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Kultur

„Kunstschätze der Zaren – Meisterwerke aus Schloss Peterhof“ ist wieder zu sehen

Die Sonderausstellung im Schaezlerpalais wird bis zum 30. August verlängert

Tabatiere (Schnupftabakdose) mit Porträt Elisabeth Petrownas, Kupfer, emailliert, Birmingham 1759 Bildnachweis: © The Peterhof State Museum

Die russischen Preziosen im Schaezlerpalais bleiben den Besucherinnen und Besuchern der Augsburger Kunstsammlungen und Museen noch einige Zeit erhalten. Nachdem die Häuser der Kunstsammlungen aufgrund der Corona-bedingten Schließung jetzt wieder öffnen konnten, ist es in Absprache mit den russischen Kolleginnen und Kollegen gelungen, die Sonderausstellung „Kunstschätze der Zaren –Meisterwerke aus Schloss Peterhof“ bis 30. August zu verlängern. Auch die vertrauensvolle Zusammenarbeit der Museen in Augsburg und St. Petersburg hat diese Entwicklung ermöglicht. Aus diesem Anlass holt die DAZ Helmut Giers Ausstellungsbesprechung vom Dezember 2019 aus dem Archiv, um ein zweites Lesen zu vereinfachen:

„Raub und Rettung“, so lautete der Titel eines im Mai diesen Jahres erschienenen, von deutschen und russischen Historikern sowie Museumsleuten erarbeiteten Werks über „Russische Museen im Zweiten Weltkrieg“. Seit Samstag werden Kunstschätze aus dem im Zweiten Weltkrieg zerstörten Schloss Peterhof im Augsburger Schaezlerpalais gezeigt.

Von Dr. Helmut Gier

Virgilius Eriksen: Porträt Katharinas II. vor einem Spiegel, 1764 © The Peterhof S

Neben den Städten Pskow und Nowgorod werden darin exemplarisch vor allem die vier Zarenschlösser bei St. Petersburg betrachtet. Auf dem Umschlag des Werks ist denn auch das zerstörte Schloss Peterhof abgebildet. So ist es eine wunderbare Fügung, dass nun zum Ende des Jahres im Augsburger Schaezlerpalais zum ersten Mal in Deutschland Kunstschätze aus diesem Schloss, die gerettet werden konnten, gezeigt werden.

In dem prachtvoll bebilderten Katalog behandelt ein Beitrag mit zahlreichen Fotos auch das Schicksal dieses Vorortschlosses während der zweieinhalbjährigen Belagerung von Leningrad, der heute wieder St. Petersburg genannten einstigen russischen Hauptstadt. Während der Blockade verlief hier die Front, das zusammengeschossene und ausgebrannte Schloss diente als Stützpunkt der Wehrmacht. Die Ausstellung im Schaezlerpalais ist damit ein Zeugnis dafür, dass trotz der Verbrechen im Zweiten Weltkrieg die beiden Länder unterhalb der Ebene der machtpolitischen Spannungen um Verständigung und ein gutes Verhältnis zueinander bemüht sind.

Bayern nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein, denn es ist das einzige Bundesland, das ein förmliches Kulturabkommen mit der Russischen Föderation abgeschlossen hat. Dem Willen des Wissenschaftsministeriums, dieses Abkommen mit Leben zu erfüllen, und dem Bestreben Russlands im Rahmen des Projektes „Russian Seasons“ die Präsenz und Ausstrahlung der Kultur Russlands im Ausland zu verstärken, verdankt sich die Ausstellung in Augsburg. Denn ohne die Bereitschaft des Freistaats und Russlands, das Projekt finanziell zu einem erheblichen Teil mitzutragen, wäre es der Stadt Augsburg nicht möglich gewesen, eine so große Ausstellung auf die Beine zu stellen. Man bedenke allein die Versicherungssummen und auch die Transportkosten für diese Kunstschätze. So darf sich die Stadt glücklich schätzen, gleichsam stellvertretend für Bayern diese große Schau zu zeigen.

Großes Medieninteresse beim Abhängen und Verpacken der Kunstgüter am 26.11.2019 im Schloss Peterhof

Die Ausstellung im Schaezlerpalais mit über hundert hochkarätigen Objekten aus fast allen  Bereichen der Kunst und des Kunsthandwerks ist ein Beweis dafür, dass es den russischen Museumsleuten nach dem Ausbruch des Kriegesmit der Sowjetunion glücklicherweise gelungen ist, viele Kunstschätze zu retten. Zeitlich erstreckt sich die Schau auf die glanzvollste Zeit von Schloss Peterhof, von seiner Erbauung durch Zar Peter dem Großen nach dem entscheidenden Sieg 1709 im Großen Nordischen Krieg  bis zum Tode der berühmten Zarin Katharina der Großen. Es war das Jahrhundert des Aufstiegs des Zarenreichs zur europäischen Großmacht sowie des Ausbaus und der Festigung dieser Stellung. Dem entsprach der Wille, in der Schlossarchitektur und Hofkultur mit der führenden Großmacht Frankreich zu rivalisieren und eine neue Hauptstadt, St. Petersburg, zu errichten, die neben den großen westeuropäischen Hauptstädten Paris, London, Berlin und Amsterdam bestehen konnte.

Das Bestreben, Anschluss an die westeuropäische Kultur zu finden und diese noch zu übertrumpfen, prägte nicht nur Architektur und Städtebau sondern auch alle Bereiche der Kultur, wie die Ausstellung eindrücklich vor Augen führt. Die geplante Modernisierung Russlands führt bei allen Herrschern und Herrscherinnen dieses Jahrhundert zu einer Abwendung von den einheimischen Kunstraditionen. So viel Westeuropa war in Russland vorher und nachher nie mehr wie im Zeitalter der Aufklärung im absolutistischen Zarenreich. Am deutlichsten lässt sich das an den 26 Gemälden in der Ausstellung ablesen: Nur ein einziges Mal taucht dabei unter den Künstlern ein russisch klingender Name auf (Fjodor Rokotov), sonst heißen die Maler Georg Christoph Grooth, Willem van de Velde, Adam Silo, Pietro Antonio Rotari, Stefano Torelli oder Catharina Treu.

Selbst die  Herrscherbildnisse schufen ausländische Künstler: Der Lieblingsmaler von Peter dem Großen Louis Caravaque, das Portrait von Kaiserin Elisabeth Petrovna, das in seiner Dimension mit dem ausladenden Rahmen eindrucksvollste Bild, schuf Charles-André van Loo, das dagegen geradezu intim wirkende Portrait Katharinas der Großen vor einem Spiegel, das auf allen Werbematerialien prangt, malte Virgilius Eriksen. Neben der höfischen Portraitmalerei stechen unter den übrigen Gemälden die anmutigen und ausdrucksstarken Mädchenbildnisse von Rotari und vor allem am Beginn der Ausstellung eine ganze Reihe niederländischer Gemälde mit maritimen Themen und Motiven ins Auge, in denen sich die  Leidenschaft für die Schifffahrt Peters des Großen spiegelt.

Die Austellung ist chronologisch nach den Herrschern und Herrscherinnen aufgebaut, doch insgesamt im besten Sinne kulturhistorisch angelegt, da sie von Beginn bis zum Ende die gänze Fülle höfischer Kultur und Lebensart, Mobiliar, Wandteppiche, Metall- und Steinarbeiten, Porzellan- und Fayence-Service, Tafelschmuck, Fächer und Kleidungsstücke ausbreitet. Viele reizvolle Objekte verdienen besondere Aufmerksamkeit, hervorgehoben werden sollen nur ein in Silber gearbeites Modell des Segelbootes Peters des Großen und der Thronsessel von Zarin Katharina der Großen. Dass bei der russischen Vorliebe für die westeuropäischen Zentren der Kunst und des Kunsthandwerks auch Objekte aus  der damaligen Luxusgütermetropole Augsburg Eingang in die Sammlungen der Zaren und Zarinnen in dieser Epoche fanden, versteht sich fast von selbst. Zu bewundern sind eine Horizontaluhr eines Augsburger Meisters aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, eine Besteckgarnitur und ein Degen mit einer Scheide aus Augsburger Werkstätten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Den Augsburger Kunstsammlungen ist große Anerkennung dafür zu zollen, dass sie mit ihren begrenzten personellen und finanziellen Mitteln nach der großen Schau über Kaiser Maxinilian I. noch im selben Jahr 2019 eine weitere bedeutende, anspruchsvolle und attraktive Ausstellung möglich gemacht haben. Dem Augburger Publikum wurde und wird damit die einmalige Gelegenheit geboten, großen Herrschergestalten unterschiedlicher Zeitalter von europäischem Rang und der mit ihnen verbundenen Kunst und Kultur zu begegnen. Der Glanz der Kunstschätze der Zaren strahlt jetzt für drei Monate im Schaezlerpalais. Man sollte nicht versäumen, ihn auf sich wirken zu lassen.

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Kunstschätze der Zaren / Meisterwerke aus Schloss Peterhof

Zeit: Di – So 10 – 17 Uhr / Austellungsdauer bis 30. August 2020

Ort: Schaezlerpalais / Maximilianstraße 46  in Augsburg

Katalog 29,90 EUR

 

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