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Montag, 02.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Cyrano de Bergerac: Poetische Wort-Duelle auf Kunstrasen

Das Augsburger Staatstheater überzeugt mit einer eigenen Stückfassung des Cyrano de Bergerac

Von Halrun Reinholz

Französischer Esprit im Martinipark © Jan-Pieter Fuhr

Welch ein Glück, dass das Theatergelände im Martinipark, bei allen Nachteilen eines Ausweichs-Provisoriums, die Weitläufigkeit besitzt, die dem Theater den „Kunstrasen“ als Spielstätte anbietet! Schon im letzten Jahr haben die Corona-Beschränkungen es nahegelegt, Aufführungen unter freiem Himmel anzubieten, um den drohenden Aerosolen Abstand und Frischluft entgegenzusetzen. – In weiser Voraussicht wurde das auch für diesen Sommer geplant, der sich nach langer Schlechtwetterperiode just zu den Sommerpremieren des Theaters endlich einstellte.

Das Schauspielensemble hat einen Klassiker auf dem Spielplan, Cyrano de Bergerac von dem sonst kaum außerhalb Frankreichs bekannten Edmond Rostand. Die Geschichte des tapferen Degen-Helden Cyrano, der es allein mit hundert Mann aufnimmt, wegen seiner überdimensionalen Nase jedoch keinen Anklang beim weiblichen Geschlecht findet (oder das zumindest glaubt), ist nicht zuletzt durch zwei Musicals und die Verfilmung mit Gérard Depardieu ins allgemeine Kulturbewusstsein gelangt. Sehr französisch und für das 17. Jahrhundert zeitgemäß ist die für das Stück zentrale Forderung an einen Helden, nicht nur mit dem Degen, sondern auch mit dem Wort zu brillieren. Die Kunst des poetischen Florett-Fechtens beherrscht Cyrano nämlich ebenso wie die Führung des Degens, darauf beruht die Komik und auch die Tragik der Handlung.

Regisseur David Ortmann hat für das Sommertheater eine eigene Stückfassung entwickelt, die das Stück in die Rahmenhandlung einer Wanderbühne packt. Die insgesamt fünf Darsteller bauen zunächst eine Bühne auf und besprechen das Stück, das sie geben wollen, indem sie sich beiläufig in ihren Rollen und Kostümen selbst vorstellen. Die teils umständlichen Umzieh-Zeremonien werden dabei mit heiterem bis bissigem Wortwitz  garniert, was das Publikum auf dem Rasen in die richtige „Sommerbühnen-Stimmung“ versetzt – auch wenn mal ein Totenkopf munter durch die Gegend fliegt und zwischen den abstandsgerechten Stuhlreihen landet. Der ehrbare Meister Zettel und seine Truppe aus dem „Sommernachtstraum“ grüßen aus der Ferne.

Doch irgendwann wird es ernst, die Cyrano-Handlung setzt ein. Im Mittelpunkt steht die sehr attraktive Roxane (Mirjam Birkl), eine Kusine Cyranos (Florian Gerteis), in die der Held schon seit langem verliebt ist. Aus Angst vor Zurückweisung behält er es aber für sich, doch als naher Verwandter und Kindheitskamerad genießt er ihr freundschaftliches Vertrauen. Sie gesteht ihm, dass sie sich just in einen seiner Regimentskameraden verliebt hat, den „schönen“ Christian (Julius Kuhn). Das trifft ihn zwar hart, doch er tritt als Vermittler auf. Da Roxane von ihrem Liebhaber ein „geistvolles“ Liebeswerben mit wohlgeformten Worten erwartet, der schöne Christian aber eher ein Mann der Tat als der Poesie ist, bietet sich Cyrano als „Ghostwriter“ an und setzt seine Gefühle für Roxane in kunstvoll geschliffene  Liebesbriefe um, die vermeintlich von Christian kommen. Als zusätzliches Hindernis tritt ein weiterer Nebenbuhler auf den Plan, der Graf de Guiche (Paul Langemann), der es auch auf Roxane abgesehen hat und zu allem Überfluss der Regimentskommandeur von Cyrano und Christian und auch sonst mit besten Beziehungen in höchste Regierungskreise gesegnet ist.

Roxane bleibt davon unbeeindruckt und überlistet ihn geschickt. Sie lässt sich von dem von dem Grafen als Boten geschickten Mönch (Pascal Riedel) heimlich mit Christian trauen. Als Retourkutsche schickt de Guiche Christian und Cyrano aufs Schlachtfeld. Selbst die feindliche Belagerung hindert Cyrano jedoch nicht, Roxane täglich zwei Briefe in Christians Namen zukommen zu lassen. Die beeindruckte Roxane schmuggelt sich nun selbst durch die Feindesreihen, um dem überraschten Christian zu gestehen, dass sie wegen dieser Briefe nun nicht mehr seine Schönheit, sondern nur noch seine „Seele“ lieben würde. Bevor die beiden die wahre Geschichte aufklären können, fällt Christian in der Schlacht und Cyrano traut sich wieder nicht, das Bild des Verstorbenen im Herzen der Witwe zu beflecken. Erst 14 Jahre später, kurz vor seinem eigenen Tod, löst sich das Rätsel auf.

Ganz im Stil des französischen Esprit können sich die Zuschauer an den spritzig-witzigen Wortduellen  der jungen Darsteller erfreuen. Das Stück bietet dem Ensemble reichlich Gelegenheit, sich spielfreudig und leichtfüßig zu präsentieren und auch die auf den Theaterbühnen nur noch selten zum Einsatz kommenden Fechtkünste zu zeigen. Zur Spielfreude haben sie guten Grund nach der langen Corona-Abstinenz. 

Außer Julius Kuhn, den die Augsburger schon seit 2019 kennen, sind alle seit dieser verstümmelten Spielzeit 2020/2021 neu ins Ensemble des Staatstheaters gekommen, aber noch wenig im Einsatz gewesen. Die Bühnenlust, die sie ausstrahlen, überträgt sich auf das ebenso theaterhungrige Publikum der lauen Sommernacht. Mirjam Birkl steuert mit Charme und Esprit die vorhersehbaren Handlungen der sie umgebenden Männer, die teilweise auch in kleinen Nebenrollen auftauchen. Julius Kuhn nimmt man den blonden, arglosen Dummkopf  Christian ebenso ab wie Florian Gerteis den akrobatisch auf Tische hüpfenden, großzügigen,  elegant den Degen schwingenden und wohlgeformt parlierenden Cyrano. Paul Langemann überzeugt als zynischer und machtbewusster Comte de Guiche  und Pascal Riedel ist als orientierungsloser Kapuziner ebenso erfrischend wie als leidenschaftlicher Koch (ohne den wohl kein französisches Stück auskommt).

Die „Wanderbühne“ im Martinipark (Jürgen Lier) ist einfach, mittig dominiert von einem Balkon, der Roxane als Schaltzentrale ihrer Aktionen dient. Auch die Kostüme (Ursula Bergmann) erinnern ein bisschen an den zusammengestöpselten Fundus einer Wanderbühne, doch so soll das Stück wohl auch rüberkommen: Immer bereit zu spielen, auch wenn die Umstände schwierig sind. Es wäre dem Ensemble zu wünschen, dass die neue Spielzeit mehr Planbarkeit bringt und weniger Improvisation erfordert. Aber weiß man`s? Das Sommertheater auf dem Kunstrasen ist jedenfalls noch bis zum 24. Juli zu sehen. So ist es zumindest geplant.