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Sonntag, 21.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kultur

Gottesfürchtigkeit und Gemeinwohl: Ausstellung im Augsburger Maximilianmuseum zur Geschichte des Stiftergedankens

„Stiften gehen! Wie man aus Not eine Tugend macht.“ Eine Ausstellung im Maximilianmuseum erinnert an das Engagement reicher Augsburger für das Gemeinwohl der Stadt

Von Halrun Reinholz

Hans Burgkmair d. Ä. – Hochzeitsbildnis von Jakob Fugger/Sibylle Artzt © Schroder Collection

Vor 500 Jahren stiftete Jakob Fugger die älteste Sozialsiedlung der Welt, die heute noch als Stiftung bestehende Fuggerei. Es war nicht seine einzige Stiftung und er war auch nicht der einzige Stifter in dieser „Goldenen Zeit“ der Stadt. Stiftungen waren zu jeder Zeit ein wichtiger Faktor im städtischen Gemeinschaftsleben. Auch heute noch unterstützen 167 Stiftungen diverse soziale oder kulturelle Projekte in Augsburg, die der Intention ihrer Stifter entsprechen. Ein großer Teil wird vom städtischen Stiftungsamt verwaltet. Aus Anlass des Fuggerei-Jubiläums würdigt eine Ausstellung, die von Dr. Heidrun Lange-Krach für die städtischen Kunstsammlungen kuratiert wird,  die außergewöhnliche Vielfalt der hiesigen Stiftungen und rückt dabei den Stiftergedanken des 16. Jahrhunderts in den Fokus.

Was veranlasst Menschen, einen Teil ihres  Vermögen einem gemeinnützigen Zweck zuzuführen? Die Ausstellung macht anschaulich, dass im 16. Jahrhundert das Gemeinschaftsleben vor allem vom Glauben bestimmt wurde. Ideale und Lebensziele waren dem Wunsch unterworfen, ein gottesfürchtiges Leben zu führen und das ewige Leben im Jenseits zu erreichen. Der vor der Reformation alles bestimmende Katholizismus sah die Barmherzigkeit und Wohltätigkeit als einen wichtigen Weg zu diesem Ziel vor. Leben ohne Sünde gab es kaum, deshalb konnten Vergehen auf diese Art kompensiert werden. Der Nutznießer der Stiftung war damit auch Fürsprecher vor Gott für die ewige Seligkeit des Stiftenden. Diese Wechselwirkung von Kirche, Stiftern und Stiftungsempfängern wird auf besondere Weise in der Ausstellung herausgearbeitet. Per Audioguide kann der Rundgang entweder aus der Sicht der reichen Stifter oder aus der Sicht der Armen, in Notlagen auf Almosen angewiesene Bewohner der Stadt verfolgt werden.

Kuratorin Lange-Krach vor dem Stiftungs-ABC © Michael Hochgemuth

Die kleine, aber stringent geführte Ausstellung in der Welserhalle schildert in 19 „Stationen“ die Lebenswelt im reichsstädtischen Augsburg des 16. Jahrhunderts. Im Fokus ist zunächst die Zeit um das Jahr 1521, als Jakob Fugger drei Stiftungen auf den Weg brachte: Die Grablege für seine Familie in der Kirche bei St. Anna, die Predikaturstiftung in St. Moritz und die Fuggerei. Sie alle waren dazu ausersehen, den Mitgliedern seiner Familie das ewige Leben zu sichern. Die Ausstellung macht deutlich, welche Denkweise, welche Ideale und Verpflichtungen dieses Geben und Nehmen in der Reichsstadt bestimmten. Anschaulich schildert eine animierte Grafik das Steueraufkommen in der damals aufstrebenden Stadtgemeinschaft.

„Geben ist seliger denn Nehmen“ erweist sich nicht nur  als Sicherung des ewigen Lebens, sondern auch für die funktionierende städtische Gemeinschaft als unerlässlich. Auch nach der Reformation besteht das Stiftungswesen deshalb fort. Der Akzent verlagert sich eher weg von dem Ablassgedanken, hin zur gemeinschaftlichen Vorsorge.

Missernten und Preissteigerungen, Seuchen und Kriege erforderten ein verantwortungsvolles Handeln der Stadtregierung, die das Almosenwesen nun teils selbst zentral verwaltete. Alte, Kranke, Witwen und Waisen waren oft auf die Fürsorge der Gemeinschaft angewiesen. Stiftungen und Zustiftungen halfen bei der Erhaltung von Waisenhäusern, Asylen, Siechenhäusern und Hospitälern. „Gutes zu tun“ gilt bis heute als Pflicht eines jeden Christen und ist, wie die Ausstellung zeigt, auch Bestandteil aller anderen Weltreligionen. Auch in der säkularen Moderne sind Privatpersonen nach wie vor bereit, Teile ihres Privatvermögens gezielt der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen.

Mit ihrem stringenten Konzept verfolgt die Ausstellung das klare Anliegen, die allbekannte Fuggerei in einen gesamthistorischen und sozialen Kontext der Stadtgeschichte zu stellen – wichtige Stifternamen wie Afra und Konrad Hirn, die allenfalls als Stifter der Goldschmiedekapelle bekannt sind, oder auch die Schul-Stifterin Barbara von Stetten, werden als Zeugen für ein System der Gemeinschaftspflege aufgerufen. Anschauliche Exponate und Original-Urkunden können besichtigt werden. Letztere sind allerdings Schuld daran, dass Beleuchtung und Temperatur der Ausstellungsräume angepasst werden musste, weshalb sich eine warme Jacke beim Ausstellungsbesuch dringend empfiehlt.

Unabhängig vom Benefizcharakter war das Stiftungswesen auch ein Wirtschaftsfaktor, es brachte den Handwerkern, Baumeistern und Künstlern Aufträge.  Auch die Musikproduktion war auf Förderung angewiesen. Dieser Aspekt findet in der Ausstellung besonders Berücksichtigung: Über Hörstationen im Audioguide kann passende Musik der Zeit abgerufen werden, eingespielt von den Gruppen Per-Sonat, AUXantiqua und SophieTe. Daraus entsteht als eigener Rundgang eine musikalische Stiftungsreise, die knapp 200 Jahre Augsburger Musikgeschichte umfasst.
Die Ausstellung kann selbstverständlich auch ohne Audioguide besucht werden. Anders als sonst üblich fehlen bei den Objekten jedoch allzu ausführliche Texttafeln. Stattdessen erhalten die Besucher ein handliches Begleitheft mit allen Texten zu den Exponaten. Vorteilhaft, wenn man die Texte später daheim nachlesen will und weniger aufwendig als den stattlichen (und auch sehr gelungenen) Katalog mit zahlreichen Beiträgen zum Thema zu wälzen.

Als Rahmenprogramm zur Ausstellung haben sich die Kunstsammlungen einiges einfallen lassen. Die Turnusführungen geben wahlweise die Sicht der Stifter oder die Sicht der Bestifteten wieder. Für Kinder gibt es nicht nur eine eigene Führungslinie mit Audioguide, sondern auch Familienführungen und Ferienangebote. Eine eigens geschriebene  „Graphic Novel“ lässt die Lebensumstände im 16. Jahrhundert lebendig werden. Sie ist Teil einer Projektkooperation mit Akteuren der Stadtgesellschaft und ihrerseits von der HATELMA-Stiftung (sic!) gefördert. Ein besonderer Genuss verspricht am 2. Oktober die „Lange Nacht der Stiftungen“ zu werden, wenn unter anderem die Augsburger Patrizier zum Geschlechtertanz antreten, Marketenderinnen und Landsknechte ihre Aufwartung machen oder Lieder der Renaissance zur Drehleier erklingen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 28. November im Maximilianmuseum zu sehen. Näheres auf den Seiten der Kunstsammlungen unter https://kunstsammlungen-museen.augsburg.de/stiften-entsteht

 

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