Wozzeck – ein Albtraum
Premiere: Ludger Engels‘ fesselnde Inszenierung von Alban Bergs Oper
Von Frank Heindl
Es ist der nach wie vor faszinierende Text von Georg Büchner, der die Frage aufkommen lässt: Ist die Musik des Neutöners Alban Berg dem 180 Jahre alten Jahrhundertwerk Woyzeck gewachsen? Kann ein Text, der seiner Welt so gewaltig voraus war, der geradezu prophetisch wirkt in seiner psychologisch-durchdringenden Analyse des ausgebeuteten Menschen und der ihn zerstörenden Gesellschaft, kann diesem Text Musik noch etwas Wesentliches hinzufügen? In Ludger Engels‘ Inszenierung der Oper von 1925 jedenfalls gelingt das – sie fügt Text, Musik und Bühnengeschehen zu einem albtraumhaften Ganzen, das in seiner Schonungslosigkeit tief unter die Haut geht.
Auf einer offenen Drehbühne hat Ric Schachtelbeck die verschiedenen Szenerien so eingerichtet, das alle Orte zugleich zu sehen sind, an denen das Martyrium vor sich geht: Die Behausung des Soldaten Wozzeck (so heißt Büchners Woyzeck bei Alban Berg), seine Dienstmannsarbeit beim Hauptmann, seine Zuflucht bei Geliebter und (unehelichem) Kind, die Arztpraxis, in der er seine Gesundheit für medizinische Experimente verkauft, die Kneipe, das Zimmer der gaffenden Nachbarin. Wozzeck wird benutzt, ausgebeutet, betrogen, hat Halluzinationen und Angstphantasien, am Schluss wird er zum Mörder und Selbstmörder – doch ist das seine Schuld? Büchner zeigt seinen Woyzeck als Opfer der Verhältnisse – und Regisseur Ludger Engels präsentiert nicht nur die Protagonisten dieser Vernichtung, sondern auch die gleichgültige Teilnahmslosigkeit der Gesellschaft: Immer wieder lässt er eine vom Theaterchor dargestellte Menschenmenge die Bühne überqueren und dabei Wozzeck und seine Leiden übersehen, überrennen, ignorieren. Wozzeck (Robin Adams) ist allein unter all den Menschen, und nicht mal seine Marie (Sally du Randt) kann ihm Halt geben, bandelt an mit dem Tambourmajor (Carlos Aguirre). (mehr …)





