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Universität: Warum es eine Deutsch-Israelische Gesellschaft gibt

Wer an der Politik des Staates Israel öffentlich Kritik übt, handelt nicht zwingend antisemitisch. Wenn aber zwischen einer politischen Haltung gegenüber Israel und einem offenen Antisemitismus nicht mehr unterschieden wird, müssen diese Handlungen als Skandal erkenntlich gemacht werden. Nicht nur deshalb hat sich an der Augsburger Universität eine Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG HG) gegründet. Ihr Ziel: Fairness gegenüber Israel und Kampf gegen den wachsenden Antisemitismus.

Von Bernhard Schiller

Gruppenbild mit Dame: Die Hochschulgruppe der DIG - (von links): Georg Tiroch, Dominik Drexel (Sprecher), Drahomir Klimsa, Sarah Melina Klein (Zweite Sprecherin), Michael Weiss, Emrullah Günes

Gruppenbild mit Dame: Die Hochschulgruppe der DIG - (von links): Georg Tiroch, Dominik Drexel (Sprecher), Drahomir Klimsa, Sarah Melina Klein (Zweite Sprecherin), Michael Weiss, Emrullah Günes - Foto (c) B. Schiller


Augsburg, Rathausplatz, 19. Juli 2014. Im Zentrum Augsburgs machen 600 Menschen unter dem Motto „Free Palestine“ gegen Israel Stimmung. Ihre Plakate sprechen eine antisemitische Sprache. Israel wird als Terrorist bezeichnet, des Holocausts bezichtigt, schwarze Schilder rufen zu einer dritten Intifada auf. Unzählige rote Fahnen mit weißem Halbmond. Kommunisten schwenken auch eine rote Fahne: Hammer, Sichel und Kalaschnikow. Der offizielle Aufruf zu der Versammlung zeigt eine Hand in den Farben des Staates Israels, die vor ein palästinensisches Gesicht gehalten wird. Ein klassisches judenfeindliches Motiv: Dämonisierung. Die Veranstalter verkaufen T-Shirts mit dieser Darstellung und dem Aufdruck: „All unite für Palestine.“ Alle gegen Israel.

„Free Gaza – From Hamas!“

Alle? Nicht alle. Gegenüber, vor dem Rathaus, postiert sich ein kleines Häuflein von etwa 15 Bürgern, die mit den Botschaften der Veranstaltung nicht einverstanden sind. Sie wedeln mit kleinen Israelfahnen und halten ein Banner hoch – mit der Aufschrift: „Free Gaza – From Hamas!“

Dominik Drexel ist einer von ihnen. Als er heute – fast drei Jahre später – davon erzählt, was er damals erlebte, steht ihm der Schrecken noch immer ins Gesicht geschrieben. Teilnehmer der antiisraelischen Demonstration hatten sich vor ihnen aufgebaut und das Transparent verdeckt. Dann fielen die ersten antisemitischen Beschimpfungen: „Ihr lügt, ihr Juden!“ Nach wenigen Minuten skandieren 600 Israelfeinde „Kindermörder Israel“ direkt in Richtung Drexel und seiner Mitstreiter. Die sind inzwischen auf die sehr bemühten Polizeikräfte angewiesen, deren Schutz aber laut Drexel zahlenmäßig nicht ausreicht. Die Situation gerät außer Kontrolle, die Angreifer drohen mit körperlicher Gewalt und werden immer zahlreicher. Schließlich bleibt den Israelfreunden nichts anderes, als die Flucht nach hinten. Die Treppen zwischen Perlach und Rathaus hinunter. Zu Fuß, mehrere Verfolger im Rücken. Aus dem wütenden Mob haben sich Kleingruppen gelöst, die Drexel und seinen Gefährten hinterherlaufen und deshalb ihrerseits von Polizisten eskortiert werden. Hinter der Kresslesmühle endet die Jagd, weil sich die Israelfreunde in verschiedene Richtungen zerstreuen.

Die Sichtweise der Bedrängten

Bei der Polizei ist zwar Erinnerung an den Tag vorhanden. Auf mehrfache Nachfrage der DAZ heißt es seitens der Pressestelle des Polizeipräsidiums Schwaben aber auch heute noch, dass die Veranstaltung „friedlich und aus polizeilicher Sicht vollkommen problemlos“ verlaufen sei. Deshalb sei auch kein Polizeibericht erstellt worden.

Georg Tiroch war dabei. Auch er beschreibt die Übergriffe türkischer Nationalisten aus Sicht der Bedrängten. Mit Drexel teilt er seither die Erfahrung, dass es nicht nur Judenhass im Gewand der Israelkritik gibt, sondern dass dieser Hass auch am helllichten Tag am prominenten Ort sein Gesicht zeigen kann und weder benannt, noch verbannt wird.

Vielleicht wird er auch vielfach nicht erkannt. Es läuft also etwas ganz gewaltig falsch, wenn Gegner einer Demonstration massiv bedroht werden, allein weil sie Juden sind oder auch nur als solche wahrgenommen werden und derart eingeschüchtert, dass sie trotz Polizeipräsenz verängstigt die Flucht antreten müssen. Von dieser Erfahrung schockiert, aber nicht gelähmt, beschlossen Drexel und Tiroch zu handeln. Als Studenten an der Universität verortet, gründeten sie im Mai 2015 die Hochschulgruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG HG) mit dem Ziel, in Medien und Bevölkerung wirkungsvoll gegen Antisemitismus, Antizionismus und Rassismus vorzugehen. Sie wollen deutsche (und migrantische) Israel-Diskurse nachhaltig mit Rationalität und Fakten beliefern, um auf diese Weise die ärgsten Wissensdefizite auszugleichen. Defizite, die aus dem Ressentiment hervorquellen und sich in Judenhass, gleichwie Doppelstandards bei der Wahrnehmung des demokratischen Staates Israel äußern.



Zerstörte Plakate, Kapitalismuskritik und „Judenschergen“

Die Gruppe ist bis heute auf zirka 23 Mitglieder angewachsen. Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, ist Ehrenmitglied. Drexel als Sprecher der Hochschulgruppe wirkt seit Januar zusätzlich im Vorstand der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Augsburg-Schwaben. Der Student der Konfliktforschung ist theoretisch gerüstet. Besonders reizt ihn die Kritische Theorie rund um den Philosophen Theodor W. Adorno. Gemeinsam mit Max Horkheimer beschrieb Adorno den Antisemitismus als irrationale, der Machtgier des Individuums folgende Logik innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Keine allzu populäre Kost also, die Drexel und seine Mitstreiter gegen Antisemitismus und anti-israelische Ressentiments ins Feld führen – aber eine gewichtige. Zumindest an der Universität sollte man sie verstehen. Doch auch hier müssen sie sich mit Anfeindungen auseinandersetzen. Plakate werden zerstört, Infostände immer wieder von Personen angelaufen, die nichts hören und beileibe nicht diskutieren wollen. Beschimpfungen sind an der Tagesordnung. Das erzählt Gruppenmitglied Emrullah Günes, der als gebürtiger Moslem versucht, ein Korrektiv innerhalb der muslimischen Community zu sein, die er auf den spezifischen islamischen Antisemitismus aufmerksam machen möchte. Einige muslimische Glaubensbrüder an der Universität distanzieren sich deshalb von ihm, dem (wie sie ihn nennen) „Judenschergen“. Günes weiß, dass jedes Argument an diesen Mauern zerschellt.

Erfolgreiche Arbeit in der Universität

Insgesamt ist die Resonanz an der Universität aber positiv. Die eigenen Veranstaltungen, offen für jeden, finden Zulauf. Auch in Seminaren sind die Stimmen der Israelsolidarität nicht mehr wegzudenken und greifen kritisch ein in die ansonsten beim Thema Israel stark „irrational-emotionalisierte Debattenkultur“, wie es Tiroch beschreibt. Er sieht hier insbesondere eine Schwäche der politischen Linken, in welcher antisemitische Ressentiments weit verbreitet sind. Tiroch bezeichnet sich selbst als links, wie Günes will er das judenfeindliche Haus von innen her emanzipieren. Linke Aktivisten gibt es auch an der Augsburger Universität nicht wenige. Streitkultur und Debatten zum Thema Antisemitismus und Israel sind also möglich und finden statt, beispielsweise innerhalb des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), dem Tiroch und Drexel angehören.

Nicht alle Mitglieder der DIG HG lokalisieren sich politisch links. Drexel beschreibt daher ihre „ambivalente Perspektive“ auf den Kapitalismus. Sie seien „kapitalismuskritisch im Sinne einer kritischen Reflexion“ von Herrschaftsverhältnissen, die das Fundament für Ideologie im Allgemeinen und damit auch für Antisemitismus im Besonderen formen. Das „völlig irrationale Moment im Islam“ sei mit Kapitalismuskritik hingegen nicht zu fassen. Vielmehr widersprächen hier „Selbstopferungslogiken“, welche allein die Vernichtung von Menschenleben zum Ziel haben, jeglicher Vernunft und der Liebe zum Leben.

Für Aufklärungsarbeit nimmt sich die Gruppe viel Zeit, das derzeitige Semesterprogramm weist bekannte Namen unter den Referenten auf. Gerne würden Drexel und Tiroch auch diesseits akademischer Kontexte wirken. Sie träumen davon, Multiplikatoren in der Sozial- und Jugendarbeit zu schulen oder Polizisten für antisemitische Straftatbestände zu sensibilisieren.

Polizeischutz bei Veranstaltungen ist notwendig

Auf die Unterstützung der Polizei ist die DIG HG indes existenziell angewiesen – die Zusammenarbeit mit entsprechenden Stellen ist überlebensnotwendig. Veranstaltungen – vor allem solche, die den Islam betreffen – werden im Vorfeld gemeldet. Wenn der Journalist Justus Wertmüller am 8. Juni im Hörsaal III „Über den türkischen Islamfaschismus“ spricht, wird Polizeischutz notwendig sein. Die Veranstaltung ist öffentlich.

Im April veröffentlichte das Bundeskriminalamt (BKA) die Kriminalitätsstatistik zum Jahr 2016. Auffällig darin ist (neben der Zunahme politisch motivierter und rassistischer Kriminalität insgesamt) das Anwachsen antisemitischer Straftaten. Die Täter stammen überwiegend aus rechtsextremen und islamischen, außerdem aus linksextremen Milieus. Die Bundesregierung gesteht in diesem Zusammenhang ein, wie wichtig nicht-staatliche Institutionen dafür seien, das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland zu erkennen. Der EU-Antisemitismusbeauftragten Katharina von Schnurbein zu Folge ist der neue Antisemitismus kein Phänomen der Extremen allein, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Also genau dort, wo die Hochschulgruppe operiert. Die DIG HG finanziert sich überwiegend aus Mitteln ihres Dachverbandes, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG). Größere Projekte, wie etwa der Aufbau einer Stelle zur Schulung von Fachkräften der Sozial- und Bildungsarbeit, sind so bisher nicht möglich.

Was sie aber nicht davon abhält, verstärkt Argumente und das „Wahrheitsmoment der Kritik“ (Drexel) ins Licht der Öffentlichkeit zu befördern. Erstmals außerhalb der Universität in Erscheinung trat die Gruppe beim diesjährigen Brechtfestival. Die linke Antizionistin Laurie Penny durfte dort revolutionäre feministische Thesen verkaufen. Die Hochschulgruppe stand am Eingang der Brechtbühne und verteilte Flugblätter „Zur Kritik an Laurie Pennys Auftritt beim Brechtfestival“. Ändere den Diskurs, er braucht es. In Zukunft wird die Stadtmitte häufiger mit der politischen Arbeit der Gruppe konfrontiert. Etwa wenn sie die Feierlichkeiten zum 500-jährigen Reformationsjubiläum mit dem Vortrag des Hamburger Soziologen Gerhard Stapelfeldt „Luthers Reformation: Freiheit und Judenhass“ begleiten.

Weitere Informationen zur Hochschulgruppe und zum aktuellen Semesterprogramm „HaTikvah“ unter: ww.facebook.vom/dighgaugsburg/

Anschrift: DIG Hochschulgruppe, Universitätsstraße 10, 86159 Augsburg

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