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Mittwoch, 01.07.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kultur

Die Bombennacht – streng dokumentarisch

Premiere: Hans-Werner Kroesinger inszenierte „Operation Big Week“ in der Brechtbühne

Von Frank Heindl

Es muss eine selten mühselige Herausforderung gewesen sein für das Ensemble, diese unglaublich langen, drögen Texte auswendig zu lernen. Selbst schuld: Die sechs Schauspieler hatten einen großen Teil ihrer Vorlagen selbst recherchiert. Großartig dagegen ist es, wie aus kiloschwerem Papierkram, aus Verwaltungsvorschriften, Sitzungsprotokollen, Bauanleitungen und vielem mehr ein letztendlich fesselndes Stück geworden ist, das in keinem Moment den didaktischen Zeigefinger hebt und doch vieles in neues Licht rückt, was wir aus den Erzählungen von Groß- und Urgroßeltern kennen. Die Rede ist von „Operation Big Week“, einem Stück dokumentarischen Theaters, das am Samstag in der Brechtbühne Premiere hatte.

Deutsche Bürokraten auf dem Marsch in den Weltkrieg (Foto: A.T. Schaefer).

Deutsche Bürokraten auf dem Marsch in den Weltkrieg (Foto: A.T. Schaefer).


Regisseur Hans-Werner Kroesinger, der diese Theaterform hierzulande geradezu erfunden hat und mittlerweile weit über Deutschland hinaus als Experte gilt für die quellennahe Aufarbeitung historisch-gegenwärtiger Stoffe, hatte, seiner gewohnten Arbeitsweise entsprechend, zunächst selbst recherchiert und anschließend seine Schauspieler in die Archive geschickt: Es galt, Dokumente und Erinnerungen auszugraben an die so genannte „Augsburger Bombennacht“. In der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 griffen amerikanische und britische Bomberverbände Augsburg mit dem Ziel an, die Messerschmitt-Werke und damit einen wichtigen Produktionsstandort der deutschen Luftwaffe zu zerstören. Die Augsburger Innenstadt wurde dabei großflächig zerstört, 800 Menschen verloren ihr Leben, 85.000 ihre Wohnungen.

Doch dieses Ereignis steht erst in der Mitte von Kroesingers Inszenierung für die Brechtbühne. Zunächst führen die sechs Schauspieler in wechselnden Rollen in die Vorgeschichte ein: In einer Ansprache an Flugschüler geht es um „Kameradschaft und Pflichterfüllung“, und es klingt – programmatisch auch für Kroesingers Konzept – schon das Thema der Verantwortung an: „Die Maschine ist tot, sie wird erst lebendig durch euch.“ Dass Bürokraten und Technokraten von Anfang an wussten, welche Gefahren drohten, machen weitere Quellen deutlich: Lange vor der Katastrophe begannen die Planungen für die Leichentransporte – in Augsburg hielt man 20 (!) Särge bereit. Verhaltensmaßnahmen im Falle von Luftangriffen wurden in optimistischer Werbesprache unters Volk gebracht: „Ich bin erstaunt über die geordnete Gliederung des Luftschutzes“, flötet Eva Maria Keller selbstsicher dem Publikum ins Ohr. Als man auf Augsburg übungshalber 2000 Papierbomben regnen ließ, scheint auch dies die Bevölkerung nicht stark verunsichert zu haben. Und nebenbei erfährt man, dass die Stadt gut 90.000 Reichsmark ausgegeben hatte, um „Einrichtungsgegenstände aus nicht-arischem Besitz“ zu „erwerben“.

Ein Rumpf, ein Adler, zwei Flügel, viele Blecheimer

Die sechs Beamt/innen (neben Eva Maria Keller noch Eberhard Peiker, Tjark Bernau, Sarah Bonitz, Klaus Müller und Ulrich Rechenbach) auf der Bühne agieren vor einer kargen Bühne: Hölzerne Gerippe eines Flugzeugrumpfes und eines Flügels sowie ein weiterer, aber bespannter Flügel bilden die Hauptrequisiten; eine große Zahl leerer Blecheimer dient zur Illustration verschiedenster Szenarien – von der Wirkkraft einzelner Bomben bis zum Löscheinsatz bei Phosphorbrand; und im Hintergrund, aber unübersehbar, hängt ein Reichsadler an der Wand. Dazu werden Konstruktionsmodelle, Gebäudesilhouetten, Umrisse der Augsburger Brunnen an die Wände projiziert.

Das wirkt zunächst trocken und ist anstrengend – auch fürs Publikum, nicht nur für die Schauspieler. Doch Kroesingers Plan, die Zuschauer trotzdem in den Bann des dargestellten Geschehens zu ziehen und sie gleichzeitig zum Mitdenken zu zwingen – er funktioniert. Zunächst am Wendepunkt des Stücks – als aus der grauen Theorie plötzlich Ernst wird, als die Bombergeschwader sich dröhnend nähern, als die Darsteller plötzlich Eingepferchte sind in Luftschutzkellern, brennenden Gebäuden. Schade, dachte man sich kurz, dass man die Zuschauertribüne nicht zittern lassen kann, um die Einschläge der Bomben zu simulieren. Doch dann fährt die Tontechnik die Lautstärke hoch, das Dröhnen schwillt an, und nun erzittert wahrhaftig der Boden unter den Zuschauern, und man denkt dabei nicht an ein Rockkonzert – Angst und Panik werden fühlbar. „Durch die leeren Fensterhöhlen erblicken wir die brennende Stadt“, erzählt ein Augenzeuge.

Ironie und Sarkasmus sind bei Kroesinger nicht nötig

Ein weiterer Wendepunkt in Kroesingers Inszenierung wird in den Pausen zwischen den Angriffen erreicht – als in weiteren Dokumenten deutlich wird, wie die lang geplanten Maßnahmen der Bürokraten funktioniert haben: nämlich überhaupt nicht. Die gerühmten Feuerlöschspritzen sind eingefroren; die Menschen sind bei Beginn der zweiten Angriffswelle noch auf den Straßen, weil ein großer Teil der Sirenen nicht mehr funktioniert; zurückkehrende deutsche Jagdbomber können den Flugplatz auf dem Lechfeld nicht anfliegen, weil die dortige Besatzung aus Angst vor Angriffen die Beleuchtung nicht einschaltet; die zur medizinischen Hilfe und Trümmerbeseitigung angeforderten „Parteigenossen“ und Behörden lassen sich tagelang nicht blicken; und natürlich kann die Verwaltung den Ausgebombten weder Quartier noch Kochtöpfe bieten, von Nahrungsmitteln ganz zu schweigen.

Die entsprechenden Dokumente nun verkünden die Schauspieler weder höhnisch noch zynisch, kein ironisches Lächeln, kein sarkastischer Unterton trübt die weiterhin dokumentarisch-nüchterne Darstellung – weil das nicht nötig ist, weil das mit Fakten gefütterte Publikum solche Schlüsse selbst ziehen kann. Auch andere Aspekte kommen nicht zu kurz: Die wütenden Reaktionen der Propagandapresse werden ebenso zitiert wie die Zahlen der „Feinde“: Beispielsweise dass nur jeder zehnte der britischen Bomberpiloten die Pflichtzahl von 30 Einsätzen überlebt hat. Und dass Heinrich Himmler die Zerstörung der deutschen Städte als Chance sehen wollte, endlich die „Bausünden des 19. Jahrhunderts“ ausbügeln zu können.

Starkes Ende mit Nachkriegsphrasen und Syrien-Epilog

Deutsche Konstrukteure blicken optimistisch in die Zukunft (und können später nichts dafür): Von links Tjark Bernau, Klaus Müller, Eberhard Peiker, Sarah Bonitz, Ulrich Rechenbach, Eva Maria Keller (Foto: A.T. Schaefer).

Deutsche Konstrukteure blicken optimistisch in die Zukunft (und können später nichts dafür): Von links Tjark Bernau, Klaus Müller, Eberhard Peiker, Sarah Bonitz, Ulrich Rechenbach, Eva Maria Keller (Foto: A.T. Schaefer).


Stark endet das Stück auch mit einem Schwenk in die Nachkriegsgeschichte: Die Planung einer Gedenkfeier im Jahr 1948 wird erneut zu einem Spielfeld für die Bürokraten, die Musik soll nicht vom in Ungnade gefallenen Komponisten Hans Pfitzner sein, sondern vom ungefährlichen Mozart, ansonsten übt man sich in Phrasen von „der Gewaltpolitik“ und „dem Krieg“, welche „Wunden geschlagen haben.“ Und dann darf auch schon der Firmenpatriarch Messerschmitt dem „Spiegel“ ein Interview geben, Kriegsanekdoten erzählen und nach Staatssubventionen für die darniederliegende Flugindustrie rufen. Beim Reichsadler im Hintergrund hat man schnell den Siegeskranz verhüllt. Und nur einem Beamten rutscht versehentlich ein zufriedenes „Heil!“ heraus. An dieser Stelle darf man an Peter Weiss, einen frühen Pionier des dokumentarischen Theaters denken: Sein Stück „Die Ermittlung“ wurde im Augsburger Justizgebäude aufgeführt und hat deutsche „Verantwortung“ und die juristische „Bewältigung“ des Holocaust zum Thema.

Als Epilog folgt Kroesingers Augsburg-Dokumentation ein weiterer Bericht von Menschen, die vor Bomben fliehen, ihre Häuser, ihre Heimat, ihr Leben verlieren – erst spät realisiert man, dass es nicht mehr 1944 ist, sondern 2014; wir sind in Syrien und die Welt hat nicht viel dazugelernt seit damals. Hans-Werner Kroesingers „Operation Big Week“ möchte man in Augsburg eine ähnliche Wirkung wünschen wie Peter Weiss: Dessen „Ermittlung“ unter der Regie von Heike Frank war 2011 und 2012 Abend für Abend ausverkauft.

Zwei angespannte Stunden ohne Pause, langer Applaus für ein Ensemble, das diesmal vor allem durch seine bewundernswerte Disziplin auffiel, Bravos für den Regisseur, dessen strenge Form für Aha-Erlebnisse sorgte.

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