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Donnerstag, 24.09.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Na dann, auf ins virtuelle Theater! Zwischen VR-Brille, Live-Stream und Musikervideos – Ein Erfahrungsbericht!

Der zweite Versuch, Theater mittels Live-Stream ins Wohnzimmer zu bringen, stand leider technisch unter keinem guten Stern. Nicht nur bei mir blieb das Bild immer wieder stehen, gab es Aussetzer und Unterbrechungen. Auch in den Chats wurde Entsprechendes moniert.

Von Halrun Reinholz

Roman Pertl als Judas: Man möchte ihn berühren – © Jan-Pieter Fuhr

Und ehrlich gesagt, die Chats am Rande sind bei diesen Live Streams mindestens so interessant wie das Geschehen im Theater-Wohnzimmer, doch sie standen immer wieder still. Diesmal saß als Moderator der routinierte Podcast-Macher David Ortmann im Sessel, ihm gegenüber (mit dem obligaten Abstand) zwei Musiker der Augsburger Philharmoniker:  Judith Müller und Fabian Heichele. 

Der Clou dabei: die sehr gegensätzlich anmutenden Instrumente der beiden – eine Piccolo-Flöte und eine Tuba. Das unterhaltsame Geplänkel vermittelte Wissenswertes und mündete dann selbstverständlich in einem gemeinsamen Spiel der beiden Ungleichen. Im zweiten Teil des Streams wurde es dann richtig dynamisch, als nämlich Ballettdirektor Ricardo Fernando und seine  Frau Carla Silva eine Salsa-Choreografie zum Mitmachen vorführten. Etwas schwierig, das bei einem Live-Stream ohne Wiederholungsmöglichkeit tatsächlich nachzumachen und womöglich zu üben, aber angeblich soll der „Kurs“ später auch abrufbar vorliegen. Im sehr ruhigen dritten Teil las Ute Fiedler Texte von Margaret Atwood. 

Der Abend endete schließlich mit einem DJ-Set von DJ Cutvibe live aus dem Martini-Park. Ein nettes Sammelsurium, diese Live-Streams, aber kein Vergleich mit einem echten Theater-Erlebnis.

Bückers 3D-Offensive: “Judas” – Ein beeindruckendes Realerlebnis

Da kommt ein anderes Angebot des Staatstheaters der Sache doch näher: Die 3D-Brillen frei Haus! Judas – der Monolog von Lot Vekemans  ist schon seit Mai 2019 im Repertoire des  Staatstheaters. Man konnte die Auseinandersetzung Roman Pertls mit einer der bekanntesten Gestalten der Geschichte bereits auf der Freilichtbühne am Moritzplatz sehen, danach im Moritzsaal und viermal in der frisch renovierten Goldschmiedekapelle von St. Anna. Dann kam die Schließung des Theaters. 

Für Intendant Bücker war es naheliegend, gerade mit dieser bereits vorliegenden Ein-Mann-Produktion in die 3D-Offensive zu gehen. Zu den Zuschauern ins Wohnzimmer. Nicht nur als Stream, sondern in diesem Fall als beeindruckendes  Real-Erlebnis. Virtual Reality mit 3D-Brillen ist besonders in den USA sehr beliebt – ob in den Vergnügungsparks von Disneyland oder in seriösen Museen, wo Geschichte erlebbar gemacht wird, indem einem die Ratten vermeintlich vor die Füße krabbeln. Warum nicht für das Theater nutzen? Der Service beim Staatstheater funktioniert wunderbar: Nach telefonischer Bestellung fährt eine nette Mitarbeiterin , mit Mundschutz und Handschuhen bewehrt, mit dem Fahrrad vor und übergibt uns pro Person eine Tasche mit den für den Theaterabend nötigen Utensilien.  Außer Kopfhörern, die sollte jeder  selbst haben – eine Selbstverständlichkeit mittlerweile in dieser medial bestimmten Corona-Zeit. Die Anwendung ist einfach: Brille aufsetzen und los geht`s!

Man möchte ihn berühren und ihm antworten  

Beim Absetzen wird unterbrochen. Ach ja, den kleinen Rat, einen drehbaren Stuhl zu benutzen, haben wir ignoriert, woher auch so schnell einen Drehstuhl nehmen? War aber ein guter Rat. Oder zumindest ein Hocker ohne Lehne, das wäre auch nicht so schlecht gewesen. Im Sessel oder auf der Couch tut man sich eventuell etwas schwer, dem Geschehen mit Verrenkungen über 360 Grad zu folgen. Trotzdem – ein Tiefenerlebnis: Roman Pertl sieht einem tief in die Augen, stellt Fragen, man möchte ihm antworten, ihn berühren. So nah dran ist man in keinem Zuschauerraum. Zum Glück sind alle anderen Familienmitglieder auch hinter den Brillen verborgen. Für eventuell unbedarft Eintretende muss der Anblick sich hin- und her drehender Monster mit Geräten vor dem Gesicht äußerst skurril wirken.  Die persönliche Nähe zum Darsteller lässt aber auch den Text viel intensiver wirken.

Keiner würde sein Kind so nennen

Der Name Judas ist heute ein Tabu, “keiner würde sein Kind so nennen“,  er wird im Stück auch nicht ausgesprochen. Ein Name, der für Verrat steht, für fehlende Loyalität, für Käuflichkeit. Der Text stellt einiges klar, zeigt eine andere Sichtweise. Vieles ist bekannt, nachvollziehbar. Und doch    so  eindringlich erlebt man es sonst nicht. So direkt angesprochen. Ein Theatererlebnis, das sich lohnt. Und sei es auch nur, um die Goldschmiedekapelle in ihrer ganzen Pracht als atemberaubende Kulisse intensiv zu erleben.

Mitten im Ballett-Geschehen, ein irres Erlebnis

Für die zweite 3D-Produktion hat sich das Theater etwas Besonderes einfallen lassen: Einen VR-Ballett-Abend unter dem Motto „shifting perspective“. Einzelne Aufnahmen von Tänzern werden zusammengefügt, als Zuschauer findet  man sich mitten im Geschehen. Klingt irre. Das wird auch noch ausprobiert. Was nach so einem VR-Erlebnis trotz allem fehlt: Der Applaus, der den Abschluss signalisiert, die Rückkehr in die „echte“ Realität. Man nimmt die Brille ab und sitzt etwas verwirrt im eigenen Wohnzimmer.

Unglaubliche Geigentradition der Familie Orthofer

Die Augsburger Philharmoniker stellen unterdessen nach und nach weitere Videos auf ihre Facebook-Seite, um dem Motto „Lernen wir uns kennen“ gerecht zu werden. Immer ein interessanter Zeitvertreib, der teils Erstaunliches enthüllt: Etwa, dass es tatsächlich eine hundertjährige  „Familientradition“ bei dem  Geiger Karl Orthofer  gibt, dessen Vater und Großvater bereits Geiger im Augsburger Orchester waren. Oder dass ein ehemaliges Orchestermitglied zum 100. Geburtstag ein Kollegen-Ständchen  bekam – mit Abstand vor dem Balkon natürlich.

Am 2. Mai kommt die dritte Folge von ananas@home als Live-Stream in die Wohnzimmer. Wieder mit einem Quiz, diesmal müssen Sänger (Sally du Randt und Erik Völker), sozusagen als Revanche zur ersten Folge, ihr Wissen zum Schauspiel beweisen. Im zweiten Teil geht es (interaktiv!) um Shakespeares „Sturm“.  Es gibt wieder Lese-Empfehlungen, inklusive einer aktuellen Präsentation von Corona-Texten  („jetzt.zusammen.allein.“) von  Gianna  Formicone. 

Na dann, auf ins virtuelle Theater!