Feinstaub: Lokales Böllerverbot bringt nichts
Augsburg war zum Jahreswechsel 2025/26 die Stadt mit den dritthöchsten Feinstaubwerten in ganz Deutschland. Das großflächige Böllerverbot in der Innenstadt scheint auf den Feinstaub wenig Einfluss zu haben. Maßgeblich sind ganz andere Effekte.
Von Bruno Stubenrauch
München und das rheinland-pfälzische Neuwied führen die bundesweite Negativ-Rangliste der Feinstaubbelastung zum jüngsten Jahreswechsel mit 1.458 bzw. 721 μg/m³ an. Unmittelbar dahinter folgt bereits Augsburg mit einem Spitzenwert von 524 μg/m³. Gemessen wurde dieser Wert jeweils am 1. Januar 2026 um 1 Uhr nachts.
In Augsburg dienten die Daten der Messstation Karlstraße (DEBY110) als Referenz. Die Station liegt im Herzen der innerstädtischen Verbotszone, die mit einem Durchmesser von 1,5 Kilometern ein Gebiet vom Hauptbahnhof bis zum Jakobertor und vom Ulrichsplatz bis zum Stephingerberg umschließt.

Die Augsburger Messstationen
Der Drift-Effekt: Grenzenlose Schadstoffe
Vor der massiven Feinstaubbelastung schützt die großräumige, aber dennoch lokale Verbotszone allerdings nicht. Hier greift der sogenannte Drift-Effekt: Feinstaub verhält sich physikalisch wie eine Gaswolke und legt selbst bei schwachem Wind innerhalb einer Stunde mehrere Kilometer zurück. Der Radius der Verbotszone ist schlichtweg zu klein, um den Einstrom der Partikel aus den angrenzenden Stadtteilen, in denen ungehindert geböllert wird, zu verhindern.
Der Schluchten-Effekt: Die Falle in der Stadt
Verstärkt wird das Problem durch die Architektur der Karlstraße. Als klassische Häuserschlucht neigt sie zur Bildung einer stehenden Luftsäule. Der eingedriftete Feinstaub wird zwischen den massiven Gebäudewänden förmlich gefangen. Ohne kräftigen Wind findet kein vertikaler Luftaustausch statt; die toxische Fracht kann weder nach oben abziehen noch seitlich entweichen.
Ein Vergleich mit anderen Standorten untermauert diese These: Die Station am Bourges-Platz (DEBY007) im Georgsviertel liegt nicht ganz so urban in einer kleinen offenen Parkanlage. Hier registrierte das Umweltbundesamt mit 204 μg/m³ lediglich 40 Prozent des Wertes aus der Karlstraße – und das ohne Böllerverbot. Noch deutlicher ist der Kontrast zur Station des Landesamtes für Umwelt (LfU, DEBY099) in Haunstetten. In der freien Umgebung ohne Schluchten-Effekt betrug die Belastung nur 66 μg/m³.
Wetter, Wetter, Wetter
Den stärksten Einfluss auf die Augsburger Neujahrsluft hat allerdings die Meteorologie:
Die Datenanalyse der letzten sieben Jahre zeigt dabei zwei völlig gegensätzliche Gesichter der Natur. Das Jahr 2024 markiert das positive Extrem: Kräftiger, böiger Westwind und zeitweise begleitender Regen wirkten wie eine natürliche Waschanlage, die den Feinstaub sofort aus der Luft spülte und den Wert in der Karlstraße bei niedrigen 87 µg/m³ hielt. Dem gegenüber steht der historische Höchstwert von 2025: Bei fast völliger Windstille und einer Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent – nahe am Sättigungspunkt – bildete sich eine Inversionsschicht. Diese wirkte wie ein unsichtbarer Deckel über der Stadt, unter dem sich die Rekordmenge von 1.564 µg/m³ Feinstaub in einem giftigen Nebel ansammelte. Sogar die Station am LfU in Haunstetten wies an diesem Tag mit 867 µg/m³ einen höheren Wert auf als die Innenstadt im aktuellen Jahr.
Das Potenzial eines flächendeckenden Verzichts auf Feuerwerk verdeutlicht das erste Coronajahr 2021 mit seinem bundesweiten Verkaufsverbot. Bei vergleichbaren Wetterbedingungen wie im Vorjahr sank der Feinstaubwert in der Karlstraße auf 42 µg/m³ – ein Zehntel des Vorjahreswertes und sogar unterhalb des gesetzlichen Tagesmittelwerts von 50 µg/m³.
Unsichtbare Gefahr: Wie Feinstaub den Körper belastet
Die Tücke des Feinstaubs liegt in seiner mikroskopischen Größe: Je kleiner die Partikel, desto tiefer dringen sie in den Organismus ein. Während grober Staub bereits in der Nasenhöhle gefiltert wird, erreichen die feinen Partikel (<10 µm = ein Hundertstel Millimeter bei PM10) ungehindert die Bronchien und die Lungenbläschen. Dort lösen sie Entzündungsreaktionen aus, die das Immunsystem fordern. Das eigentliche Risiko ist jedoch der Übertritt in die Blutbahn. Über das Lungengewebe gelangen die Teilchen in den gesamten Körper und erhöhen nachweislich das kurzfristige Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle.
EU-Grenzwerte und die kommende Verschärfung
Derzeit liegt der EU-Tagesgrenzwert für Feinstaub bei 50 µg/m³; er darf an maximal 35 Tagen im Jahr überschritten werden. Augsburg reißt diese Marke am Neujahrstag regelmäßig – zuletzt am 1. Januar 2026 mit einem Tagesmittelwert von 57 µg/m³.
Doch der regulatorische Druck auf die Kommunen wächst: Die EU hat bereits eine Verschärfung beschlossen. Bis 2030 sollen der Tagesgrenzwert auf 45 µg/m³ und die zulässigen Überschreitungstage auf 18 abgesenkt werden. Der Jahresmittelwert soll von derzeit 40 auf 20 µg/m³ sinken.
Mit nur neun Überschreitungstagen im Jahr 2025 (allerdings beim alten Grenzwert) liegt Augsburg auf der sicheren Seite. Mit zuletzt 18 bis 21 µg/m³ bei den Jahresmittelwerten könnte es jedoch knapp werden.






