont die Frau. Und die Mutter, fragt der neugierige Gast. Die auch: Münchnerin. Ach so, dann also der Vater. Jetzt ist das Rätsel gelöst.

Sogar die Grenze zwischen illegal und legal wird unscharf

Ein solcher „Herkunftsdialog“ ist schwierig geworden, weil Patchwork mittlerweile Staaten und Erdteile übergreifend funktioniert. Türken mit doppelter Staatsbürgerschaft – und, wie Beck betont, auch doppelter Loyalität! – sind wichtiges Bindeglied zwischen Staaten, die nach wie vor Probleme miteinander haben. Eltern bleiben in Deutschland, aber ihre Kinder leben in Australien, in China, in den USA. Der Nationalstaat und seine Bürokratie brauchen die Kategorie des „Fremden“ immer noch – aber sie tun sich zunehmend schwer zu klären, wer denn noch „Fremder“ ist. Die Hautfarbe tut als Kriterium nichts mehr zur Sache, der andere Pass längst nicht mehr in jedem Fall. Becks Zentralthese: Die „Unausgrenzbarkeit des Fremden“ werde zur „kosmopolitischen conditio humana des 21. Jahrhunderts“.

„Nationales Einigeln“ hilft gegen die Übermacht des Faktischen schon lange nicht mehr – im Gegenteil: Sogar die Grenze zwischen legal und illegal wird „unscharf“: Weltweit seien die Ökonomien von illegalen Immigranten abhängig, ganze Gesellschaften würden „zerbrechen“, wenn diese fehlen würden, weil sie überall diejenige Jobs übernommen haben, welche die „Inländer“ scheuen. Alten- und Kinderbetreuung, Putzdienste und vieles mehr funktioniert vielerorts nur noch mit Hilfe derer, die mal „sans papier“, mal „undocumented workers“, mal „illegale Flüchtlinge“ genannt werden. Diese Abhängigkeiten haben auch Kehrseiten: Billige Jeans erfreuen den Europäer – für den Thailänder bringen sie Tod und Verderben, wenn ihr Preis auf mangelnder Sicherheit am Arbeitsplatz beruht. Und die Kinderbetreuung durch billige Ausländer funktioniert oft nur, weil diese ihrerseits Kinder auf der anderen Seite des Globus zurücklassen in der Hoffnung, diesen wenigstens durch regelmäßige Überweisungen helfen zu können. Noch zynischer ist das Beispiel des internationalen Organhandels: „Muslimische Nieren reinigen christliches Blut“ (*) – das ist eines der Ergebnisse der Kosmopolitisierung, und von philosophisch-weltbürgerschaftlichem Kosmopolitismus ist in diesem Ausbeutungsverhältnis wenig zu spüren.

„Das Politische muss neu erfunden werden“

Doch von Ausbeutungsverhältnissen ist in Becks Vortrag wenig zu hören. Ihm geht es zuvorderst um Begriffsklärung, er sieht sich und seine Wissenschaft Sachverhalten gegenüber, die „neu und unerforscht“ seien. In seinem Konzept der Kosmopolitisierung werden Akteure und Opfer, Profiteure und Verlierer nicht unterschieden. Alle sind Beteiligte am selben Prozess, auf welcher Stufe, untersucht Beck jedenfalls in seinem Augsburger Vortrag nicht. Man muss nicht Marxist sein und nicht die Folgerungen des Kommunistischen Manifestes teilen, um des Öfteren in diesen 90 Minuten den Wunsch zu verspüren, es möchte nun endlich mal jemand aus dieser Schrift zitieren, die Prozesse wie den der Kosmopolitisierung vor gut 160 Jahren vorausgesehen hat. Dass es, wie Beck gezeigt hatte, keine Nationalökonomien mehr gibt, ist doch der dringendste Hinweis darauf, dass wirtschaftliche Vorgänge die Auslöser des Prozesses der Kosmopolitisierung sind.

Auf die kluge Frage von Stadtdekanin Susanne Kasch, welche Regierungsform denn den anstehenden Problemen angemessen wäre, hat Beck – verständlicherweise – nur sehr allgemeine Antworten: Es brauche mehr zwischenstaatliche Kooperationsformen, teilweise müssten „Autonomien abgegeben werden“. Und schließlich: „Das Politische kann und muss neu erfunden werden.“

Dass Becks Denken – noch? – in seiner soziologischen Analyse gefangen ist, muss man ihm nicht vorwerfen, dass die von Kulturreferent Peter Grab angekündigten „Handlungsalternativen und Optionen“ von Beck nicht zu haben waren, ist allzu verständlich. Der große Verdienst seines Vortrags war der stringente Nachweis, dass die Kosmopolitisierung nicht nur nicht mehr aufzuhalten ist, sondern dass sie bereits jetzt facettenreich unser Leben unumkehrbar verändert – und das weiterhin tun wird.

(*) Beck zitiert hier aus seinem zusammen mit Elisabeth Beck-Gernsheim verfassten Buch „Fernliebe – Lebensformen im globalen Zeitalter“ Suhrkamp, Berlin 2011, 280 Seiten, 19,90 Euro.

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