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Kultur

Moskau, Tscherjomuschki: Der Versuch von Satire in der Sowjetunion

Eine Operette von Schostakowitsch? Eine musikalische Satire in finsteren Sowjetzeiten? Die jüngste Premiere des Musiktheaters im Martinipark bricht mit so mancher Erwartungshaltung.

Von Halrun Reinholz

Moskau, Tscherjomuschki — Foto: © Jan-Pieter Fuhr

Die Augsburger Philharmoniker unter GMD Domonkos Héja haben in den letzten Spielzeiten einige Male Werke von Schostakowitsch gespielt und dabei viele Facetten dieses begabten und innovativen Komponisten gezeigt, dem die Zeitläufe im Sowjetkommunismus übel mitgespielt haben. Auch das Musiktheater hatte bereits Schostakowitschs Oper „Lady von Mzensk“ auf dem Spielplan – ein Werk, das Stalins Zorn hervorrief und Schostakowitsch fast zum Verhängnis wurde. Nun kann man im Martinipark wieder eine ganz andere Facette dieses Komponisten kennenlernen: Die musikalische Satire „Moskau, Tscherjomuschki“ ist eine Art Operette, die sich kleine Spitzen gegen Zustände in der poststalinistischen Sowjetunion leistet und dabei das  „kleine Tauwetter“ nutzt, das nach Stalins  Tod ein gewisses Aufatmen in der sowjetischen Kulturszene ermöglichte – bis Chruschtschow die Zügel bald wieder anzog.

Unter dieser Prämisse muss die etwas dürftige Handlung des Singspiels auch gesehen werden. Es geht um das im Entstehen begriffene Moskauer Neubauviertel Tscherjomuschki, das die akute Wohnungsnot in der sowjetischen Hauptstadt lindern soll. Ein „Zuweisungsschein“ bringt die in Schlangen Wartenden dem Glück ein Stück näher, aber freilich ist da noch der Hausverwalter Barabaschkin (Gerhard Werlitz), der die Schlüssel ausgibt. Sein Gehilfe hat schon mal vorab mit einer lockeren Kopfdrehung nach links oder rechts die Wartenden vorab „aussortiert“.

Barabaschkin ist seinerseits aber der hörige Lakai des Parteibonzen Drebednjow (Shin Yeo), der auf Drängen seiner aufgetakelten Ehefrau Wawa  (Kate Allen) zwei Wohnungen zu einer größeren zusammenlegen lässt. Leidtragende sind Lusja (Olena Sloia) und ihr Vater Baburow (Gerald Fiedler), dessen Haus abgerissen werden soll. Um Lusjas Gunst buhlt sowohl der schüchterne Sergej (Roman Poboinyi), Fahrer des Parteibonzen, als auch der (für sowjetische Verhältnisse) unkonventionelle Herumtreiber Boris (Wiard Withold). Und da ist auch noch das Durchschnitts-Ehepaar Sascha (Alejandro Marco-Burmester) und Mascha (Natalya Boeva), die durch den Zuweisungsschein nun endlich auch zusammen wohnen können.

Sie alle agieren mit Witz, Tempo und oft grotesker Situationskomik auf hohem spielerischen Niveau, das den Sängern hier abverlangt wird. Allen voran die kleine, quirlige Olena Sloia, die mit dem größten Mann im Ensemble, dem gefühlt Zwei-Meter-Mann Wiard Witholt, ein besonders komisches Gespann abgibt. Als Kunsthistorikerin führt Lusja Touristen durch das Museum der Moskauer Stadtgeschichte, eingezwängt in ein Matrioschka-Kostüm, das sie sich auf der Bühne im Handumdrehen übergestülpt hat. Ihr unglaubliches Temperament bestimmt das Tempo  des Spiels.

Als Gast vom Schauspiel sticht Gerald Fiedler heraus, der die ganze Zeit über ein Huhn im Arm hält und dieses auf bauchrednerische Weise (mit) agieren lässt. Seine Gesangseinlage kann sich hören lassen, trotz des hochprofessionellen sängerischen Umfelds . Eine Überraschung für die Erwartungshaltung des Publikums ist zweifellos Schostakowitschs Musik – leicht und operettenhaft kommt sie daher, zuweilen mit schrägen Tönen durchsetzt. Bei näherem Zuhören könnte man Zitate erkennen, etwa von Offenbach. Nur für Insider (also Russen) erkennbar, ist der Zugriff auf bekannte Volkslieder und Gassenhauer, auch Schlager. Und dann zitiert er sich auch selbst, mit schelmischer Ironie, dem Tauwetter vertrauend. Ein außergewöhnlicher Genuss.

© Jan-Pieter Fuhr

Vielleicht gab der Insider-Blick den Ausschlag für das besondere Konzept dieser Produktion, die komplett zweisprachig ist. Die Dialoge werden deutsch gesprochen und russisch übertitelt, die Lieder russisch gesungen und deutsch übertitelt. Damit wendet sich das Theater ganz bewusst an die offenbar theateraffine russische Community der Stadt, für die es bereits seit einiger Zeit eine russische Version der Homepage gibt. Andererseits verfügt auch das Ensemble über ein gutes Potenzial an russisch  sprechenden Akteurinnen und Akteuren, die in so einem Stück spielerisch zum Zug kommen – selbst dann, wenn sie die Dialoge deutsch sprechen. So nebenbei schnappt man zum Beispiel die die richtige Aussprache des Zungenbrechers „Tscherjomuschki“ auf – die Betonung liegt tatsächlich auf dem „o“.

Roman Poboinyi und Natalya Boeva werden ihren des Russischen unkundigen Kollegen den einen oder anderen Tipp bei der Betonung der Liedtexte mitgegeben haben, ebenso wie die Chordirektorin Katsiaryna Ihnatsieva-Cadek beim Einstudieren der Chöre auf ihre Sprachkompetenz zurückgegriffen haben wird.

Für den musikalischen Leiter Ivan Demidov war Schostakowitsch sichtlich ein Heimspiel, das er mit Freude bestritt. Es gibt sogar einen kurzen Dialog zwischen ihm und einem Darsteller, wo Demidov (auf russisch) sagt: „Wir machen hier Theater, nicht Zirkus“.

Doch genau diesen Zirkus-Eindruck hatte man bei der Inszenierung. Corinna von Rad verzichtet mit gutem Grund darauf, der Handlung aus dem Alltag des real existierenden Sowjetkommunismus einen aktuellen Bezug zu geben – was bei dem Thema Wohnungsnot, Privilegien und Korruption vielleicht nicht ganz so weit hergeholt gewesen wäre. Sie versäumt es andererseits aber auch, sich auf die längst historische und von jüngeren Generationen kaum noch nachvollziehbare Situation der Menschen in der Sowjetunion der Endfünfziger (und der Bedeutung von Satire in diesem Kontext) ernsthaft einzulassen.

Die Warteschlange bunt gekleideter Menschen gleicht einem Kostümfest, die menschlichen Verwirrungen und Konflikte zeigen statt Ironie oder Satire durchgehend boulevardeskes Slapstick. Keine Andeutung der gleichförmigen Tristesse und Kargheit, die eine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung als das Paradies auf Erden erscheinen lässt. Besonders schräg die knallig-bunte auf „amerikanisch-naiv“ gemachte Touristengruppe im Museum.

Es agiert ein permanentes buntes Gewusel auf der Bühne, die teilweise nur halb genutzt wird, weil sich hinter einem „Bauzaun“ die Baustelle von Tscherjomuschki verbirgt. Dennoch, und das ist vor allem dem Agieren der Darstellerinnen und Darsteller zu verdanken, herrscht durchgehend gute Stimmung, auch da, wo die Handlung allzu kitschig daherkommt. Aber so ist das eben in der Operette, auch wenn sie – sowjet-politisch korrekt – „musikalische Satire“ heißt. Operette im besten Sinn des Genres. Das Publikum honoriert mit ausdauerndem Applaus. Konsequenterweise sind die nächsten Vorstellungen im Umfeld des Weihnachts- und Silvesterprogramms verortet.

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