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Donnerstag, 05.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Jung gebliebene Rebellin

Patti Smiths Konzert war die Krönung des Brechtfestivals

Von Frank Heindl

Natürlich ist nicht jeder Rockfan. Aber wer ein Faible für diese Musik hat, wer ein wenig Ahnung davon hat, welche Ikone am Sonntag mit Patti Smith in Augsburg zu Gast war, und wer ihr an diesem Abend zugehört hat, für den besteht nach ihrem Konzert kein Zweifel mehr: Dies war nicht ein, sondern das Highlight des Brechtfestivals 2014.

Patti Smith (Foto: Steven Sebring)

Patti Smith (Foto: Steven Sebring)


Mit Greatful (aus der CD „Gung Ho“) eröffnete die mittlerweile 67jährige Sängerin ihr Konzert – und schon gab es kein Halten mehr. Das Publikum lag ihr zu Füßen, des Jubels war kein Ende – und das lag nicht nur an der Musik. Patti Smith hat sich trotz ihres Alters eine Jugendlichkeit, Frische, Natürlichkeit bewahrt, über die nur wenige Stars des Popgewerbes verfügen.

Im Alter von 18 Jahren kam das Mädchen aus Illinois 1967 in die Metropole New York City, wo sie den Maler Robert Mapplethorpe kennenlernte (er wurde als Fotograf berühmt) und erst acht Jahre später, 1976, ihre erste LP „Horses“ veröffentlichte, mit der sie ihren Ruf als „Mutter des Punk“ begründete. Stets war die Künstlerin bekannt dafür, dass sie ihre eigenen Ziele verfolgte, ihre eigenen Wege einschlug und sich nicht verbiegen ließ. Das scheint bis heute so geblieben zu sein: Patti Smith beschäftigt keinen Manager, unterbrach ihre Karriere rigoros, als sie Kinder hatte. Und auf Tournee geht sie, weil sie Lust darauf hat und nicht, weil die Plattenfirma das so möchte.

Seit Jahren besucht die Künstlerin Bertolt Brechts Grab in Berlin, wenn sie dort gastiert. Sie spiele dem Dichter dann was auf der Klarinette vor, erzählte sie beim Konzert, oder sie trinke einen Tequila auf sein Wohl. Und so freue sie sich, nun auch mal in der Heimatstadt von „Börtolt Breck“ zu sein. Anschließend liest sie einen Text aus der „Mother Courage“, bevor sie zu „Ridondo Beach“ übergeht, einem Stück aus „Horses“ im Reggea-Rhythmus. Das ist noch die fröhliche, die gelöste Seite von Patti Smiths Musik. Doch es geht weiter mit „birdland“: Im Zentrum dieses Stücks steht ein langes, verstörendes Gedicht, das sie vom Blatt abliest, während der aus zwei Grundakkorden bestehende Song sich in expressive Wort- und Gesangskaskaden steigert, während ihr die langen grauen Haare ins Gesicht fallen, ohne weggewischt zu werden. Und nun erscheint Patti Smith so ernst und gleichzeitig jung und unverbraucht, wie sie auf dem Cover von „Horses“ und also vor 38 Jahren ausgesehen hat – ohnehin ist sie genau so gekleidet wie auf dem berühmten Foto von Mapplethorp: überm weißen Hemd eine schwarze Weste, darüber ein schwarzes Jackett, dazu Jeans und Stiefel.



Fröhlich winkend wie ein kleines Mädchen


Dann kommt ein Gitarrensolo (ihr Sohn Jackson gehört neben Sebastian Rochford an den Drums und Tony Shanahan am Bass zu ihrer derzeitigen Band), und da sie nicht singt, wagt man es, kurz den Blick abzuwenden und sich ein paar Notizen zu machen. Als man sie wieder auf der Bühne sucht, steht sie ganz außen und winkt wie ein kleines Mädchen fröhlich ins Publikum, als ob sie dort gute Freunde erkannt hätte. Diese Frau kann unmöglich 67 Jahre alt sein: Sie ist immer noch 18, winkt der Welt zu, die zu entdecken sie aufgebrochen ist, freut sich über die Menschen, denen sie begegnet, die ihr Inspiration liefern und denen sie dankbar ist dafür.

Patti Smiths Dankbarkeit gegenüber ihren Wegbegleitern geht über deren Tod hinaus – einer ihrer ergreifenden Texte widmet sich dem Tod von Lou Reed im vergangenen Jahr, von dem sie bei einem Sonntagsaufflug ans Meer erfuhr, danach singt sie sein „Perfect Day“ von 1972. Auch dem in der vorigen Woche gestorbenen Schauspieler Philip Seymour Hoffman widmet sie einen Song, bevor sie erneut zu Brecht zurückkehrt: „My native city, however shall I find her“, beginnt das Gedicht. Auf Deutsch handelt es sich um Brechts „Rückkehr: Die Vaterstadt, wie find ich sie doch? / Folgend den Bomberschwärmen / Komm ich nach Haus.“

Ein Wechselbad der Gefühle

William S. Burroughs mit der Musikerin und Rock-Ikone Patti Smith, die ihn zeitlebens verehrte – in einer Aufnahme von Allen Ginsberg.

William S. Burroughs mit der Musikerin und Rock-Ikone Patti Smith, die ihn zeitlebens verehrte – in einer Aufnahme von Allen Ginsberg.


Und nun wird das Konzert ein weiteres Wechselbad der Gefühle: Auf den besinnlichen Brecht-Text folgt das aggressive „Pissing in a river“, dann wieder „Beautiful Boy“, ein Schlaflied, das John Lennon für seinen Sohn Sean geschrieben hat – und endlich der einzige große Hit der Sängerin: „Because the night“ zum Jubeln, Mitsingen, Tanzen. Patti winkt das Publikum nach vorne, vor dem Parkett, aber auch in den Sitzreihen wird getanzt, wird mitgesungen, und dann folgt, endlich, „Gloria“, jene Hymne, die für eine ganze Generation von Kids wie Patti den Abschied von zuhause, die Absage an die Gesellschaft, die Rebellion gegen Regeln und Vorschriften bedeutet hat: „Jesus died for somebody’s sins but not mine“, beginnt provozierend der Text: Jesus ist für die Sünden von irgendjemandem gestorben, aber nicht für meine! – das war 1972 die Absage nicht nur an den auf Schuldgefühlen basierenden Gehorsamkeitsanspruch der Kirche, sondern auch an die „rules and regulations“, die nicht nur im ländlichen Illinois, sondern auch in New York das Lebens- und Freiheitsgefühl  einschnürten.

Ungelöst ließ der Konzertabend die Frage, wie Patti Smith es geschafft hat, Rebellin zu sein und zu bleiben – und trotzdem inneren Frieden und Glückseligkeit auszustrahlen – mancher Zuhörer hatte zwischendurch Tränen in den Augen ob dieser ungekünstelt ehrlichen Performance. Das Rätsel, warum die Stimme der 67jährigen sich noch immer genauso anhört wie auf der Platte von 1976, konnte dagegen gelöst werden: Sie habe eben nicht viel geraucht und nicht übermäßig viel Alkohol getrunken, behauptet Patti später in der Garderobe (man kann das glauben oder Biographien lesen – ihre eigene und die ihrer Weggefährten). Augsburg jedenfalls fand sie „wunderbar“ – Girisha Fernando, musikalischer Kurator des Brechtfestivals, hatte sie durch die Stadt und ins Brechthaus  geführt, sie war „beeindruckt von der Geschichte dieser Stadt.“ So sehr übrigens, dass Patti Smith „absolut gute Chancen“ sieht, wiederzukommen. Wir würden ihr erneut zu Füßen liegen, versprochen!

Patti Smiths Text zum Tod von Lou Reed ist am 11. November 2013 im Magazin „New Yorker“ erschienen. Hier kann man ihn nachlesen:

http://www.newyorker.com/talk/2013/11/11/131111ta_talk_smith.

Und wer immer schon wissen wollte, was Patti Smith in „Birdland“ singt, kann zum Beispiel hier schauen:

http://www.azlyrics.com/lyrics/pattismith/birdland259979.html.