DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Donnerstag, 04.06.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Episches Theater in epischer Breite

Der Beitrag des Theaters Augsburg zum Brechtfestival: schon vor der Pause zu lang

Von Frank Heindl

Es tut richtig weh! So viel gutes Theater war zu sehen im Rahmen dieses Brechtfestivals. Angriffslustiges aus Ungarn, formal Verblüffendes aus Italien, berauschend Intellektuelles schon am Eröffnungsabend. Und nun das: Die Eigenproduktion des Stadttheaters, unter der Regie einer intelligenten, gebildeten, mit ersten Meriten belohnten griechischen Regisseurin – sie ist gescheitert.

Die Maske des bösen Menschen über der Maske des guten: Lea Sophie Salfeld als Shin Te als Shui Ta (Foto: Nik Schölzel).

Katerina Evangelatos hat Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ erst im vergangenen Jahr in Athen inszeniert. Intendantin Juliane Vottelers Idee: Wo Staaten ins Wanken geraten, wo ökonomische und/oder politische Krisen das Gemeinwesen erschüttern, dort wird Brecht (wieder) entdeckt und (wieder) relevant, dort wird er gespielt. Hinter dieser Theorie mag die Hoffnung gesteckt haben, dass er dort auch neu erfunden werde.

In Athen wurde Evangelatos für ihre Inszenierung vom Publikum mit 35 Aufführungen vor ausverkauftem Haus belohnt – in Augsburg dürfte das eher nicht zu erwarten sein. Die Regisseurin hat seit ihrer ersten Inszenierung, eigenem Bekunden zufolge, viel über Brecht dazugelernt. Man darf vermuten: vor allem über Brechts Theater- und Dramentheorien und die Theorie des epischen Theaters. Allerdings ist die Geschichte der Aufführungspraxis von Brechts Stücken auch eine Geschichte der zunehmenden Entfernung von seiner Aufführungstheorie. Kaum noch werden heute Brechts Spielanweisungen auf der Bühne eins zu eins umgesetzt. Doch gerade die Umsetzung „epischer“ Verfremdungseffekte scheint Evangelatos in Augsburg sehr am Herzen gelegen zu haben.

Mit tausend Dollar die Welt retten? – Von wegen!

Von vorne: Die Götter kommen auf die Erde, um mindestens einen guten Menschen zu finden. Sie finden die Prostituierte Shen Te, die ihnen Unterkunft gewährt. Zur Belohnung und damit sie fürderhin problemlos „gut“ sein kann, bekommt diese 1000 Silberdollar – eine Summe, die sich hoch anhört, mit der man aber selbstverständlich nicht die Welt retten kann. Shen Te erwirbt einen Tabakladen, der schon bald überquillt von quartiersuchenden Armen, Schmarotzern und Faulpelzen. „Engel der Vorstädte“ wird Shen Te bald genannt, doch das Geld ist schnell aufgebraucht. Und weil man als Engel nicht leben kann, legt sich Shen Te eine Doppelexistenz zu: Wenn zu viele Bettler auftauchen, wenn der Geliebte eigentlich nur ihr Geld will, wenn der Schreiner Bezahlung fordert – dann verwandelt sie sich in Shui Ta, einen erfundenen Vetter, der mit männlicher Durchsetzungskraft und dem Mut zur Bosheit Ordnung schafft.

Katerina Evangelatos verbraucht ihren Esprit nun aber leider an den falschen Stellen. Das Personal zeichnet sie anfangs als schrille, laute und bunte Slumbewohner, geradezu einer Farce entsprungen. Dafür zeichnet sie dort, wo es drauf angekommen wäre, weich. Aber es sind doch nicht die Armen, die mit aufdringlichen Forderungen nach Reis und Wohnung Shen Te das „Gut sein“ unmöglich machen, sondern die Bürger: Der Schreiner beharrt unerbittlich auf seinem Vorteil, die Hausbesitzerin will die Pacht für ein halbes Jahr im Voraus, der aufstrebende Flieger verführt Shen Te um ihres Geldes willen – das sind die kapitalistische Egoismen, die das Böse in der Welt halten. Die Auseinandersetzung mit diesen Mächten aber wird in Evangelatos‘ Inszenierung nicht mit verzweifelter Härte, sondern mit weinerlicher Resignation geführt – auch diese Bürger zeigt sie nur als Witzfiguren.

Zigmal „Pause“ ohne Pause

Dafür legt die Regisseurin entschiedenen Wert darauf, dass Brechtsche Verfremdungseffekte im Detail ausgespielt werden. Warum lässt sie Brechts Regieanweisungen permanent mitsprechen? Es mag einmal witzig sein, wenn die Szenenanweisung eine Pause vorsieht, wenn der Schauspieler diese Pause auch ankündigt, dann aber unmittelbar weiterspricht. Aber zehnmal, zwanzigmal und noch viel öfter, das ganze lange Stück hindurch? Wozu? Das wurde nicht klar und bremste das Stück permanent aus – so sehr, dass es schon vor der Pause zu lang schien.

Und dem konnte dann manches gelungene Detail nicht mehr abhelfen. Manchmal nämlich funktionierte der „Verfremdungseffekt“ überraschend gut – etwa wenn Shen Te (Lea Sophie Salfeld) vor den Vorhang tritt und um Verständnis bittet dafür, dass man nicht nur zu anderen, sondern auch zu sich selbst gut sein müsse. „Oder?“ – Das Publikum geht mit und antwortet und hat also Brechts Lehre begriffen. Und wenn der Sprecher berichtet, die Götter gingen allesamt barfuß – aber wir sehen sie doch alle in Schuhen daherkommen – schön, dass uns da sogar Misstrauen gegen Brechts Anweisungen eingeimpft wird! Während manche, wie die Witwe Shin (Ute Fiedler), es mit viel Frechheit sogar zu Pumps bringen, auch wenn sich’s in denen noch nicht ganz sicher schreitet – das ist gut gesehen und in Szene gesetzt.

Macht das denn Sinn?

Aber anderes ist viel zu langatmig. Es wären ein paar – vielleicht nicht mal große – Kürzungen nötig gewesen (man hätte nicht jeden Traum des Wasserverkäufers Wang miterleben müssen), sondern einfach eine straffere Organisation des Stücks. Macht das denn Sinn, dass Shen Te von der Freude über ihre Schwangerschaft umständlich in der dritten Person erzählt? Wir erleben im Stück permanent mit, wie Personen sich durch schnellen Kleider- oder Maskenwechsel in andere Personen verwandeln. Selbst wenn wir nicht Theaterbesucher des 21. Jahrhundert wären, wäre uns sehr bald und intensiv bewusst, dass wir es mit Schauspielern zu tun haben. Wofür also soll diese Distanzierung von Shen Tes Gefühlen nütze sein? Als Shen Te sich am Ende zaghaft und Schritt für Schritt ihren Richtern, den verkleideten Göttern nähert, da hätte man ihr zurufen mögen: Nun geh halt hin, damit das Ganze ein Ende hat. Das tat weh – und war schade für ein eigentlich spielfreudiges Ensemble, das mit starren Gesten und eckiger Sprache – vor allem aber mit episch ausgelebter Theorie gebremst wurde.