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Donnerstag, 02.04.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Literatur

Brecht und Dylan – Brüder im Geiste

Brechtfestival: Patrick Ramponi referierte im Café Viktor

Von Frank Heindl

Bertolt Brecht und Bob Dylan – dem Laien mag die Verbindung neu sein, und wer so etwas schon geahnt hat, wird ihre Bedeutung möglicherweise für marginal halten. Der Literaturwissenschaftler Patrick Ramponi zeigte am Sonntagabend im Café Victor, dass die Gemeinsamkeiten evident sind, dass Brecht für Dylan mehr war und ist als nur ein flüchtiger Ideengeber.

Patrick Ramponi – Foto aus dem Programmheft des Brechtfestivals.

Patrick Ramponi – Foto aus dem Programmheft des Brechtfestivals.


Genau 2611-mal ist Brechts Drei-Groschen-Oper in Greenwich Village, einem Stadtteil von Manhattan, von 1954-1961 aufgeführt worden. Einer der Besucher: der junge Folkbarde und Pop-Poet Bob Dylan. „Brecht would be a part of him from now on”, schreibt seine damalige Freundin Suze Rotolo: Von dem Tag an sollte Brecht ein Teil von Dylan sein. Doch nicht nur Betrachter von außen stellen das so dar – auch Dylan selbst liefert in seiner Autobiographie „Chronicles Volume One“ beispielsweise eine ausführliche Hymne auf Brechts Lied von der Seeräuber-Jenny – eine „scharfsinnige poetologische Reflexionen“, wie Patrick Ramponi sagt.

Ramponi war mit der Schauspielerin Judith Bohle vom Stadttheater ins Café Victor gekommen, die Zwischentexte und Zitate las. Man habe, berichtet Bohle später, ursprünglich auch daran gedacht, das Format zu ändern und den Vortrag beispielsweise in Form eines Radiofeatures zu gestalten. Das hätte dem Abend möglicherweise gut getan. Denn drangvolle Enge (es waren 120 statt der erwarteten 60 Besucher gekommen), zu wenig Stühle und schlechte Luft machten dem Publikum einerseits zu schaffen, andererseits aber auch der stark akademische Ton des Vortrags, der, weiteres Manko, von leider nur wenigen Musikbeispielen unterbrochen wurde.

Frappierende Gemeinsamkeiten

Ausharren lohnte sich trotzdem: Man konnte trotzdem einiges über Dylan lernen und Belege dafür sammeln, dass Brechts Einfluss auf die moderne amerikanische Popkultur nicht zu unterschätzen ist. Ein Thema, dem übrigens zwar Dylanfans und -forscher weltweit nachgehen, das aber von der Brechtforschung bisher völlig vernachlässigt wird. Eine einzige Dissertation zum Thema konnte Ramponi auftreiben – sie wurde in Australien erstellt, aber nicht veröffentlicht. Ramponis Arbeit wird zwar demnächst in einem Sammelband der Berliner Brechttage erscheinen – aber auch für ihn ist Dylan ein Hobby, in Mannheim promoviert er derweil über die Kulturgeschichte des Meeres in Deutschland und hält an der Uni Augsburg historische Seminare.

Die Gemeinsamkeiten zwischen Brecht und Dylan sind in der Tat frappierend. Es beginnt damit, dass beide mit Leidenschaft Francois Villon, Arthur Rimbaud, Walt Whitman, Ezra Pound und T.S. Eliot gelesen haben – doch Dylans Brechtrezeption geht weit über gemeinsame Lieblingsautoren hinaus. „Strukturelle Parallelitäten“ sieht Ramponi in den Werkbiographien der beiden Autoren. So hätten beide in einem ununterbrochenen „work in progress“ am eigenen Selbstportrait gearbeitet – und gleichzeitig eine „Poetik des Sich-Entziehens“ geschaffen. Will heißen: Dylan wie Brecht stilisierten sich zeitlebens selbst, als Landstreicher und durch die USA ziehender Folksänger der eine, der andere als Zigarre rauchender, Lederjacke tragender Literaturschreck der deutschen Zwischenkriegsgesellschaft. Als einen Hang zur „ausgiebigen visuellen Pose“ bezeichnet Ramponi das. Brecht gab in einem seiner Gedichte zu Protokoll, er komme „aus den schwarzen Wäldern“, Dylan erzählte einer Reporterin, wie er jahrelang mit einem Wanderzirkus umhergezogen sei. Von wegen: alles erfunden.

Wer immer es ist, den ihr sucht – it ain’t me babe

Wer (und wie) Brecht wirklich war, wer Dylan wirklich ist – beide wollten und wollen darüber nicht explizit reden, streben danach, die eigene Person im Werk unkenntlich zu machen. „Wer immer es ist, den ihr sucht, ich bin es nicht“, formulierte Brecht, und in enger Anlehnung an diesen Satz dichtete und komponierte Dylan sein „It ain’t me, babe.“ Und so, wie Brecht einst beschloss, nicht mehr jener Eugen Berthold Friedrich Brecht zu sein, zu dem seine Taufurkunde ihn machen wollte, und sich in Bertolt Brecht umtaufte (noch heute wird er deshalb permanent falsch geschrieben) – so wollte jener Robert Allen Zimmermann eines Tages nicht mehr das Kind jüdisch-ukrainischer USA-Immigranten aus Minnesota sein und nannte sich fortan Bob Dylan. Irgendwie scheint Brecht für Dylan ein Bruder im Geiste gewesen zu sein.

Zu Hilfe kam Dylan bei seiner Brechtadaption, dass der deutsche Literat in den USA populär geworden war. Louis Armstrong und Ella Fitzgerald machten aus „Mackie Messer“ schon in den 50er-Jahren einen Welthit im Jazzgenre,1964 coverte Nina Simon die Seeräuber-Jenny, die Doors hörten 1967 in einer Studiopause eine Fassung des Alabama-Songs von Kurt Weills Ehefrau Lotte Lenya und nahmen das Stück in ihr Repertoire auf – das „Hitpotential“ von Brecht/Weill war offenkundig. 1966 erschien Bob Dylans Album „Bringing it all back home“ – auf dem stark stilisieren Plattencover ist unter anderem ein weiteres Cover zu sehen: Lotte Lenyas LP mit Brecht/Weill-Songs. Doch nicht nur auf dem Cover, sondern bis tief hinein in Dylans Texte lassen sich die Einflüsse des Augsburger Dichters Bertolt Brecht nachweisen. Man darf wohl Brecht mittlerweile als tief in die amerikanische Populärkultur verwurzelt betrachten.

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