DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Mittwoch, 13.05.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Wer wir wirklich sind (3): Die Leihgabe

Am vergangenen Wochenende rollte ein Regionalzug in den Augsburger Hauptbahnhof ein und brachte mehr als einen Reisenden. Er brachte eine Geschichte mit, die sich nicht einfach abschütteln lässt.

Von Sait İçboyun

Ein Mann im Rentenalter stieg aus, erschöpft, aber entschlossen. Zehn Stunden hatte er im Zug gesessen, das Deutschlandticket in der Tasche, quer durch die Republik, um in Augsburg an eine Leere anzudocken. Er kam, um einen gemeinsamen Freund zu ehren, der vor zwei Jahren hier gestorben war. Lungenkrebs. Ein Wort, das fast banal klingt neben den zwölf Jahren Folter in den Kerkern – und doch war es deren direkte Folge. In den Kerkern von Diyarbakır.

Diyarbakır, im Südosten der Türkei. Für viele nur ein ferner Punkt auf der Landkarte, für Kurden ein Name mit Gewicht, schwer wie altes Eisen. Die Stadt am Tigris, die wir Amed nennen, steht für Stolz und Verlust zugleich. Nach dem Militärputsch von 1980 wurde das dortige Gefängnis zu einem der dunkelsten Orte der türkischen Geschichte. Was hinter seinen Mauern geschah, blieb nicht dort. Es formte Biografien, zerbrach Körper und entzündete einen Widerstand, der bis heute nicht verstummt ist.

Nicht alles, was ich darüber weiß, haben mir die beiden Männer mit Worten anvertraut. Vieles habe ich in Berichten, Büchern und Dokumentationen gefunden. Elektroschocks. Die „Filistin askısı“, das Palästinenser-Aufhängen, bei dem Menschen stundenlang an den Armen oder an einem Fuß aufgehängt wurden, bis die Schultern auskugelten. Jauche aus der Gefängniskanalisation, in der man sie baden ließ oder die man sie trinken zwang. Falaka, das Schlagen auf die nackten Fußsohlen, bis man tagelang nicht mehr gehen konnte. Der Hund des Folterers Esat Oktay Yıldıran, abgerichtet, nackte Gefangene an den Genitalien zu beißen. Und am Ende die Demütigung, die den Willen brechen sollte: Kot essen müssen, während die Wärter lachten und die Nationalhymne sangen.

Wer so etwas zusammen überlebt – nackt im Eiswasser, gehetzt, gequält, gebrochen – trägt eine Loyalität in sich, die weder Distanz noch Tod auflösen kann.

Die wahrhaftigste Geschichte erzählte mir aber nicht unser Gast, sondern der Verstorbene selbst, ohne ein einziges Wort zu verlieren. Es war einer jener Spätnachmittage am Lech, an denen die Sonne das Wasser in Gold taucht. Wir saßen auf den rauen Steinen unter der Brücke, tranken Bier, und ich sagte ihm, ich wolle seine Geschichte aufschreiben. „Spinn nicht rum“, schimpfte er. Dann zog er schweigend das Oberteil aus.

Die Narben sprachen, bevor seine Lippen es konnten.

Er erzählte von den heißen Eiern, die man ihnen unter die Achseln presste, während sie die Nationalhymne singen mussten – ein bizarres Konzert aus Schmerz und Spott. Dann sagte er, er erzähle mir das, weil er mich wie einen Sohn sehe. Dieser Satz legte sich schwer auf mein Herz. Ich habe ihn nie vergessen. Und die Narben, die dieser Moment auf meiner Seele hinterlassen hat, ebenso wenig.

Vor zwei Jahren, bei seinem ersten Besuch nach dem Tod unseres Freundes, blieb sein Blick an meiner Bibliothek hängen. Er entdeckte ein zweibändiges Werk eines kurdischen Häftlings. „Das war mein Zellengenosse“, sagte er leise. Und dann fügte er hinzu, ich solle auch darin vorkommen. Er lieh es sich aus. Diesmal fragte ich beiläufig danach. Er gestand, nur hineingeschaut zu haben. Die Seiten seien ihm zu nah gekommen.

Da musste ich an meinen Vater denken: „Kitaplarını herkese verme, geri gelmiyorlar“ – gib deine Bücher nicht jedem, sie kommen nicht zurück. Er hatte recht. Über die Jahre habe ich ein ganzes Billy-Regal voller Bücher verloren. Jedes einzelne war mit Bedacht gewählt, und jedes schmerzt auf seine eigene Weise, wenn es fehlt. Doch in diesem Moment wirkte dieser Gedanke klein. Fast lächerlich.

Vor mir saß ein Mann, der sein Leben nicht in Jahren, sondern in Bruchstücken zählen konnte.

Mit siebzehn sah er seine Eltern zum letzten Mal, als er 1976 aufs Gymnasium ging, um Physiklehrer zu werden. Er ist Türke, und gerade deshalb konnte er nicht wegsehen, als Kurden in Schule und Gesellschaft unterdrückt wurden. Diese Empathie kostete ihn alles. Aus dem Lehrerzimmer wurde der Kerker. Aus einem möglichen Leben im Klassenzimmer wurden zwölf Jahre Haft, weitere Jahre Verfolgung und noch einmal zwölf Jahre im Untergrund. Fast drei Jahrzehnte, in denen ein normales Leben möglich gewesen wäre.

Ich strich das Buch innerlich von meiner Liste. Was ist ein Buch gegen ein Leben, das seit Jahrzehnten aus den Fugen ist?

Bei seinem letzten Besuch waren wir zu dritt mit einem türkischen Publizisten im Bert-Brecht-Haus. Später bat mich der Publizist aus der Türkei inständig, die Fotos zu löschen. Die Angst vor Repression sitzt tief, auch nach all den Jahren. Ich dachte an die deutschen Schriftsteller, die einst Verfolgte aufnahmen, und daran, dass Schutz heute manchmal im Unsichtbarmachen besteht. Diesmal verzichtete ich bewusst auf die Kamera.

Doch am Sonntag im Schrebergarten in Haunstetten, am Mittelbach, geschah etwas Unerwartetes. Er wandte sich an den Gastgeber und sagte: „Mach doch bitte ein Bild von uns. Es soll eine Erinnerung bleiben.“ Dann fügte er leise hinzu: „Wer weiß, wann ich noch einmal die Kraft habe, zehn Stunden mit der Bahn zu fahren.“

Dieser Satz wog schwerer als Stunden des Erzählens.

Heute lebt er zurückgezogen, fern der politischen Ideale, die einst sein Leben bestimmten. Er ist eine wandelnde Bibliothek türkischer und kurdischer Tragödien, ein Archiv der Enttäuschungen, die sich in keinem Landstrich ganz besänftigen lassen. Es ist eine stille Ehre, zu den wenigen zu gehören, denen er sich öffnet. Er sagte, er fühle sich wohl hier. Es sei eine ruhige Stadt. Und er komme gerne wieder. Nicht weil wir nach Erfolg oder Status fragen, sondern weil wir nach dem Menschen fragen.

Die lange Bahnfahrt mag anstrengend sein. Für jemanden, der Jahre in einer Zelle verbracht hat, ist die Freiheit, durch ein Land zu reisen, um einen Toten zu ehren, das kostbarste Gut. Er ging. Er fuhr zurück.

Ich sah ihm nach und verstand: Manche Bücher gibt man nicht zurück, weil der Leser die Geschichte längst am eigenen Leib trägt.


YouTube:


Mehr:



Generation AUX, FDP und Die PARTEI bilden Fraktions­gemeinschaft

Im Augsburger Stadtrat entsteht eine bundes­weit unge­wöhn­liche politi­sche Kon­stella­tion: Generation AUX, die FDP und Die PARTEI haben sich zu einer gemein­samen Frak­tions­gemein­schaft zusammen­ge­schlossen. Die Betei­ligten sprechen von einem „Gegen­entwurf zur politi­schen Polari­sierung“ und wollen künftig gemeinsam kommunal­politi­sche Ver­ant­wortung übernehmen. Von Bruno Stubenrauch Die Konstituierung der neuen Frak­tions­gemein­schaft erfolgte bereits am 5. Mai, auf Basis der […]

gesamten Beitrag lesen »



Lange Kunstnacht 2026: #übersinnlich

Wenn Augsburg zur Geisterbühne wird Am Samstag, 20. Juni 2026, verwandelt sich die Augs­burger Innen­stadt in eine große Bühne für Kunst und Kultur. Unter dem Motto #übersinnlich dreht sich die Lange Kunst­nacht um das Geheim­nis­volle, Ver­borgene und Gespen­stische. Mit einer Eintritts­karte können die Gäste so viele Kurz­programme besuchen, wie sie möchten. Von Bruno Stubenrauch Topos […]

gesamten Beitrag lesen »



„Das Erbe der Welt“ – eine neue Wassermusik

Das 7. Sinfoniekonzert der Augsburger Phil­har­moniker war dem Motto: „Das Erbe der Welt“ gewidmet und wurde in Koope­ration mit dem UNESCO-Welterbe-Büro der Stadt Augsburg konzi­piert. Zur Urauf­führung kam dabei das Auftrags­werk der Phil­har­moniker an den Kompo­nisten Wolfgang Kerschek: „orbis aquarum“ – eine neue Wasser­musik und als Gegenpart Beethovens Pastorale. Ein monu­mentaler und emotio­naler Konzert­abend, der […]

gesamten Beitrag lesen »



Vernetzungstreffen für Nachbar­schafts­initiativen in der Stadtbücherei

Wer sein Viertel aktiv mitgestalten will, ist am Donnerstag, 28. Mai 2026, von 14 bis 19 Uhr ins S-Forum der Stadt­bücherei Augsburg eingeladen. Bei einem Ver­netzungs­treffen für Nachbar­schafts­ini­tia­tiven, Wohnbau­gruppen und Inter­essierte stehen Begegnung und Austausch im Mittelpunkt. Von Bruno Stubenrauch Bestehende Projekte präsen­tieren sich an Info­ständen, Studie­rende der Sozialen Arbeit berichten von eigenen Impulsen – und wollen […]

gesamten Beitrag lesen »



Tag der Familie: Gastfamilien für internationale Austauschschüler gesucht

Zum Internationalen Tag der Familie am 15. Mai 2026 wirbt die Austausch­organi­sation Experiment dafür, Jugend­lichen aus aller Welt ein Zuhause auf Zeit zu schenken. In diesem Sommer reisen wieder viele Schüler nach Deutschland – darunter auch der 14-jährige Gonzalo aus Mexiko, für den noch eine Gastfamilie gesucht wird. Von Bruno Stubenrauch Gastfamilie, bei einer Wanderung mit […]

gesamten Beitrag lesen »



Ausschuss-Sitze: Neue Ausschuss­gemeinschaft erzielt Teilerfolg

Die neu gegründete Ausschuss­gemein­schaft aus Augsburg in Bürgerhand (AiB) und V-Partei³ hat in internen Ver­hand­lungen einen Teilerfolg erzielt: Drei Aus­schüsse werden nun doch nicht von 13 auf 12 Mit­glieder verkleinert. Damit erhält die Gemein­schaft zumindest begrenzte Möglich­keiten zur Teilnahme an der Aus­schuss­arbeit. Von Bruno Stubenrauch Sitzverteilung in Ausschüssen mit 13 Mitgliedern (Grafik: DAZ) In der konstitu­ierenden Stadtrats­sitzung […]

gesamten Beitrag lesen »



Tag der Pflege: „Pflege braucht Freiraum und muss bezahlbar sein“

AWO Schwaben fordert verlässliches System Zum Tag der Pflege am 12. Mai spricht Dieter Egger, Vorstands­vor­sitzender der AWO Schwaben, Klartext: Die Eigen­anteile in der Pflege müssen gedeckelt, Ausbil­dungs­kosten vom Staat über­nommen und Investi­tionen in Pflege­heime staatlich gefördert werden. Von Bruno Stubenrauch Die hohen Eigen­anteile in der statio­nären Pflege be­lasten viele Seni­oren massiv. Dieter Egger, dessen Verband […]

gesamten Beitrag lesen »



Bergstraße-Umgestaltung: SPD Süd-West fordert Stopp

Erst vor wenigen Wochen – am 16. April, noch mit alten Mehrheiten – hat der Bau­aus­schuss den Projekt­beschluss zur Um­ge­stal­tung der Bergstraße zwischen Gögginger und Gabels­berger Straße gefasst. Nun lehnt die SPD Augsburg Süd-West das Projekt komplett ab. Von Bruno Stubenrauch Die Bergstraße (Quelle: Stadt Augsburg, Beschlussvorlage BSV/23/08755 öffentlich) Die Maßnahme geht auf einen Grund­satz­beschluss des […]

gesamten Beitrag lesen »



Ein kategorischer Imperativ für die Freiheit: Theo Waigel beim Wirtschaftsgipfel

Beim zweiten Schwäbischen Wirtschafts­gipfel am 6. Mai hat der frühere Bundes­finanz­minister Theo Waigel für politische Führung, wirt­schaft­liche Struktur­reformen und eine stärkere europäische Verteidi­gungs­fähigkeit geworben. Vor Gästen aus Politik und Wirtschaft sprach Waigel über die aktuellen Heraus­forderungen Deutsch­lands und Europas sowie über die Bedeutung demo­kratischer Institutionen. Von Sait İçboyun Zu Beginn seiner Rede betonte Waigel, dass wirt­schafts-, […]

gesamten Beitrag lesen »



Bauleitplanung Uniklinik: BUND Naturschutz nimmt offiziell Stellung

Der Bund Naturschutz (BN) hat eine Stellung­nahme zum geplanten Neubau des Universi­täts­klinikums Augsburg eingereicht – als Träger öffentlicher Belange im Rahmen der frühzeitigen Beteiligung gemäß § 4 Abs. 1 BauGB. Das 100-seitige Papier richtet sich deutlich gegen die bereits 2024 ohne öffentliche Beteiligung erfolgte Vorfestlegung auf das Baufeld „West“. Von Bruno Stubenrauch Der 40 Jahre alte, als […]

gesamten Beitrag lesen »



Zwischen zwei Jahrzehnten Volkspartei und dem paneuropäischen Aufbruch

StadtGestalten: Thorsten Frank (Volt) Wir sitzen in der Kälberhalle, einem Ort, der Trans­formation atmet. Vor mir sitzt Thorsten Frank. Er ist eines der neuen Gesichter im Stadtrat, doch seine politische Vita ist alles andere als die eines Neulings. Bevor wir beginnen, klären wir die Etikette: „Lieber Herr Stadtrat, soll ich Sie jetzt siezen? Oder reichen […]

gesamten Beitrag lesen »



ältere Artikel »

Kurznachrichten

Verkehrspräventionstag in der City-Galerie: Polizei lädt zum Mitmachen ein



Am Samstag, 22. Mai 2026, findet von 10 bis 20 Uhr der Verkehrs­präven­tions­tag des Polizei­prä­sidiums Schwaben Nord in der City-Galerie Augsburg statt. Besucher erwartet ein umfangreiches Programm mit Fahrrad­parcours, Fahr­simula­toren, einer Kinder­polizei­wache, VR-Brillen, einem Lichttunnel zum Thema Sichtbar­keit und einer Rausch­brille. Die Polizei Schwaben Nord präsen­tiert sich mit mehreren Ständen und Stationen. Ein Highlight: die Auto­gramm­stunde […]

gesamten Beitrag lesen »



„Rapunzel“ als Erzähltheater im Fünffingerlesturm



Am Samstag, 16. Mai 2026, verwandelt sich der Fünffingerlesturm in Augsburg in eine Märchenbühne. Matthias Klösel und Daniela Nering präsentieren „Rapunzel“ als zauberhaftes Erzähltheater mit Musik – frei nach den Gebrüdern Grimm. Poetisch, einfühlsam und mitreißend entfaltet sich die Geschichte von Rapunzel, die im Turm gefangen ist, bis ein junger Prinz erscheint und ihr Leben […]

gesamten Beitrag lesen »



INSIDE – Künstler­persönlich­keiten und ihr Werk



Mitgliederausstellung des BBK1) Schwaben-Nord und Augsburg e.V. Die Ausstellung wirft Blicke in die Ateliers von Künstle­rinnen und Künstlern aus dem BBK-Verband und stellt diese inmitten ihrer Werkstätten und ausge­wählten Werken anhand von Fotos vor. Von Bruno Stubenrauch Die Fotos werden in der BBK-Galerie groß­formatig im Raum projiziert. Den Künstle­rinnen und Künstlern werden über­regionale Kunst­schaffende als […]

gesamten Beitrag lesen »



„Sand City“ ist fast fertig



Rotes Tor, Stadtmauer, Perlach, Rathaus, Hotelturm und Gaskessel: das macht für das inter­national agierende Künstler­team „Sandcity“ die Silhouette von Augsburg aus. Am Dienstag soll die Sand­skulptur fertig sein. Seit dem 5. Mai arbeiten die Künstler bereits an ihrem rund 2,20 Meter hohen und fünf Meter langen Kunstwerk aus 25 Tonnen Sand auf dem Moritzplatz. „Sand City“ wird […]

gesamten Beitrag lesen »



„Omas for Future“ danken umwelt­bewussten Verkehrs­teilnehmern am Theodor-Heuss-Platz



Am Dienstag, 12. Mai 2026, von 14 bis 15 Uhr führt die Augsburger Gruppe „Omas for Future“ (O4F) eine kleine Aktion am Theodor-Heuss-Platz durch. Sie richtet sich an Radfahrende und Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs – und bedankt sich bei ihnen für ihren Beitrag zum Ressour­cen­schutz. Anlass ist der „Erd­über­lastungs­tag“ (Earth Overshoot Day), der in diesem Jahr […]

gesamten Beitrag lesen »



Suche in der DAZ

  

DAZ Archiv

Mai 2026
M D M D F S S
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
25262728293031