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Montag, 22.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Skandalplatzverweis von Wolfsburg: Die Wahrheit ist nicht mehr auf dem Platz!

Warum der Videobeweis dem Spiel den erregenden Moment der Wahrheit zerstört und in seiner Praxis in der Bundesliga den Wettbewerb verzerrt

Kommentar von Siegfried Zagler

„Die Wahrheit liegt auf dem Platz!“ Dieser kategorische Imperativ stammt von Otto Rehhagel, der mit dieser Pseudofußball-Philosophie den Fußballexperten eine Nase drehen, die sich damals mit seinen allzu einfachen Taktikmustern nicht mehr zufriedengaben. Dennoch ist Rehhagels Satz von der Wahrheit auf dem Platz das Interessanteste, das jemals aus dem Mund eines Fußballtrainers floss.

Fußballtrainer sind täglich damit beschäftigt, die Unabwägbarkeiten des Fußballspiels berechenbarer zu machen. Ein Spiel, das eben in seiner Unberechenbarkeit nicht selten von der menschlichen Erfahrung und Vorstellung der Gerechtigkeit abweicht, also jener Empfindung widerspricht, die ein Resultat als gerechtfertigt oder gar als „gerecht“ einordnet.

Die Wahrheit auf dem Platz spiegelt sich in einer Summe von Entscheidungen wider, die entweder richtig oder falsch sind. Diese Entscheidungen werden zu 99 Prozent von den Spielern getroffen. Im Sport gibt es keine Gerechtigkeit, sondern nur richtig oder falsch. Besteht eine Regelverletzung oder nicht? Auch wenn es Interpretationsspielräume seitens der Spielleitung gibt, hat Sport zuvorderst mit Fitness, Technik, Inspiration und Fairness zu tun, aber nichts mit Gerechtigkeit.

Wird eine Mannschaft in einer Folge von Spielsituationen deutlich von falschen Schiedsrichterentscheidungen „getroffen“, sprechen unbeteiligte Beobachter von „ungerechter Benachteiligung“, weshalb man sich auf der Ebene der Fernsehberichterstattung von einem Videobeweis mehr Gerechtigkeit im Sport versprach. Dass es sich bei dieser Vorstellung um einen Irrtum handelt, belegt nicht nur der Fall „Peter Sagan“, sondern gehört auch zum Erkenntnisgewinn dieser Bundesligasaison: Der Interpretationsspielraum wird durch den Videobeweis nicht aufgelöst, sondern vom Spielfeld in eine schwarze Box verlagert. Deus ex machina ist in der aktuellen deutschen Fußballgegenwart ein Betrachter vor einem fernen Monitor. „Warum“, fragten sich die Fußballfans beider Lager gestern in der Partie Wolfsburg vs. Augsburg zurecht, wurde der absurde Moravek-Platzverweis nicht einer Videoüberprüfung unterzogen?

Die aktuelle Handhabe des Videobeweises in der Fußballbundesliga ist widersprüchlich, undurchsichtig, wettbewerbsverzerrend und somit skandalös. Die DFL und DFB veräppeln mit dieser Form der Wahrheitsfindung die Zuschauer in den Stadien. Das hat nichts mit Sport zu tun. Doch das ist noch nicht das Ende des Abgrunds: Der Videobeweis zerstört die Ethik des Spiels und bringt weder Fortschritt noch Gerechtigkeit auf die Spielplätze des Fußballsports.

Gegen „ungerechte“ Fehlentscheidungen der Schiedsrichter sind Generationen von Fernseh-Nerds ins Feld gezogen. „Das Tor war irregulär. Der Treffer hätte nicht zählen dürfen“. Diese Sätze zählten Samstag für Samstag über Jahrzehnte hinweg zu den häufigsten Bewertungsaussagen von Trainern, Klubchefs und Fernsehjournalisten, nachdem sie sich zusammen mit Millionen Fernsehzuschauern aus verschiedenen Kameraperspektiven und mithilfe von computergezogenen Abseitslinien ein Video-Urteil gebildet hatten. Urteile ohne Wirksamkeit, weil sich auf dem Platz der Augenblick der Wahrheit längst vollzogen hatte.

Nachdem dem jahrzehntelangen Gezeter der „Fernseh-Experten“ stattgegeben wurde, wurde dem Bundesligafußball der Augenblick der Wahrheit entzogen. Der Videobeweis zerstört das Spiel, weil er das Momentum der Wirklichkeit der Widergabetechnik von Kurzschlusszeichen unterwirft. Der Verlust des wahren Augenblicks tritt selbst dann zutage, wenn nach einem Tor oder einer Elfmeterentscheidung der Videoschiedsrichter nicht eingreift. Die Spannungsentladung der Stadionbesucher ist durch das Wissen um einen Videoschiedsrichter stets begleitet von einem langen Blick auf den Platzschiedsrichter und verliert somit an Intensität. Greift sich der Platzschiedsrichter doch noch ans Ohr, verändert der Videoschiedsrichter nicht nur die klassische Dramaturgie des Spiels, sondern betrügt auch die Besucher im Stadion um den erregenden Moment der Wahrheit.

Es handelt sich dabei um einen doppelten Betrug, da dem Stadionbesucher die verzögerten Entscheidungskriterien des fernen Monitorschiedsrichters vorenthalten werden.

Ein Tor ist gültig, wenn der Schiedsrichter auf dem Platz zum Anstoßkreis zeigt. Ein Elfmeter ist ein Elfmeter, wenn ihn der Schiedsrichter auf dem Platz gibt. Der Moment, in dem ein Schiedsrichter auf dem Platz seine Entscheidung traf, war dieser erregende Moment der Wahrheit. Selbst wenn diese Entscheidung falsch war, war sie eine unumstößliche Tatsache, die unmittelbar Freude und Leid auslöste. Wonach sich das Publikum sehnt (oder wovor es sich fürchtet) ist die finale Entscheidung. Sie muss innerhalb des Spiels entstehen und von allen Beteiligten vor Ort angenommen werden. Dieser wahre Augenblick des Spiels ist aktuell noch in der englischen Premiere League zu erleben. Wird er durch ein undurchschaubares „Entscheidungsfindungsprozedere“ ersetzt, verliert der Fußball die Kraft seiner Faszination.

Apropos England: Niemand möchte ein Spiel verlieren oder gewinnen, wenn der Ball nachweislich nicht die Torlinie überschritten hat. Gegen Fehlentscheidungen dieser Art wurde die „Hawk-Eye-Torlinientechnik“ entwickelt. Gegen diesen Videobeweis ist nichts einzuwenden.

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