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Samstag, 31.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Die Kunst des Wartens und der Sinn des Lebens

Marcus Ertles Zufallsinterviews sind als Buch erschienen.

Von Siegfried Zagler



Marcus Ertle ist freier Journalist in Augsburg. Er gehört nicht zu den wortgewaltigen Essayisten oder Leitartiklern wie zum Beispiel Henryk M. Broder, der zwar in Berlin lebt, sich aber gerne und oft in Augsburg aufhält, und seine Feder versprüht auch nicht jene Bissigkeit, wie das bei Manfred Seilers Texten der Fall ist. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – hat Ertles Arbeit großes Format. Seine Reportagen sind gut recherchiert und ohne eitles Beiwerk geschrieben. Aufgefallen ist Marcus Ertle der DAZ zum ersten Mal, als er über die Machenschaften des ehemaligen Vorsitzenden des Augsburger Integrationsbeitrats Ahmed Akcay berichtete. Ertle kam der DAZ zuvor, und zwar mit einer Reportage, die man kaum besser hätte machen können.

Marcus Ertle gehört zu den wenigen Augsburger Journalisten, deren Arbeit über das harte Tagesgeschäft der „Brotberichterstattung“ hinaus geht. Ertle schreibt, wie eine im Februar erschienene Interview-Sammlung eindrucksvoll belegt, für die Ewigkeit. Der 30jährige Journalist hat im Augsburger Bayernkolleg das Abitur gemacht und nach einer journalistischen Grundausbildung beim Bayerischen Rundfunk in Augsburg Komparatistik studiert – und im Lauf der vergangenen achtzehn Monate für das Augsburger Magazin „Neue Szene“ fünfundfünfzig Personen interviewt, die auf den ersten Blick nur zwei Dinge gemeinsam haben: Sie befinden sich in Augsburg und sie warten auf etwas.

Vierzig ausgewählte „Zufallinterviews“ sind nun als Buch erhältlich. Um es kurz zu machen: Es ist ein wunderbares Buch. Es handelt sich um Interviews, die zufällig entstanden sind. Interviews mit Personen, die im Lauf des Gesprächs dazu neigen, sich zu öffnen. Ertle versteht es, das Private und das Eigene anzubohren, ohne dass der „Befragte“ den Schmerz spürt. Ertle befragt nicht, sondern stößt an und lässt „seine Helden“ die Kunst des Wartens beherrschen, indem sie offenlegen, was es bedeutet ein „Ich“ zu sein. Ob auf dem Stadtmarkt in der Fleischhalle oder vor dem Theater oder auf einer kalten Parkbank oder beim Rauchen vor der Kneipe: Ertles Interview-Miniaturen heben den Schmerz des Wartens auf. Der Zustand des Wartens entsteht zwischen zwei wichtigen Ereignissen – einem vergangenen und einem zukünftigen. „Ich bin unpünktlich, weil ich die Schmerzen des Wartens nicht fühle. Ich warte wie ein Rind“, schrieb Franz Kafka 1911 ins Tagebuch. – „Ich fühle den Schmerz des Wartens nicht, weil nicht mehr spüre, dass ich warte, da ich über mich, die Welt und den Sinn des Lebens spreche. Ich warte wie ein König“, so könnten die Tagebucheinträge der Gesprächspartner Ertles lauten.

Marcus Ertle – „Warten auf … “ – Unsichtbar Verlag.