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Sonntag, 05.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Wozzeck – ein Albtraum

Premiere: Ludger Engels‘ fesselnde Inszenierung von Alban Bergs Oper

Von Frank Heindl

Der Schrei des Ausgebeuteten: Robin Adams als Borderliner und Mörder Wozzeck.

Der Schrei des Ausgebeuteten: Robin Adams als Borderliner und Mörder Wozzeck.


Es ist der nach wie vor faszinierende Text von Georg Büchner, der die Frage aufkommen lässt: Ist die Musik des Neutöners Alban Berg dem 180 Jahre alten Jahrhundertwerk Woyzeck gewachsen? Kann ein Text, der seiner Welt so gewaltig voraus war, der geradezu prophetisch wirkt in seiner psychologisch-durchdringenden Analyse des ausgebeuteten Menschen und der ihn zerstörenden Gesellschaft, kann diesem Text Musik noch etwas Wesentliches hinzufügen? In Ludger Engels‘ Inszenierung der Oper von 1925 jedenfalls gelingt das – sie fügt Text, Musik und Bühnengeschehen zu einem albtraumhaften Ganzen, das in seiner Schonungslosigkeit tief unter die Haut geht.

Auf einer offenen Drehbühne hat Ric Schachtelbeck die verschiedenen Szenerien so eingerichtet, das alle Orte zugleich zu sehen sind, an denen das Martyrium vor sich geht: Die Behausung des Soldaten Wozzeck (so heißt Büchners Woyzeck bei Alban Berg), seine Dienstmannsarbeit beim Hauptmann, seine Zuflucht bei Geliebter und (unehelichem) Kind, die Arztpraxis, in der er seine Gesundheit für medizinische Experimente verkauft, die Kneipe, das Zimmer der gaffenden Nachbarin. Wozzeck wird benutzt, ausgebeutet, betrogen, hat Halluzinationen und Angstphantasien, am Schluss wird er zum Mörder und Selbstmörder – doch ist das seine Schuld? Büchner zeigt seinen Woyzeck als Opfer der Verhältnisse – und Regisseur Ludger Engels präsentiert nicht nur die Protagonisten dieser Vernichtung, sondern auch die gleichgültige Teilnahmslosigkeit der Gesellschaft: Immer wieder lässt er eine vom Theaterchor dargestellte Menschenmenge die Bühne überqueren und dabei Wozzeck und seine Leiden übersehen, überrennen, ignorieren. Wozzeck (Robin Adams) ist allein unter all den Menschen, und nicht mal seine Marie (Sally du Randt) kann ihm Halt geben, bandelt an mit dem Tambourmajor (Carlos Aguirre).

Ein Kind im Zentrum des Geschehens

Marie (Sally du Randt) ist tot, Wozzeck hat sie und sich verhüllt, das gemeinsame Kind (Marcel Philippin) kann dem Horror nicht entkommen. Fotos: A.T. Schaefer.

Marie (Sally du Randt) ist tot, Wozzeck hat sie und sich verhüllt, das gemeinsame Kind (Marcel Philippin) kann dem Horror nicht entkommen. Fotos: A.T. Schaefer.


Bergs Musik ist nicht illustrativ und nicht abstrakt. Was Büchner seiner Welt voraus hatte, ist in ihrer 12-tönigen Offenheit enthalten: expressionistische Eindringlichkeit auf der einen, lyrische Tiefe auf der anderen Seite, und schließlich die sich steigernde Verdichtung zu einem bedrohlichen Hexensabbat. In den feinen Verästelungen dieses musikalisch-dramatischen Gefühls-Gestrüpps hat Ludger Engels seine Inszenierung platziert: Das bedrückende Schweigen zwischen Wozzeck und Marie macht er deutlich durch die wenigen Gesten des zwischen den beiden und im Zentrum des Geschehens stehenden Kindes (Domsingknabe Marcel Philippin), während Bergs Musik in lyrischen Anwandlungen nicht große Gefühle, sondern die wehmütige Sehnsucht nach diesen ausdrückt. Nahezu lieblich ist die Musik auch, als Marie vom Tambourmajor beschenkt wird – nicht diesem polternd-kraftstrotzenden Angeber kann der lyrische Klang gelten, sondern Maries naivem Traum vom besseren Leben beim Anblick glänzender Klunker: „Unsereins hat nur ein Eckchen in der Welt und ein Stückchen Spiegel.“ Was für eine Welt, in der diese zerrissene Frau sich als „Mensch“ bezeichnet und damit, sich selbst anklagend, nicht ein menschliches Wesen, sondern eine Hure meint – was für eine Welt, in der diese Worte zu Synonymen werden konnten! Grandios, wie die Augsburger Philharmoniker unter Roland Techet ein von dieser Mutter gesungenes Kinderlied intonieren, fein und so durchsichtig leise wie der in namenlose Ferne gerichtete Blick von Sally du Randt.

Dass sich eine unaufhaltsame Katastrophe anbahnt, ist kaum zu übersehen. Wozzeck halluziniert, doch der Doktor (Vladislav Solodyagin) reibt sich die Hände ob des gelingenden „Experiments“, von Arzt und Hauptmann (Mathias Schulz) wird er wegen seiner untreuen Frau aufs Gemeinste verspottet – und plötzlich machen Musik und Darstellung die beiden Zyniker kenntlich: Wer will, kann in ihnen nicht nur Karikaturen der Unmenschlichkeit erkennen, sondern auch Vorboten jener planvoll-gewissenlosen Hetzer, Folterer und Massenmörder, die folgen sollten – der Mengeles, der Eichmanns, der Goebbels.

Wozzeck spinnt sich einen Kokon aus Zellophan

Noch gesteigert wird die beklemmende Situation durch die Wirtshausszenen – Szenen von Tanz und Lust, in denen Engels zwischen den auf der Bühne verteilten Orchester-musikern das „Volk“ als besoffene Masse walzen lässt, mit sinnlosen Reden brillierend und verfremdete Volkslieder grölend. Von wegen „gar lustig ist die Jägerei“ – bald wird Wozzeck nur knapp der Lynchjustiz entkommen. Immer wieder hat er vergeblich versucht, sich in seiner Hütte in einen Kokon aus Zellophan zu hüllen, sich zu verspinnen, sich zu verstecken. Ein Borderliner ist dieser Getriebene, auf der Flucht vor den anderen wie vor sich selbst – so einer richtet Unheil an, wenn ihm nicht geholfen wird. Bald wird Marie, ebenso in Plastik verpackt, tot neben ihm liegen, bald wird er im Teich ertrinken, von grausam-lyrischer Musik begleitet, Arzt und Hauptmann hören feige-betreten seinem Verröcheln zu.

Schreckliche Steigerung noch, wie Alban Berg diesen Albtraum enden lässt: Mit dem „Volk“ von morgen, einer Kinderschar, die den nun verwaisten Jungen hänselt, mobbt, herumschubst. Schon traumatisiert, verpackt dieses Kind sein Schaukelpferd in Zellophan. Und die Wand, die das Ende der Bühne und seiner Welt bildet, ist nach außen gewölbt. Man kann an ihr hochrennen – entkommen kann man dieser Welt nicht, in der sogar das tröstend gemeinte Märchen aus dem Mund der Mutter eine Horrorgeschichte war. Viel Applaus, zu wenige Bravos vom Publikum.