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Dienstag, 23.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Nicht mehr als ein Kolportageroman

Dieter Walter ist einer der wenigen freiberuflichen Augsburger Roman-Autoren, die von ihren Geschichten leben können – vermutlich sogar der einzige, ob gut, steht auf einem anderen Blatt. Dieter Walter ist ein Profi, der seit mehr als 30 Jahren freiberuflich Romane, Reiseführer, Erzählungen schreibt, und dabei unter verschiedenen Pseudonymen firmiert.

Von Siegfried Zagler

Geboren wurde Dieter Walter 1950 in Iserlohn. In Bochum studierte er Sinologie und Publizistik. Seit zehn Jahren lebt Walter in Augsburg, wo er sich 2006 das Pseudonym Viktor Glass zugelegt hat. Nach „Diesel“ und „Goethes Hinrichtung“ hat Walter alias Viktor Glass einen „Regionalroman“ geschrieben, der im Herbst des vergangenen Jahres im Wißner-Verlag im Taschenbuchformat erschien.



„Rolli Findeisen, 27, Student im Wartestand, erfolglos bei Frauen, ist Wirt der Szene-Kneipe „Zum Nordpol“ in Augsburg – einer Stadt mit prächtigen Renaissancebauten, mittelalterlichen Befestigungen, Industriedenkmälern und viel Grün darum herum. Neben den eigenbrötlerischen Alteingesessenen leben viele „Zuagroaste“ in der Stadt. Aus ist’s mit der Behaglichkeit, als die Studentin Jana verschwindet. Hauptkommissar Gossner vermutet einen Lustmord und verdächtigt Rolli als Täter. Der ermittelt nun auf eigene Faust. Das Personal der Kneipe und die schrulligen Gäste helfen dabei, vor allem der prinzipientreue italienische Koch Rosetti, die hübsche Bedienung Tessa sowie der Stammgast und Ex-Stasi-Leutnant Grigoleit. Sie kommen schließlich einer hochbrisanten Sache auf die Spur“.

So der „Klappentext“ auf der Homepage von Viktor Glass. „Zuagroaste“ ist wohl irgendetwas Bayerisches und hat nichts mit dem Augsburger Dialekt zu tun. Wer die Geschichte Augsburgs kennt, weiß natürlich, dass diese „kleine Ungenauigkeit“ für die Augsburger ein unverzeihlicher Fehler ist – und ein Fingerzeig für die regionale Qualität des Romans. Für Augsburg interessiert sich der Autor nicht die Bohne, aber nicht nur deshalb ist diese Form des „Regionalromans“ – wie Dieter Walter selbst seinen Roman bezeichnet – nicht mehr als ein Kolportageroman mit etwas Krimi-Flair. Man erfährt nichts Erhellendes, außer dass man in dieser Stadt gerne Bürgerbegehren organisiert und im Riedinger-Park Huren ihrem Geschäft nachgehen. „Trockeneis“ könnte ebenso in Dinslaken oder In Karlsruhe angesiedelt sein. Die Figuren sind holzschnitzartig gezeichnet und entsprechen den Klischeemustern der Groschenromane – und mit der Routine eines Groschenheftschreibers treibt der Autor die Geschehnisse mittels gedankenarmer Dialoge voran, ohne sich um plausible Plots und Spannungsbögen zu bemühen. Der Kommissar ist ein Trottel und die Aufklärung der Morde lässt sich von „Rolli-und den-Kneipen-Detektiven“ aus einem Zeitungsartikel herleiten.  – Zum Schluss noch eine positive Anmerkung: Trotz der oben angeführten „Qualitäten“ ist das das Buch von Anfang bis Ende in einem Zug lesbar, ohne dass man sich dabei ernsthaft langweilt oder sich ins anspruchslose Gelände des Wohlwollens verbiegen muss. Eine ungewöhnliche Lese-Erfahrung, die damit zu haben könnte, dass man bei dem soliden handwerklichen Können des Autors von Kapitel zu Kapitel zumindest auf etwas Weiterführendes hoffen kann, auf einen ungewöhnlichen Gedanken oder eine unbekannte Form für etwas Bekanntes, oder einfach nur darauf, dass ein wenig Spannung aufkommt. Die Kneipe als Kommissariat  ist eine grandiose Idee, die in Trockeneis lieblos verplempert wurde, aber vielleicht gelingt Glass ja im zweiten Band („Russensärge“), der 2011 erscheinen soll, tatsächlich ein Kriminalroman mit Format und differenziertem Lokalkolorit. Wetten sollte man darauf nicht, aber möglich wäre es immerhin.

“Trockeneis“, 240 Seiten, Paperback

Preis: 12,80 Euro – Wißner-Verlag, Augsburg

ISBN: 978-3-89639-783-6