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Mittwoch, 15.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival: Die Frage von Verantwortung und Moral im Sensemble Theater

„Böser Bruder“ – Sebastian Seidels Auftragswerk für das Festival feierte Premiere

Von Halrun Reinholz

Ihre Konflikte sind auch nach 20 Jahren nicht verjährt: Franz (Ralph Jung, links) und Karl (Florian Fisch, rechts) in Sebastian Seidels neuem Stück.

Ihre Konflikte sind auch nach 20 Jahren nicht verjährt: Franz (Ralph Jung, links) und Karl (Florian Fisch, rechts) in Sebastian Seidels neuem Stück.


Es geht um zwei Brüder mit unterschiedlichen Lebensauffassungen und es geht – wie könnte es im Kontext des Brechtfestivals anders sein? – um die Fragen, wie man ein guter Mensch sein kann und ob es möglich ist, ein moralisches Leben zu führen.  Sebastian Seidels Auftragswerk für das Brechtfestival hat natürlich mit diesen Brechtschen Gedankenspielen zu tun. Aber er greift zunächst in die Mythologie und lässt als Grundthema ein Märchen anklingen – vom bösen Bruder, der die Gutmütigkeit seines großherzigen und vertrauensseligen Bruders ausnützt und ihn dann skrupellos und mit ausgestochenen Augen seinem Schicksal überlässt. Das Märchen hat der Vater den beiden Brüdern Karl und Franz erzählt, es wird wie ein Leitmotiv als „Videobotschaft“ des Vaters (gesprochen von Heinz Schulan) im Verlauf des Stückes immer weiter erzählt, bis hin zu einem dann doch überraschenden (märchenhaften) Schluss.

Wo bleibt die Moral? Konflikte zwischen Räubern und Pfadfindern

Die Brüder heißen nicht zufällig Karl und Franz und die Frau zwischen ihnen Amalia. Der Rückgriff auf Schillers Räuber bietet sich an, denn auch hier geht es darum, wer der „bessere“ Bruder ist. Brecht liefert mit seinem „Guten Mensch von Sezuan“ oder auch mit „Der Jasager/Neinsager“ die weitere moralische Überlegung, die den eigentlichen Konflikt des Stückes darstellt: Ist Franz, der sich in der UNO für Ernährungsprojekte in der Dritten Welt engagiert, der bessere Mensch oder Karl, der die Eltern unterstützt und den Laden des Vaters weitergeführt hat, ohne nach seinen persönlichen Bedürfnissen zu fragen? Die Brüder müssen sich nach vielen Jahren der Trennung treffen, denn der Vater lebt nur noch durch eine Magensonde und hat verfügt, dass die Entscheidung über sein Weiterleben unter solchen Umständen von den Brüdern einvernehmlich zu treffen ist. In den Rückblenden, die sich im Gespräch der beiden immer wieder ergeben, wird deutlich, dass genau dieses Einvernehmen zwischen den beiden ungleichen Brüdern nie vorhanden war und dass die Konflikte auch nach mehr als zwanzig Jahren nicht ausgeräumt, vielmehr  verschärft sind. Denn Karl wirft Franz vor, die Familie im Stich gelassen zu haben und Franz verachtet den angepassten Bruder im heimischen Mief, der keinen Blick für die wirklichen Probleme (Hunger in der Dritten Welt) hat – die er selbst wiederum als UNO-Aktivist bekämpft. Das Bindeglied zwischen den beiden Brüdern war in der Jugend außer dem Elternhaus auch das Gemeinschaftserlebnis bei den Pfadfindern (die im Stück ohne besonderen Grund mit den DDR-Pionieren „zusammenfließen“). Von der „Einer für alle – alle für einen“- Rhetorik der früheren Kameraden ist Karl nach wie vor überzeugt, während Franz sie auf eine globale Ebene gehoben hat und nicht mit bestimmten Personen assoziiert. Auch fand er seinerzeit nichts dabei, die schwangere Amalia in den Armen seines Bruders zurückzulassen, der die ganze Zeit über dachte, sein eigenes Kind heranzuziehen. Karl wiederum fand auch nichts dabei, Briefe des Bruders an den Vater zu unterschlagen und die wundersamen Überweisungen von einem Schweizer Konto nahm er jahrelang an, ohne sie zu hinterfragen. Auf wessen Seite ist da die Moral?

Zu viel Worte für echte Empörung

Die Handlung wird nicht linear erzählt, die beiden Darsteller Ralph Jung und Florian Fisch schlüpfen immer wieder in ihre „Jugend-Rollen“ und stellen Schlüsselszenen aus der Vergangenheit dar, dazwischen immer wieder die Videobotschaft des Vaters. Diese Dynamik tut dem Verlauf gut, der sich manchmal wortreich und etwas zäh um sich selbst dreht. Auch die Lieder, die  Seidel in gut gemeinter Brechtscher Manier einbaut, um den inneren Konflikt zu veranschaulichen, bringen  kaum Schwung in die Handlung – allzu oft, zu ausführlich und zu plakativ trällert Rainer von Vielen sein „Empört euch!“ oder ertönt die Pfadfinderhymne „Allzeit bereit“. Die Redebeiträge des UNO-Aktivisten Franz, mit denen er der  Welt (und damit auch dem Publikum im Saal) einen Spiegel vorhält, um sie zum Nachdenken über ihre Lebensweise zu bringen, sind, als aufklärerischer Teil des Stückes, auch immer wieder eingestreut. Gut gemeint, aber nervig, weil viel zu ausführlich und detailverliebt.

Von guten Menschen und bösen Leuten

So bleibt letztlich der Eindruck, dass die gut angelegten Konfliktstränge der Realität des Theaters nicht standhalten. Routinierte Schauspieler und eine in vielen Dingen einfallsreiche Regie (von Sebastian Seidel selbst – nett auch das Bühnenbild mit den durchsichtig-farbigen Dosen), können letztlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der echte Konflikt zu wenig kantig ist. Erich Kästner, nur ein Jahr jünger als Bertolt Brecht und in vielem ähnlich spitzzüngig, hat das Bonmot geprägt: „Die Menschen sind gut, nur die Leute sind schlecht.“ Genau um diesen Unterschied geht es in dem Stück, doch er kommt zu wenig zur Geltung. Wie das Märchen vom Bösen Bruder endet das Stück mit der Hoffnung auf ein Wunder: Die drei Raben, die dem blinden Bruder im Märchen den Ausweg weisen, könnten wunderbarerweise doch auch die Konflikte der Erde lösen. Ist es wirklich damit getan, seinen Müll zu trennen und nachhaltig einzukaufen?  Das Wunder zu schaffen, alle Menschen auf diese politisch korrekte Seite zu ziehen? Selbstverständlich hütet sich Sebastian Seidel vor solchen Patentrezepten und lässt die Fragen offen. Doch als Fazit des Stückes fehlt zu sehr die Erkenntnis, dass das globale Gutmenschentum weder zu Brechts Zeiten noch heute bessere Menschen hervorgebracht hat.