Ballett-Doppel zu Strawinsky-Musik: Es ist kompliziert
Die beiden recht unterschiedlichen Strawinsky-Werke „Les Noces“ und „Le Sacre du Printemps“ hat die Ballett-Sparte des Staatstheaters zu einem abendfüllenden Tanz-Erlebnis im Martinipark gestaltet. Was sie verbindet, sind Rituale – der Heirat oder des Opfers. Didy Veldman und Ricardo Fernando haben jeweils eigene Wege gefunden, diese in die Gegenwart zu transportieren.
Von Halrun Reinholz

Les Noces
Eine traditionelle Hochzeit ist das Thema von Strawinskys Ballettmusik „Les Noces“ aus dem Jahr 1923. Die ursprüngliche Choreografie stammt von Bronislava Nijinska im Stil der damals radikal-modernen „Ballets Russes“ und folgt der festen Struktur eines Hochzeitsrituals: Zusammenfinden des Paars, Abschied von den Eltern, rituelle Vereinigung. Für die Augsburger Aufführung greift die niederländische Gast-Choreografin Didy Veldman die Krise heutiger Paarbeziehungen auf: „Es ist kompliziert.“ Die Befreiung von Zwang und festen Ritualen im Beziehungsleben hat viele Dinge erleichtert, aber auch Unsicherheit hervorgerufen. Paare genießen die Unverbindlichkeit, sehnen sich aber auch nach Geborgenheit, Sicherheit, Verbindlichkeit – und Ritualen. Eine Hochzeit ist für die Legalität einer Beziehung zwar nicht mehr zwingend notwendig, aber wenn sich ein Paar heute dazu entschließt, strebt es nach Superlativen und nach Einzigartigkeit.
Andererseits finden viele auch das Ausprobieren reizvoll, das Wechselspiel, das zum Schluss vielleicht die richtige Entscheidung bringt – oder auch nicht. Das Spannungsfeld dieser Optionen versucht Didy Veldman durch ihre Choreografie mit allen 18 Ensemblemitgliedern des Augsburger Baletts zu umfassen. Zu der gar nicht eingängigen Musik von Strawinsky streben Paare zueinander und auseinander, Blumensträuße fliegen durch die Gegend, ein Brautkleid und ein schwarzer Hochzeitsanzug werden herumgereicht, angelegt, verworfen. Vor einer romantisch anmutenden Himmels-Kulisse mit Sonnenuntergang wuseln die Tänzer in durchgängig weißen, aber individuell verschiedenen Kostümen (von Bregje van Balen liebevoll und aufwändig gestaltet) über die Bühne des Martiniparks. Der rituellen Strenge der Musik wird mit humorvollem Augenzwinkern begegnet – es geht eben auch viel schief in Beziehungen. Und bis zuletzt findet so manches Paar dann doch zusammen und lässt die Korken knallen. Oder auch nicht. Es ist schwer zu entscheiden, ob das etwas beliebige Gewusel nicht doch nervt, aber es hat durch den fatalistischen Realitätsbezug auch etwas Faszinierendes.
Le Sacre du Printemps (Fotos: Jan-Pieter Fuhr)Die ursprüngliche Kraft des Frühlings
Der zweite Teil des Ballettabends ist Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ gewidmet, weitaus bekannter als „Les Noces“, und auch zehn Jahre älter. Vaslav Nijinski hat sie im Sinne der „Ballets Russes“ als erster choreografiert. Die Uraufführung rief beim Pariser Publikum einen Skandal hervor, der Strawinsky letztlich zur Berühmtheit verhalf. In der Folge versuchten sich viele namhafte Choreografen an „Le Sacre du Printemps“ – von Mary Wigman über Maurice Béjart bis Pina Bausch.
Das Ritual, um das es hier geht, ist archaisch: Der Frühling verlangt ein Opfer, um die Kraft zur Erneuerung zu haben. Ballettdirektor Ricardo Fernando fokussiert seine Choreografie auf den Prozess der Gruppenfindung und der Gruppendynamik. Das Opfer steht zunächst nicht fest, es kann jeden in der Gruppe treffen und jeder weiß das auch. Noch vor dem Ende der Pause sitzen und liegen alle 18 Akteure auf der Bühne, agieren miteinander zu verfremdeter Strawinsky-Musik, grooven sich nach und nach ein. Fast unvermittelt geht es regulär weiter, man belauert sich, umspielt sich, gruppiert sich, nähert und entfernt sich. Mit ungeheurer Präzision folgt Fernandos Choreografie der Musik, fordert den Gleichklang auch der Bewegungen. Akrobatische Hochleistung ist gefragt, vollkommene Körperbeherrschung. Das gedämpfte Licht verstärkt die Spannung. Das Opfer stellt sich selbst, versucht dann nochmal einen Rückzieher, doch das Ritual nimmt seinen Lauf, ist unaufhaltsam. Martina Piacentina ist die „Auserwählte“. Ihr Körpereinsatz ist atemberaubend und endet mit einem Luftsprung. „Das Opfer ist notwendig, um die Ordnung zu bestätigen.“
Erleichterter und begeisterter Applaus des Premierenpublikums nach dieser wuchtigen Demonstration von künstlerischer und körperlicher Höchstleistung.




