Kommentar
Bei der MAN-Brücke ist nicht der Autofahrer das Problem
Kommentar von Bruno Stubenrauch

Derzeitige Beschränkung auf 7,5 to
Die Stadt Augsburg verschärft die Verkehrsbeschränkungen auf der MAN-Brücke. Ab Dienstag dürfen stadtauswärts nur noch Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen und 2,10 Meter Breite den betroffenen Brückenteil passieren. Begründet wird die Verschärfung mit einer „erheblichen Missachtung“ der seit 7. August geltenden 7,5-Tonnen-Beschränkung.
Dass Verkehrsregeln eingehalten werden müssen, steht außer Frage. Wer mit einem zu schweren Fahrzeug über eine beschilderte Brücke fährt, handelt falsch. Nur: Damit ist das eigentliche Problem der MAN-Brücke nicht erklärt.
Die Brücke hat ein Spannstahlproblem
Die Stadt hat Anfang August erhebliche Mängel am Spannstahl der stadtauswärtigen Brückenhälfte festgestellt. Deshalb wurde die Verkehrslast vorsorglich auf 7,5 Tonnen begrenzt. Die vertiefenden Untersuchungen laufen inzwischen. Eine aktualisierte Bewertung des Bauwerks soll nach Angaben der Stadt erst Ende Oktober vorliegen.
Das ist der entscheidende Punkt: Die Stadt kennt die tatsächliche Tragfähigkeit der Brücke derzeit noch gar nicht. Dann ist aber auch jede Tonnagegrenze eine reine Vorsichtsmaßnahme. 7,5 Tonnen waren eine solche. 3,5 Tonnen sind jetzt ebenfalls eine. Beide Zahlen sind ein Schuss ins Blaue; keine kann bislang als Ergebnis einer Tragfähigkeitsberechnung verstanden werden.
Die Carolabrücke mahnt zur Vorsicht
Wie problematisch die Situation bei geschädigten Spannbetonbrücken sein kann, hat die etwa gleich alte Dresdner Carolabrücke gezeigt. Das Gutachten zum Einsturz des über 1.500 Tonnen schweren Brückenteils C stellte wasserstoffinduzierte Spannungsrisskorrosion als Ursache des Materialversagens des Spannstahls fest. Der Schädigungsprozess hatte sich über Jahre entwickelt; die üblichen Untersuchungen konnten die Schäden nicht erkennen. Besonders bemerkenswert: Der Brückenteil versagte schlagartig, nachts um 2:58 Uhr, ohne unmittelbar einwirkende Verkehrslast.
Das bedeutet nicht, dass die MAN-Brücke vor einem Einsturz steht. Dafür gibt es derzeit keinen Beleg. Es bedeutet aber, dass die Sicherheit einer geschädigten Spannbetonbrücke nicht allein mit der Frage beantwortet werden kann, wie schwer die Fahrzeuge sind, die gerade darüberfahren.
Was soll die neue Zahl eigentlich leisten?
Natürlich reduziert eine niedrigere Tonnagegrenze die zusätzliche Verkehrslast. 3,5 Tonnen sind weniger als 7,5 Tonnen. Das kann als Vorsichtsmaßnahme sinnvoll sein. Aber die neue Zahl löst ein ganz anderes Problem nicht: Wer die bisherige Beschilderung missachtet hat, wird nicht allein durch ein neues Schild automatisch zum regelkonformen Fahrer. Im Gegenteil: Die 3,5-Tonnen-Grenze betrifft eine sehr viel größere Gruppe von Fahrzeugen.
Die Stadt muss deshalb nicht nur die neue Grenze anordnen, sondern auch dafür sorgen, dass sie tatsächlich eingehalten wird. Eine verschärfte Beschilderung ist keine Garantie für deren Einhaltung.
Ehrlichkeit wäre die bessere Kommunikation
Die Stadt sollte deshalb die beiden Dinge nicht miteinander vermischen: Das Fehlverhalten einzelner Verkehrsteilnehmer und den baulichen Zustand der MAN-Brücke.
Die Verkehrsteilnehmer haben die Spannstahlschäden nicht verursacht. Die Schäden sind der Grund dafür, dass die Stadt überhaupt über eine Reduzierung der Verkehrslast nachdenken musste. Dass anschließend die vorgeschriebene Grenze missachtet wurde, ist nur ein zusätzliches Problem. Die eigentliche Unsicherheit bleibt jedoch eine andere: Wie viel Tragfähigkeit hat die MAN-Brücke noch? Kann sie ihr eigenes Gewicht noch sicher tragen?
Darauf wird es erst eine belastbare Antwort geben, wenn die vertiefenden Untersuchungen ausgewertet sind. Bis dahin kann die Stadt die Verkehrslast vorsorglich reduzieren – und sie sollte das auch tun, wenn sie es für erforderlich hält.
Sie sollte aber ebenso offen sagen, was sie damit zugibt: Dass sie den Zustand des geschädigten Spannstahls und damit die tatsächliche Sicherheitsreserve des Bauwerks derzeit noch nicht kennt. Das wäre keine Schwäche. Im Gegenteil: Es wäre die ehrlichste Begründung dafür, warum vorerst lieber 3,5 als 7,5 Tonnen über die MAN-Brücke fahren sollen.
MAN-Brücke: Verkehrsbeschränkungen werden verschärft




