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Montag, 15.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Warum ist Jogi Löw Bundestrainer?

Die Europameisterschaft ist vorbei. Der Kater, den sie verursacht hat, verzieht sich aber nur langsam, weil das Weltenrätsel, das uns die Performance der deutschen Nationalmannschaft aufgegeben hat, noch nicht entschlüsselt ist: Warum verliert im Fußball so oft der Bessere? Warum ist die Welt ungerecht? Und schließlich: Warum ist Jogi Löw Bundestrainer?

Von Siegfried Zagler

Helmut Schön wurde Bundestrainer, weil er Herbergers Assistent war. Jupp Derwall wurde Bundestrainer, weil er Schöns Assistent war. Franz Beckenbauer wurde Bundestrainer, weil er Franz Beckenbauer war. Berti Vogts wurde Bundestrainer, weil sich der DFB, nach dem Ausreißer mit Künstler Beckenbauer, vorübergehend die Rückkehr in die Überschaubarkeit der Selbstbestimmung  über die Verbandsstruktur erhoffte. Vogts war immerhin elf Jahre Trainer der Jugendauswahl des DFB. Die Turnvater-Jahn-Ära des DFB sollte aber mit Hans Hubert Vogts enden. Er trat zurück, weil die Bildzeitung eine Kampagne gegen ihn ritt. Vogts sollte von Paul Breitner ersetzt werden, der sich (wie Beckenbauer) als Bild-Kolumnist selbst vorschlug und sich quasi selbst feuerte, indem er seine telefonisch verabredete Nominierung „seiner“ Zeitung ausplauderte, wie der damalige DFB-Präsident Egidus Braun kolportierte. Nach dem Breitner-Fehlschlag versuchte der DFB wieder innerhalb seiner Strukturen zu denken und griff mit dem angesehenen und erfahrenen Bundesliga-Gentlemen-Trainer „Sir“ Erich Ribbeck tief ins Klo.

Ribbeck, der zwischen 1978 und 1983 Assistenztrainer beim DFB war, konnte die Talfahrt der damaligen Nationalmannschaft nicht stoppen, sondern beschleunigte sie eher und sollte schwer beschädigt einem gewissen Christoph Daum weichen. Daum war ein gobkörniger Selbstdarsteller und dazu noch kokainabhängig und verschwand nach Bekanntwerden und dem Leugnen seiner Krankheit in der Versenkung. Breitner und Daum stolperten über sich selbst, was man auch über Rudi Völler sagen kann, der schließlich auf Ribbeck folgen sollte und immerhin als „Trainer der Herzen“ zurücktrat.

Jürgen Klinsmann wurde Bundestrainer, weil sich eine DFB-Findungskommission nach dem überraschenden Völler-Rücktritt zwei Jahre vor der WM im eigenen Land ziemlich dumm anstellte – und sich mit einer schnellen Lösung vor dem Spott der Medien befreien wollte. Jogi Löw wurde Bundestrainer, weil ihn Klinsmann zu seinem Assistenten machte und sich Klinsmann nach dem „Sommermärchen“ für Löw als Nachfolger stark machte. Ein halbes Jahrhundert Geschichte der deutschen Nationalmannschaft spiegelt nicht nur deren Erfolge und Misserfolge wider, sondern auch den unausgesprochenen Gesellschaftsvertrag, den der DFB mit seiner ersten Mannschaft von Dekade zu Dekade zu schließen hat.

Herberger, Schön, Derwall, Vogts waren Vertreter des deutschen Biedermeier, der sich in den kaderhaft organisierten Vereinskulturen dieser Epochen reflektierte. Mit Beckenbauer, dem Fußballkünstler, brach der DFB aus dieser Spur aus, ohne dass Beckenbauer einen Nachweis einer Trainer-Tauglichkeit erbringen musste. Gleiches gilt für Rudi Völler und Jürgen Klinsmann, der immerhin einen Trainerschein und einen Praktikumsplatz bei einem USA-Klub vorweisen konnte. Mit Beckenbauer, Völler, Klinsmann folgte der DFB dem Druck der Straße, die von der Bildzeitung vertreten wurde. Die Besetzung der Nationaltrainer ist in Deutschland ohne Sinn und Verstand erfolgt. Der DFB organisierte die Bestellung seiner wichtigsten Personalie bis in die Achtziger Jahre hinein mit einer monarchischen Thronfolge-Mechanik und wechselte von der Kader-Regulierung ins Chaos einer populären Beliebigkeit, um schließlich bei einem Mann zu landen, der zehn Jahre auf beeindruckende Weise unter Beweis stellte, für das Berufsbild „Fußballtrainer“ kaum Begabungen zu besitzen.

Jogi Löw tingelte in knappen 10 Trainerjahren vor seiner DFB-Zeit durch acht verschiedene Vereine, von denen er sieben bereits nach einem Jahr wegen Erfolglosigkeit verlassen musste. Beim VfB Stuttgart gewann Löw mit dem magischen Dreieck den DfB-Pokal und sonst nichts, was dem damaligen VfB-Präsidenten Mayer-Vorfelder zu wenig war, weshalb Löw im zweiten Jahr vom VfB den Laufpass bekam.

Bevor Löw beim DFB anheuerte, war er auf der ungeschriebenen Liste der erfolglosen Trainer in Europa auf den vorderen Rängen. Als Bundestrainer erreichte er mit der deutschen Auswahl in fünf großen Turnieren jedesmal mindestens das Halbfinale, einmal das Finale und 2014 wurde Löw in Brasilien Weltmeister – mit einem Kader, von dem das erwartet werden durfte. Würde ein bei den Fans nicht unbeliebter aber im Grunde nicht wettkampffähiger Trainer bei Real Madrid, Barcelona oder München in fünf Jahren nur einmal die Champions League gewinnen, würde man dort darüber nachdenken, wie man ihn am klügsten loswird.

Davon ist der DFB weit entfernt. Joachim Löw werde auch künftig die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trainieren und zur Weltmeisterschaft nach Russland in zwei Jahren führen. Das gab der Deutsche Fußball-Bund am Dienstag auf seiner Internetseite bekannt. „Ich bleibe bei dem, was ich vor und während des Turniers immer wieder betont habe: Jogi Löw ist der beste Trainer für diese Mannschaft. Er hat unser uneingeschränktes Vertrauen und wir sind sicher, mit ihm an der Spitze auch in Zukunft erfolgreichen Fußball zu spielen“, so DFB Präsident Reinhard Grindel, dem man gerne zustimmt, weil sich die Spitze über die goldene Generation des deutschen Fußballs definiert, die sich bis 2018 halten wird und sich durch Hochgeschwindigkeitsfußballer wie Leroy Sané qualitativ sogar noch steigern könnte.

Diese Generation ist das philharmonische Orchester, das auch mit einem talentfreien Dirigenten, seine Spitze halten kann. Jogi Löw ist aber mehr als ein Blaskapellen-Dirigent, den der Zufall in einen Konzertsaal verschlagen hat. Zufall ist kein taugliches Konzept, um die Welt zu verstehen. Mit dem „Konzept Zufall“ lässt sich die „DFB-Struktur Löw“, die Personen wie Bierhoff und Siegenthaler gesponnen haben, nicht verstehen. Löw ist der angereicherte Herberger von heute, eine fleischgewordene Ikone seiner Zeit, also eine der wenigen Heldenfiguren einer Revolution, die sich „Neoliberalismus“ nennt. Löw ist Rudi Völler und Sepp Herberger in einer Person und somit ein Prometheus des Neoliberalismus, dessen Lehre (Anything goes) von den Azoren bis in die verborgensten Winkel der Karpaten zur umspannenden Gesellschaftstheorie der Europäischen Union wurde, weil jede andere Gesellschaftstheorie an der europäischen Lebenswirklichkeit, also an den Menschen zerschellt ist.

Jogi Löw ist ein populärer Zenmeister des Postkapitalismus. Ein Nivea-Guru einer theoriefeindlichen Generation, die ihr Ansehen und ihren Reichtum mit Arglosigkeit betrachtet, weil sie eine Generation der Erben ist. Jogi Löw kann man keine falsche Taktik unterstellen. Er lebt nicht in einer Welt, wo man falsch und richtig unterscheidet. „Sowohl als auch“ ist ein sprachliches Merkmal des funktionalistischen Denkens, das eine schöpferische Lesart eines laufenden Spiels nahezu ausschließt. Bei Löw reduziert sich das auf ein gehauchtes „Ouu“ („auch“). Er belegt durch sein Handeln und sein Sprechen, dass jede Mannschaftsaufstellung funktionieren kann, dass jede Taktik funktioniert, auch die falsche – an einem guten Tag geht alles. Auch wenn beim Elfmeterschießen von fünf Elfmetern drei kläglich vergeben werden. Anything goes, alles geht, alles ist möglich, wenn einer wie er Bundestrainer wird und diesen Job halten kann, weil sein Wirken als „erfolgreich“ ausgelegt wird.

Falls es sich Joachim Löw doch noch überlegen sollte, könnte der DFB die Stelle des Nationaltrainers auch verlosen.

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