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Mittwoch, 24.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Der wird auch Wege finden, wie ER dich schlachten kann“

Festival: Brecht und die Religion – besprochen in Brechts Taufkirche

Von Frank Heindl

Brecht und die Religion – ein mancherorts beleuchtetes Thema, über das aber wohl selten an einem besser geeigneten Ort gesprochen wurde: „Lasst euch nicht verführen“ hieß der Vortrag von Michael Friedrichs, Redaktionsleiter des Dreigroschenheftes, am Dienstagabend in der Augsburger Barfüßerkirche – der Kirche also, in der Bertolt Brecht auf den Namen Eugen Berthold Friedrich getauft, in der er konfirmiert wurde, auf deren Orgel er Gedichte schrieb, dessen Pfarrer er in einem seiner Stücke ein Denkmal setzte.

Brecht wurde protestantisch erzogen, davon zeugt auch das Gedicht „Erinnerungen“, in dem er die Religiosität seiner Mutter Sophie beschreibt, das bezeugt auch sein Bruder Walter, der konstatiert, Brechts Talent, gute Geschichten zu erkennen, sei daran geschult worden, wie die Großmutter Bibelgeschichten vorgelesen habe. So ist Brecht zunächst ein treugläubiger Kirchgänger, hört (im Gedicht „Die Orgel“) von dem berühmten Instrument der Barfüßerkirche, auf der schon Mozart gespielt hatte, den Ton „ewiger Liebe“, vernimmt von ihr später sogar (in „Dankgottesdienst“) einen Klang, der „Sieg! Sieg und Sieg!“ verkündet. Damals – 1915 und damit ein Jahr nach Ausbruch des ersten Weltkriegs, scheint Brecht selbst noch jenen Kriegspatriotismus vertreten zu haben, den er später als „hohlköpfig“ bezeichnete – weswegen er fast von der Schule gewiesen wurde. Gerettet hat ihn übrigens ein Geistlicher: Der Benediktinerpater Dr. Romuald Sauer setzte sich für ihn ein und konnte Brecht Rauswurf verhindern.

„Lobet den Baum, der aus Aas aufwächst“

Erst später entwickelte Brecht jenes Talent und Prinzip, vorhandenes Material zu benutzen, zu verändern, durch geniale Kunstgriffe in etwas anderes, neues zu verwandeln, das auch vor Kirchenliedern nicht Halt machte. Die Sopranistin Isabell Münsch und der Bariton Franz Schlecht sangen zuerst, begleitet von Peter Bader an der Orgel, das feierliche „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ in der im 17. Jahrhundert von Joachim Neander geschriebenen Urfassung, bevor sie dann Brechts neuen Text vortrugen: „Lobet den Baum, der aus Aas aufwächst jauchzend zum Himmel“, dichtet der im „Großen Dankchoral“ – nun wandten sich bei Brecht die Nachrichten aus dem mörderischen Krieg und sein eigenes Denken gegen jenes „ideologische Trommelfeuer“, das damals auch aus den Kirchen tönte und das Brecht von seinem Pfarrer Hans Detzer kannte.

Später dichtete er seine „Hitlerchoräle“. „Der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann“, lautet das Lob Gottes etwa im Lied „Befiehl du deine Wege“ – bei Brecht wird daraus: „Der wird auch Wege finden, wie ER dich schlachten kann.“ Gemeint ist Hitler, und der Literaturwissenschaftler Jan Knopf ist der Ansicht, Brechts Kunst habe sich in diesem und ähnlichen Gedichten nicht gegen die Religion gewandt, sondern habe einzig den Hitlerkult im Gewand der Kirchenlieder kritisieren wollen. Ähnlich wie es bei Brecht statt „Ein feste Burg ist unser Gott“ heißt: „Ein große Hilf war uns sein Maul“ – auch hier ist natürlich das Organ des „Größten Führers aller Zeiten“ gemeint.

„Es kommt nichts nachher“



Man könnte annehmen, dass sich Brechts „Gegen Verführung“ gegen die Religiosität, gegen den Glauben an und die Hoffnung auf das Jenseitige einfach interpretieren ließe. Dagegen spricht, dass das Gedicht, von Brecht selbst vertont, zunächst „Luzifers Abendlied“ hieß. Wer also behauptet, es gebe „keine Wiederkehr“, es komme „nichts nachher“ –Brecht oder der Satan? Der Germanist Hans Meyer sagt, bei Brecht vermische sich „Bibelfestigkeit mit Blasphemie. Der Unglauben vermischt sich mit dem Unglauben an den Unglauben“ – und konstatiert eine „sehr versöhnliche Weise“, in der sich Brecht bei der biblischen Vorgabe bediene. Michael Friedrichs ging in seinem Vortrag sogar noch weiter: Der „Morgenchoral des Peachum“ aus der Drei-Groschen-Oper, meint er, „könnte durchaus als Kirchenlied durchgehen.“ „Wach auf, du verrotteter Christ!“, heißt es da zu Beginn, und der Schluss warnt: Der Herrgott, für dich ist er Luft? / Er zeigt’s dir beim Jüngsten Gericht!“

Bleibt noch zu betonen, dass Michael Friedrichs‘ Vortrag, so erhellend er war, doch nur halb so viel wert gewesen wäre ohne die Orgelbegleitung von Peter Bader und die wunderbare Präsentation aller besprochenen Gedichte und Lieder durch Isabell Münsch und Franz Schlecht, die mit zartestem, weichsten Gesang den Gegensatz herzustellen wussten zwischen melodiösen Kirchenliedern und Brechts ernüchternden, bewusst verfremdenden und „hässlichen“ Worten. Nur am Schluss waren Ausdruck und Inhalt wieder eins, als die drei gemeinsam Brechts „Kuplet“ zitierten. Da stellt sich der Dichter seinen Empfang im Himmel vor: „Er ist ein völlig anderer Mensch als wir“, würden dann alle, auch „Heilige und Fromme“ sagen. Brecht immerhin müsste inzwischen wissen, ob diese Prophezeiung richtig war.