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Dienstag, 22.09.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kommentar

PISA: Und die Eltern sind doch schuld

Kommentar von Bruno Stubenrauch

Bild: Monica Smekal / Gemini

Bundesbildungsministerin Karin Prien ist nach dem neuen PISA-Ergebnis überrascht: Eltern würden Bildung offenbar „einfach nicht so wichtig“ finden. Das klingt erst einmal nach einer ziemlich eindeutigen Schuldzuweisung.

Die Eltern sind also schuld? Ja. Aber anders, als Karin Prien denkt.

Der Elefant im PISA-Raum

Denn Eltern haben tatsächlich etwas mit dem PISA-Ergebnis ihrer Kinder zu tun – und zwar zunächst ganz banal dadurch, dass sie ihre Kinder – salopp gesagt – durch Migration in eine bestimmte Familien- und Herkunftskonstellation hineinbringen. PISA zeigt, dass diese Konstellationen mit erheblichen Leistungsunterschieden verbunden sind.

Dass dieser Zusammenhang bislang medial wenig thematisiert wurde, ist bemerkenswert: Der Nationale Berichtsband PISA 2025 des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien ZIB an der TU München widmet dem Einfluss der Migration ein ganzes Kapitel.

Ein erstaunlicher Abstand

Betrachtet man die Naturwissenschaften, so liegen die in Deutschland lebenden 15-jährigen Schüler mit 486 Punkten auf Platz 23 der 91 untersuchten Staaten. Die Gruppe der Jugendlichen ohne Zuwanderungshintergrund läge mit 521 Punkten in der internationalen PISA-Rangliste auf dem Niveau des achten Platzes und damit gleichauf mit Staaten, die entweder so gut wie keine Migration kennen wie Japan, oder die mit Migration anders umgehen wie Kanada mit seinem Punktesystem für Einwanderer.

Die in Deutschland geborenen Jugendlichen der zweiten Migrantengeneration würden mit 463 Punkten auf dem Niveau der Vereinigten Arabischen Emirate auf Platz 38 landen. Jugendliche mit eigener Zuwanderung vor dem 11. Lebensjahr kämen mit 423 Punkten nur auf Platz 58, mit späterer Zuwanderung sogar nur auf 392 Punkte und Platz 73. In keinem anderen untersuchten OECD-Staat ist das PISA-Gap zwischen einheimischen und migrantischen Schülern so groß wie in Deutschland.

Und dann wird herausgerechnet

Der Nationale Berichtsband PISA 2025 untersucht im Zusammenhang mit der Migration aber auch den Einfluss der sozialen Herkunft und der zu Hause gesprochenen Sprache und rechnet deren Effekte heraus. Die Bereinigung ist nicht falsch. Sie beantwortet nur eine andere Frage. Gruppen werden nicht mehr so verglichen, wie sie tatsächlich zusammengesetzt sind. Man fragt vielmehr: Wie groß wäre der Unterschied, wenn sie hinsichtlich dieses Merkmals vergleichbarer wären?

Das kann wissenschaftlich aufschlussreich sein. Es beschreibt aber nicht den gesellschaftlich relevanten Gesamteffekt des Migrationshintergrunds. Wer wissen möchte, wie leistungsfähig die tatsächlich zusammengesetzte Schülerpopulation im Durchschnitt ist, darf die Unterschiede nicht einfach wegdefinieren.

Und es bedeutet auch nicht, dass die Faktoren, die herausgerechnet wurden, mit Migration nichts zu tun hätten. Soziale Herkunft, Sprachbiografie und Bildungswege können gerade Teil der Lebenswirklichkeit von Menschen mit unterschiedlichem Zuwanderungshintergrund sein.

Was PISA nicht messen kann

Allerdings stellt sich die Frage: Muss ein niedrigerer PISA-Wert für eine Einwanderungsgesellschaft überhaupt ein Nachteil sein?

Deutschland braucht nicht nur Menschen mit hervorragenden schulischen Leistungen und akademischen Abschlüssen. Besonders in Remigrationsdebatten entdecken die Deutschen zunehmend ihre Liebe zu migrantischen Nicht-Fachkräften, die Arbeiten verrichten, für die sich Deutsche inzwischen zu schade sind.

Nicht jeder muss Fachkraft sein

Bereits 2025 verwies Nürnbergs OB Marcus König (CSU) in seiner Neujahrsansprache darauf, dass Pflege, Müllabfuhr und viele andere Bereiche in seiner Stadt ohne zugewanderte Menschen kaum funktionieren würden. Auch Friedrich Merz schlug am 9. September 2026 im Bundestag in dieselbe Kerbe: Wenn die Menschen, die heute in Deutschland arbeiten, wegen einer „Remigration“ das Land verlassen müssten, würden Handwerk, Pflege, Krankenhäuser und Gastronomie nicht mehr funktionieren.

Dann sollte man vielleicht auch bei PISA genauer hinschauen: Ein schlechterer Testwert ist ein Bildungsproblem. Aber er ist nicht automatisch ein Maß für den Wert eines Menschen – und auch nicht für seinen Nutzen für die Gesellschaft.

Vielleicht sollte man deshalb bei der PISA-Debatte nicht nur fragen, wer an schlechten Ergebnissen schuld ist. Sondern auch, welche Fähigkeiten eine Gesellschaft tatsächlich braucht – und ob sich ihr Wert wirklich in PISA-Punkten messen lässt.

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