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Dienstag, 02.06.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Bundesliga: Bizarrer Neustart mit einem scheinheiligen Konzept

Warum Bundesligafußball in Zeiten von Corona eine Lachnummer ist

Kommentar von Siegfried Zagler

© DAZ

Ein Virus stirbt mit seinem Wirt, die Gastronomie mit ihren Gästen und die Konjunktur kratzt in der Regel durch den Mangel an Nachfrage ab. Manchmal lassen sich komplizierte Sachverhalte einfach darstellen. Nur die Kirchen kommen in Deutschland ohne Gläubige aus – wie der Fußball ohne Zuschauer.

Kirche ohne Gläubige, Fußball ohne Zuschauer!? Zwei Behauptungen, die niemals wahr sein können, denn ohne Zuhörer gibt es keinen Prediger und beim Fußball sehen zumindest die Mitspieler zu. Doch darum soll es hier nicht gehen. Nur soviel: Das Unlautere von Verschwörungstheorien und falschen Konzepten sind deren Methoden: Sie stellen Behauptungen auf und tragen dazu passende “Fakten” zusammen, während die Wissenschaft nach Fakten sucht, um sie abzugleichen und zu verstehen. Letzteres ist komplex.

Völlig zurecht regen sich Vertreter des Staates und der kommunalen Verwaltungsorgane über Aufmärsche auf, deren Protagonisten sich aus politischen Gründen nicht an die geltenden Hygienevorschriften halten. Hygienevorschriften, die sich über wissenschaftlich zusammengetragene Fakten und gesichertes Wissen begründen lassen. In diesem Zusammenhang wäre ein starker Staat gefordert. Eine Regierung und eine Administration als ein Instrument der Lebensrettung – im Sinne des Grundgesetzes, das im Artikel 2.2 den Schutz auf körperliche Unversehrtheit in die Abwägungsmatrix unserer zivilgesellschaftlichen Werte einführt.

Doch nicht nur die Aufmärsche der Verschwörungstheoretiker in den Zentren der Städte, sondern auch die erneut enthemmten Konsumer, die ohne Masken und Mindestabstände in die Fußgängerzonen strömen, als wäre der Corona-Alptraum vorbei, müssten “staatlich betreut werden”. Sie verschmutzen die Umwelt nämlich nicht nur mit Geschwätz und Konsumgeilheit, sondern sind als mögliche Superspreader tatsächlich eine große Gefahr für Leben, Gastronomie, Konjunktur und – beinahe hätte man es vergessen – für die kommende Eishockeysaison.

Das Gleiche gilt natürlich für die DFL, die Bundesliga, den DFB – und Heiko Herrlich, der sich auf der Video-PK des FCA um Kopf und Kragen redete, als er wie Herthas Kalou die bundesdeutsche Öffentlichkeit an seiner Verantwortungslosigkeit teilhaben ließ.

Vor vielen Jahren stieg nächtens ein betrunkener Mann vor der Lechhauser Polizei von seiner Honda, klingelte und gab dem diensthabenden Beamten seinen Bike-Schlüssel, weil er zu betrunken sei, um weiterzufahren. Ähnlich handelte Herrlich, der – wie der Motorradfahrer – um ein Attest der Unzurechungsfähigkeit zu betteln schien. Doch nicht Herrlich, Kalou und Co. sind die Killer der “Corona-Liga”, es ist das Konzept selbst, das den Bundesligafußball zu einer Lachnummer erniedrigt.

Die Bundesliga hat sich mit einem scheinheiligen Quarantäne-Konzept bei der Politik einen bizarren Neustart erschwindelt. “Erschwindelt” deshalb, weil es unvorstellbar ist, dass sich Fußball-Nerds an die peniblen Hygienevorschriften halten, die immerhin die Grundlage dieser Hygieneliga bilden. Jede Krise hat einen Anfang und ein Ende – und das Ende scheint nicht Sichtweite zu kommen, wenn man die 51 Seiten der DFL-Hygiene-Auflagen liest und sich dabei die Spieler vorstellt, die mit asiatischer Disziplin diese Auflagen leben sollen. So verwandelt sich der Profifußball nicht nur zum Non-Event, sondern konterkariert gesellschaftliche Notwendigkeiten im Zeichen von SARS-CoV-2.

Die Labor-Bundesliga startet noch vor der Teilöffnung der Biergärten, nämlich morgen. Kein gutes Zeichen, aber ein Zeichen dafür, wie weit sich die Fußballbranche von der Wirklichkeit entfernt hat. Bundesliga-Fußball ohne Zuschauer und mit wahnwitzigen Auflagen kann nicht leben, kann nicht sterben, weil es nämlich kein Fußball ist, sondern eine abgekochte GmbH-Erhaltungsmaßnahme.

Der Fußball lebt von seiner Bedeutungsüberhöhung durch die Fans. Lebt durch das Raunen und dem Verhältnis der Zuschauer zu dem Spiel, von der Geschichte und den Geschichten und lebt von der Raumtiefe eines Stadions, das ohne Zuschauer nicht wirklich zu existieren scheint. Die Medienmacher scheinen das zu wissen. Sky spielt bei seinen Übertragungen Fangesänge und Zuschauergeräusche aus der Konserve ein. Auf die Ränge werden Zuschauer gepixelt.

Es bleibt also nur die Hoffnung, dass Ultras und Fans und alle, die Fußball lieben, diesen merkwürdigen Umtrieben mit nachhaltiger Ignoranz den Garaus bereiten.