Friedensfest: Zwischen Erinnerung und Neudeutung
Kommentar von Bruno Stubenrauch

Das Augsburger Hohe Friedensfest ist ein außergewöhnlicher Feiertag. Es gibt keinen vergleichbaren gesetzlichen Feiertag in Deutschland, der auf ein so konkretes historisches Ereignis zurückgeht: die Wiedererlangung der Religionsfreiheit der evangelischen Christen nach dem Dreißigjährigen Krieg.
Gerade diese historische Wurzel macht die Besonderheit des 8. August aus. Das Friedensfest erinnert nicht allgemein an den Frieden, sondern an einen konkreten Abschnitt der Augsburger Geschichte: an das Ende religiöser Benachteiligung und die Wiederherstellung konfessioneller Gleichstellung.
Die heutige Stadtpolitik versteht das Friedensfest dagegen zunehmend als Fest des interreligiösen Dialogs. Vertreter unterschiedlicher Religionsgemeinschaften gestalten das Programm mit. Das mag dem Gedanken einer offenen und vielfältigen Stadtgesellschaft entsprechen. Gleichzeitig verändert diese Entwicklung aber den Charakter des geschichtlich gewachsenen Feiertags grundlegend.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Dialog zwischen Religionen wichtig ist. Er ist es zweifellos. Die Frage ist vielmehr, ob ausgerechnet dieser historisch einzigartige Feiertag dafür in dieser Weise neu interpretiert werden musste.
Traditionen leben von ihrer Geschichte. Ein Feiertag, dessen ursprünglicher Anlass immer weniger sichtbar wird, läuft Gefahr, seine besondere Bedeutung zu verlieren. Offenheit und Dialog sind wichtige Werte – doch sie sollten nicht dazu führen, dass der historische Ursprung eines Festes zur Nebensache wird.