Interview
Forum St. Johannes: „Politik beginnt mit der Betrachtung der Realität“
Seit 1. Juli befindet sich das Forum St. Johannes in der Donauwörther Straße. Besorgte Eltern von Kindern der knapp 500 Meter entfernten Löweneck-Schule haben sich Mitte September mit einem Schreiben an die Stadt gewandt. Die DAZ hat deshalb beim Augsburger Ordnungsreferenten Frank Pintsch nachgefragt.
Ein Interview von Bruno Stubenrauch

Innenaufnahme des Forums St. Johannes (Bilder: DAZ)
In ihrem Schreiben schilderten die Eltern eine aus ihrer Sicht problematische Situation im Umfeld der Schule und berichteten von aufgefundenen gebrauchten Spritzen. Sie forderten unter anderem einen größeren Abstand zwischen der Drogeneinrichtung und der Schule sowie zusätzliche Maßnahmen für mehr Sicherheit und Sauberkeit. Frank Pintsch beantwortete das Schreiben innerhalb weniger Stunden.
Pintsch leitet das Referat 7 für Ordnung, Bevölkerungsschutz sowie Umwelt und Natur. Zu seinen Aufgaben gehören unter anderem die öffentliche Sicherheit und Ordnung sowie die Koordination bei entsprechenden Problemlagen. Seit dem 1. Juli sei kein Tag vergangen, an dem er sich nicht mit dem Forum St. Johannes beschäftigen musste, so Pintsch.
Das Forum St. Johannes in der Donauwörther Straße 3 ist eine Anlaufstelle und Tagesstätte für Menschen mit Suchterkrankungen. Die am 1. Juli 2026 eröffnete Einrichtung befindet sich in der ehemaligen Kirche St. Johannes und ersetzt den zu klein gewordenen „beTreff“ am Helmut-Haller-Platz. Sie bietet unter anderem medizinische und sozialpsychiatrische Versorgung, Substitution, Sucht- und Sozialberatung sowie Möglichkeiten für Tagesaufenthalt, Verpflegung und Körperpflege.
Ziel der Einrichtung ist es, suchtkranken Menschen Hilfsangebote zu machen und gleichzeitig den öffentlichen Raum sowie die Anwohner in Oberhausen zu entlasten. Dazu gehört ein vom Stadtrat beschlossenes Sicherheits- und Sauberkeitskonzept mit unter anderem verstärkten Kontrollen, zusätzlichen Reinigungsmaßnahmen, Streetwork und einer städtischen Hausleitung vor Ort.

Der Friedensplatz
Frank Pintsch schlug vor, die Fragen der DAZ im Rahmen eines Interviews vor Ort zu beantworten. So konnte sich die DAZ zugleich selbst ein Bild von der Einrichtung und ihrem Umfeld machen.
Wir trafen uns bei sonnigem Wetter an einem Mittwoch um 14 Uhr am Friedensplatz. Der Platz war sauber und fast menschenleer, Klienten der Einrichtung waren dort nicht anwesend. Im etwa dreißig Meter entfernten Eingangsbereich an der Donauwörther Straße standen auf dem breiten Gehweg fünf oder sechs Klienten, wie die Besucher der Einrichtung bezeichnet werden. Die Situation wirkte nicht bedrohlich, die Präsenz der Menschen im öffentlichen Raum war jedoch sichtbar.
Im Inneren befindet sich ein zweigeschossiger, lichtdurchfluteter Eingangs- und Aufenthaltsbereich mit einer langen Theke. Zwei gut besetzte, abgeschlossene Außenbereiche mit Tischen und Stühlen gehören ebenfalls zur Einrichtung. Insgesamt dürften sich zu diesem Zeitpunkt etwa 30 Personen dort aufgehalten haben. Im ersten Stock befinden sich die Leitung der Einrichtung, die ärztliche Substitutionspraxis, die vom Oberhauser Bahnhof mit umgezogen ist, sowie ein großer Besprechungsraum, in dem das Gespräch stattfand.

Ordnungsreferent Frank Pintsch
DAZ: Herr Pintsch, sind der Stadt die von den Eltern in ihrem Schreiben geschilderten Spritzenfunde im Umfeld der Löweneck-Schule bekannt?
Frank Pintsch: Das Wertachufer von der Ackermannbrücke bis zur Dieselbrücke ist seit Jahren sowohl dem Stadtreinigungsbetrieb als auch dem Grünamt und Ordnungsdienst als Bereich, der immer wieder von Verschmutzungen betroffen ist, bekannt. Schon zu Beginn meiner Amtszeit im Jahr 2020 war das Thema der Lokalbahnbrücke präsent und wir konnten es Stück für Stück verbessern. Der Paul-Ben-Haim-Weg ist dabei ganz besonders im Fokus, um die Grünanlage gut zu erhalten. Mich erreichen seit längerem von dort immer wieder Nachrichten von Bürgern, dass sie sich eine Verbesserung der Sauberkeit wünschen, auch aus dem Bereich der Schulfamilie.
Es ist mir und der Stadt ein großes Anliegen, diesen Zustand, der seit mehreren Jahren so ist, jetzt sukzessive in den Griff zu bekommen. Die Probleme der Sauberkeit und die Verschmutzung durch Sperrmüll, Spritzenfunde und Abfall ist keine neue Situation, aber ein Umstand, der definitiv verbessert werden muss. Das ist auch der Grund, warum jetzt im Rahmen des Gesamtkonzepts für Sicherheit und Sauberkeit in Oberhausen die Abwurfbehälter – übrigens etwas, was im Zuge der Diskussion um St. Johannes von der Bevölkerung gefordert wurde – aufgestellt worden sind.
Das zieht keine Menschen an, sondern hilft, die Verunreinigungen zurückzudrängen. Sie lösen das Problem nicht allein, sind aber ein Bestandteil der Lösung. Der städtische Reinigungsbetrieb ist in einem festen, verstärkten Reinigungsintervall vor Ort, zudem gibt es jetzt aus dem Forum St. Johannes heraus Reinigungsteams, die schnell auf Beschwerden reagieren können. Die Hausleitung des Forums ist als Kümmerer und Ansprechpartner, auch für Schulen, vor Ort. Wir erfahren durch Hinweise schnell von Beobachtungen und Funden – und sind jetzt mit der Umsetzung des Sauberkeitskonzepts zum Forum St. Johannes erstmals in der Lage, schnell zu reagieren.
Das gilt auch für den von Ihnen angefragten Bereich an der Wertach. Wir reagieren dann sehr schnell mit einer Reinigung und erhöhen die Präsenz des Ordnungsdienstes. Das zeigt auch schon erste Wirkung. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich jahrzehntelange Herausforderungen nicht von heute auf morgen lösen lassen – aber jetzt arbeiten wir mit mehreren Maßnahmen parallel und mit Nachdruck.
DAZ: Sie sagen, die Probleme im Umfeld seien nicht neu. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den Eindruck, dass die Ansiedlung des Forums St. Johannes den Stadtteil Oberhausen zusätzlich mit den Folgen der Drogenszene belastet?
Frank Pintsch: Einen zahlenmäßigen Anstieg der Beschwerden nehme ich seit dem 01.07.2026 nicht wahr. Es gibt weiterhin Schreiben und Beschwerden aus Oberhausen und anderen Stadtteilen. Es ist auf jeden Fall ein Effekt des Sauberkeitskonzepts, dass wir mit den Anwohnenden und insbesondere auch den Engagierten der Oberhauser Vereine in sehr engem, oft auch täglichem Kontakt stehen und von dort Hinweise und Beschwerden bekommen. Das gilt für die Hausleitung von St. Johannes, den Ordnungsdienst, die Sozialarbeiter vor Ort und auch mich.
Es war auch ein Ziel des Konzepts, ein Bewusstsein für die Themen vor Ort zu schaffen. Da hat sich inzwischen auch ein Prozess entwickelt, der das Reagieren auf Situationen innerhalb von kurzer Zeit ermöglicht. Schrottfahrzeuge wurden umgehend entfernt, Sperrmüll weggebracht. Beide Themen haben mit St. Johannes erstmal gar nichts zu tun, helfen aber in der schnellen Umsetzung dem Stadtteil.
Es ist schon so, dass man die Situation nicht beschönigen soll. Politik beginnt mit der Betrachtung der Realität. Und das Problem der Sauberkeit und auch des Suchtverhaltens sind Themen, die vor Ort seit Jahren vorhanden sind. Das ist nach meinem Eindruck auch Konsens. Es wird noch ein längerer Weg sein, diese Themen voranzubringen. Aber wir sind jetzt auf dem Weg und ich darf sagen, dass es auch viele sehr gute Kräfte, insbesondere auch Bürgerinnen und Bürger vor Ort und städtische Kolleginnen und Kollegen sind, die an einer wirklichen Verbesserung arbeiten. Das hat meine volle Unterstützung. Der Weg wird aber nicht leicht und braucht Durchhaltevermögen.
DAZ: Die Eltern haben sich mit ihrem Schreiben sehr konkret an die Stadt gewandt. Was haben Sie nach Eingang des Briefes konkret veranlasst?
Frank Pintsch: Jede Beschwerde und jede Rückmeldung wird ernstgenommen und geprüft. Mir ist wichtig, dass Bürgerinnen und Bürger, die sich mit einem Anliegen an mich wenden, schnelle eine erste Rückmeldung erhalten. In der Folge wurde die Hausleitung des Forums St. Johannes informiert, da hier die Fäden zusammenlaufen und es wichtig ist, dass dort ein Gesamtüberblick vorhanden ist. Über die Hausleitung werden dann sie Sicherheitsbehörden und das sozialpädagogische Personal eingebunden. Einerseits um an den konkreten Stellen verstärkt präsent zu sein, andererseits um die Klientinnen und Klienten zu sensibilisieren. Manchmal muss einfach auch klar kommuniziert werden, dass Fehlverhalten nicht nur das Ansehen des Forum St. Johannes beeinträchtigt, sondern die Arbeit aller Beteiligten erschwert und mittel- bis langfristig auch die notwendige öffentliche Akzeptanz des Hilfe- und Aufenthaltsangebots gefährdet. So ehrlich muss man einfach sein. Es liegt daher im gemeinsamen Interesse aller Beteiligten, hier konsequent gegenzusteuern und den Klientinnen und Klienten die Grenzen des Akzeptablen klar zu vermitteln.
In der konkret angesprochenen Beschwerde waren viele der geforderten Punkte werden bereits in der Umsetzung, so z.B. die tägliche Reinigung oder die Bestreifung des Umfelds. Andere Punkte wie die Entfernung der Suchtszene aus einem bestimmten Bereich lassen sich nicht „einfach so“ umsetzen. Die Herausforderungen im Zusammenhang mit Suchterkrankungen und die daraus resultierenden Belastungen des öffentlichen Raums bestehen in Augsburg und auch Oberhausen seit vielen Jahren. Suchterkrankungen sind ein gesamtgesellschaftliches Thema und finden nicht außerhalb, sondern mitten in unserer Gesellschaft statt. Mit dem Forum St. Johannes wurde deshalb ein Ansatz gewählt, der Hilfe, Betreuung und eine bessere Steuerung der Situation vor Ort miteinander verbindet. Gleichzeitig wäre es nicht realistisch zu erwarten, dass alle Herausforderungen innerhalb weniger Monate vollständig gelöst werden können. Das Forum befindet sich in einer dreijährigen Evaluationsphase. Wir werden die Entwicklung aufmerksam begleiten und dort nachsteuern, wo Verbesserungsbedarf erkennbar ist. Unser Ziel bleibt, die Situation sowohl für die Nutzer des Angebots als auch für die Anwohnerinnen und Anwohner spürbar zu verbessern.

Die Löweneckschule in der Flurstraße
DAZ: Haben sich seit der Eröffnung des Forums die Reinigungs- und Kontrollintervalle im Umfeld der Löweneck-Schule verändert?
Frank Pintsch: Wir haben die Reinigungsintervalle im ganzen Bereich Oberhausen und auch an der Wertach zwischen Ackermannbrücke und Dieselbrücke bereits weit vor dem 1. Juli 2026 erhöht, da dies auch ein nachvollziehbarer Wunsch aus der Bürgerbeteiligung war. Städtisches Personal des Stadtreinigungsbetriebs und weiterer Dienststellen ist nun täglich bzw. mehrfach täglich vor Ort und geht auch den Hinweisen und Beschwerden konsequent nach.
DAZ: Wie oft ist der Ordnungsdienst vor Ort, mit welcher Personalstärke und welches Umfeld wird dabei ungefähr bestreift?
Frank Pintsch: Der Ordnungsdienst bestreift das Forum und die dazugehörige Umgebung von Montag bis einschließlich Samstag mit 3 bis 4 Mitarbeitern. Wenn der Ordnungsdienst nicht vor Ort ist, wird die PI West gebeten, die Örtlichkeit zu bestreifen. Hier findet ein enger Austausch zwischen Ordnungsdienst und Polizei statt.
Die bei St. Johannes eingeteilten Kollegen kontrollieren die Wertachbrücke, die Donauwörther Straße im Bereich des Forums, den Friedensplatz, den Paul-Ben-Haim-Weg, den Hettenbachpark, den Seitzsteg und die Schöpplerstraße. Kleinere Straßen und Flächen, die sich ebenfalls in dem genannten Gebiet befinden, werden bei Auffälligkeiten oder vorhanden Beschwerden natürlich ebenfalls geprüft und sporadischen Kontrollen unterzogen.
DAZ: Und wie viele Klientinnen und Klienten kommen täglich in die Einrichtung?
Frank Pintsch: Das Suchthilfeangebot wird gut angenommen. Derzeit besuchen durchschnittlich rund 100 Personen pro Tag die Einrichtung.
DAZ: Wie ist die Löweneck-Schule in das Sicherheits- und Umfeldkonzept eingebunden? Gibt es inzwischen einen regelmäßigen Austausch mit der Schulleitung und der Elternvertretung?
Frank Pintsch: Ich hatte mit der Schulleitung im Rahmen der Diskussion um das Forum St. Johannes direkten Kontakt und auch über das Sicherheitskonzept gesprochen. Das Gespräch war sehr intensiv, weil es von vielen Herausforderungen der Schulfamilie geprägt war. Die jetzigen Fragen zeigen auch, dass unser Kontakt zu den Schulen noch stärker werden muss und wir hier als Stadt noch aktiver werden müssen.
Die beiden Hausleiter von St. Johannes werden direkt mit der Schulleitung und mit der Elternvertretung direkten Kontakt aufnehmen und sind jederzeit ansprechbar. Mit dem Ordnungsdienst sind wir seit Schulbeginn zusammen mit der Polizei an den Schulwegen stark präsent und natürlich haben wir Oberhausen und die dortigen Schulen intensiv im Blick. Das gilt für das Thema der Schulwegsicherheit und der Rücksichtnahme im Straßenverkehr, das gilt aber auch und besonders für einen sicheren Schulweg mit Blick auf einen sicheren öffentlichen Raum und das Thema Sucht.
Und vielleicht als zusätzliche Information: Es gibt inzwischen mehrere Gesprächs- und Informationswege. Die Stadt Augsburg hat für das Forum St. Johannes eine städtische Hausleitung mit zwei versierten Kollegen als festen Ansprechpartner eingerichtet. Die Hausleitung hat sich bereits bei vielen Einrichtungen im Umfeld vorgestellt und macht dies weiter. Die direkte Ansprechbarkeit wurde auch schon von den Leitungen genutzt und man sieht an den Beispielen, dass die Hausleitung sich zu einem „Kümmerer“ im Quartier entwickelt, die Anliegen aufnimmt, die weit über das Forum St. Johannes hinausgehen.
Der eigens eingerichtete Einrichtungsbeirat für das Forum St. Johannes wurde Ende 2025 um eine Vertretung aus dem Kinderarbeitskreis Oberhausen erweitert, der auch die Schulen vor Ort vertritt. Dieser ist fester Bestandteil des Einrichtungsbeirats.
DAZ: Kommen wir noch einmal zu den Spritzenabwurfbehältern. Sind sie Bestandteil des Sicherheits- und Sauberkeitskonzepts – und warum wurde gerade dieser Standort gewählt?
Frank Pintsch: Spritzenabwurfbehälter sind Bestandteil des vom Stadtrat beschlossenen Sicherheits- und Sauberkeitskonzepts. Und sie sind auch von vielen Bürgerinnen und Bürgern in den Diskussionsveranstaltungen gefordert worden. Sie werden genauso wie Müllkörbe dort aufgestellt, wo verstärkte Verunreinigungen zu finden sind und befinden sich an mehreren Orten im ganzen Stadtgebiet, aber eben auch an der Wertach.
Der jetzt in Rede stehende Ort, an dem ein Abwurfbehälter aufgestellt wurde, ist ein unbefestigter Zugangsweg zur Wertach mit einer Brücke, der schon seit Jahren und bekanntermaßen immer wieder gereinigt werden muss. Wir haben jetzt mit dem Abwurfbehälter, dem Einsatz von Streetwork und nicht zuletzt der regelmäßigen Patrouille des Ordnungsdiensts erstmals eine systematische Herangehensweise, den Zustand an diesem Ort zu verbessern.
Hier ist mir eine Klarstellung wichtig: Die Spritzenabwurfbehälter werden nicht installiert, um Drogenkonsum an dieser Stelle zu dulden. Das Gegenteil ist der Fall. Dies zeigt auch die Verbindung zu regelmäßigen Kontrollen durch Ordnungsdienst und Polizei. Beide Maßnahmen zusammen lindern aber die Verschmutzung und damit die Beeinträchtigung im öffentlichen Raum. Nur beide Herangehensweisen zusammen versprechen eine effektive Verbesserung.
Spritzenabwurfbehälter sind ein Teil des Gesamtkonzepts. Die Standorte werden mit den Sicherheitsbehörden und den Fachkräften aus dem Gesundheits- und Sozialbereich zuvor besprochen.
Es wurde auch schon einmal von einem Bürger gefordert, diese Abwurfbehälter ganz zu entfernen. Der Einrichtungsbeirat von St. Johannes, in dem auch Anwohnende, Vertreter der Oberhauser Vereine, Gesundheitsfachleute und Menschen der Sicherheitsbehörden sowie Stadträtinnen und Stadträte sitzen, hat sich einstimmig dafür ausgesprochen, das Konzept der Abwurfbehälter beizubehalten. Als Ordnungsreferent unterstützte ich das ebenfalls. Die Erfahrung in allen Städten zeigt, dass durch diese Behälter kein neuer Konsum erzeugt wird, jedoch die Sauberkeit verbessert werden kann.
DAZ: Sie haben damit ein Konzept beschrieben, das auf mehrere Instrumente gleichzeitig setzt. Ein besonders umstrittener Punkt ist dabei der Drogenkonsumraum. Hat die Stadt hierzu bereits einen Vorstoß bei der Bayerischen Staatsregierung unternommen?
Frank Pintsch: Ja, die Stadt Augsburg hat sich im Mai 2024 schriftlich an die Bayerische Staatsregierung gewandt und darum gebeten, für das Forum St. Johannes ein Modellprojekt auf Basis der strengen Vorgaben des § 10 a BtMG zu ermöglichen. Hierzu gibt es auch einen gültigen Stadtratsbeschluss. Hier sehen wir auch eine enge Kooperation der Städte Augsburg und Nürnberg, die beide mit großem Ernst und wissenschaftlich begleitet das Thema voranbringen wollen.
Die neuen Grundsätze der Bayerischen Staatsregierung zur Suchtpolitik in Bayern nehmen viele richtige Punkte auf und bringen das schwierige Thema voran. Die Einrichtung eines Konsumraums wird aber dort noch nicht ermöglicht, da müssen wir weiter Überzeugungsarbeit leisten.

Wo soll der Konsum stattfinden?
Auch hier: Drogenkonsumräume sind allein nicht die vollständige Lösung und werden die Probleme der Suchterkrankung nicht verschwinden lassen. Und ich kenne auch die juristischen Argumente dagegen. Ich sehe aber auch die Realität: Die Frage, wo Konsum stattfindet, ist da und wird zurecht gestellt. Ein Drogenkonsumraum kann m.E. die ärztliche Anbindung weiter verstärken und die Auswirkungen von Konsum im öffentlichen Raum weiter lindern.
Mit der Regelung im BtMG liegt auch eine gesetzliche Regelung, also eine Wertung und Entscheidung des Gesetzgebers, vor. Dies ist der Grund, warum ich mich in einer Abwägung dafür ausspreche und auch weiterhin auf den mir zur Verfügung stehenden Wegen dafür arbeite. Da bin ich übrigens völlig einer Meinung mit dem neuen Oberbürgermeister und wir stimmen uns eng ab.
Ich fand es übrigens ein ganz starkes Zeichen, dass der neue Oberbürgermeister mit mir in den vergangenen Tagen selbst an einem Schultag ab 7.30 Uhr für längere Zeit vor Ort war und sich ein eigenes Bild von der Einrichtung und dem Umfeld gemacht hat. Ich bin dankbar, dass wir hier am gleichen Strang ziehen und eine der schwierigsten Themen für die Stadt Augsburg und alle Städte – nämlich die Auswirkungen von Sucht – weiterhin beherzt angehen.
DAZ: Was erwarten Sie konkret von einem legalen Drogenkonsumraum – insbesondere mit Blick auf die im öffentlichen Raum zurückgelassenen Spritzen?
Frank Pintsch: Meine Auffassung ist, dass wir die Sauberkeit im öffentlichen Raum – die ja Quelle des Unmuts ist – weiter verbessern könnten und zudem das Hilfeangebot verbessern könnten. Ich sehe hier zwei Seiten der gleichen Medaille. Ja, das wäre wohl eine zu erwartende Wirkung. Die Frage der Einrichtung eines Drogenkonsumraums ist ambivalent zu sehen, aber aus den schon genannten Gründen spreche ich mich für eine solche Einrichtung – gerne auch zunächst nur unter klar umrissenen Bedingungen und als Testphase – aus. Wir brauchen eine politische Antwort auf die Frage, wie wir die Folgen des Konsums weiter reduzieren können.
Die Einrichtung eines Konsumraums ist ein weltweit in Fachpublikationen vorgeschlagenes und evaluiertes Instrument. Nicht, und das muss ich nochmal betonen, weil es alle Probleme auf einmal lösen wird. Das kann auch ein Konsumraum nicht. Aber er ist ein weiterer Baustein in einem Gesamtkonzept, der die Situation verbessern kann und Konsum und Spritzen im öffentlichen Raum reduziert.
Die Erfahrung zeigt tatsächlich, dass Drogenkonsum, der nicht im geschützten Rahmen unter hygienischen Bedingungen und medizinischer Aufsicht stattfindet, dann eben in der Öffentlichkeit wahrnehmbar und „ungeschützt“ und allzu oft unhygienisch stattfindet. Neben der Verschmutzung des öffentlichen Raums etc. bringt dieser Umstand auch die konsumierenden Menschen in Gefahr, wenn in einem Drogennotfall keine sofortige medizinisch geschulte Hilfe bereitsteht. Insbesondere aus Präventionssicht sind die faktischen Drogenkonsumorte ein Problem.
Allein ein repressives Vorgehen kann hier angesichts dessen, dass es sich um ein krankheitsbedingtes Verhalten der betroffenen Menschen handelt, meines Erachtens aber keine Abhilfe schaffen. Auch das gehört zur Wahrheit. Allein der Ruf nach „mehr Polizei“ wird das Problem nicht lösen. Es wird nur in einem integrierten und gut austarierten Zusammenspiel aus präventiven und repressiven Mitteln gehen und seine Zeit brauchen. Aber auf diesem Weg sind wir.
Ein Modellprojekt auf Basis der strengen Vorgaben des § 10 a BtMG könnte hier weiter Abhilfe schaffen. Mir ist wichtig, dass die Menschen im Stadtteil spüren: Die Behörden nehmen ihre Sorgen ernst und handeln auf Grundlage fachlicher Empfehlungen. Dass das noch nicht vollständig gelingt, ist offensichtlich. Ob ein Drogenkonsumraum helfen kann, müsste ein Modellprojekt unter den strengen gesetzlichen Vorgaben zeigen. Die Akzeptanz der Anwohnerinnen und Anwohner würde aber meines Erachtens gestärkt.
Und vielleicht auch noch ein Wort zur Arbeit der Polizei: Die Zusammenarbeit zwischen den Augsburger Polizeibehörden und der Stadt Augsburg ist äußerst eng und kooperativ. Dies gilt insbesondere bei der Bekämpfung von Sucht und Drogenkriminalität. Ich weiß, dass die Augsburger Polizei mit Nachdruck an der Ermittlung und Bekämpfung von gewerbsmäßigem Drogenhandel und Kriminalität arbeitet und unterstütze diesen klaren Kurs ausdrücklich. Er ist auch im eindeutigen Interesse der Stadt.
Zugleich nehme ich wahr, wie eng abgestimmt sowohl die Polizei als auch die Stadt im öffentlichen Raum agieren, um das Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger anzusprechen, zugleich aber auch nicht unnötig zu kriminalisieren und die Freiheitsrechte einzuschränken. Das ist oft keine leichte Abwägung, aber in Augsburg gelingt sie an sehr vielen Stellen.
DAZ: Bleiben wir zum Schluss noch bei der aktuellen Situation vor Ort. Plant die Stadt angesichts der Beschwerden weitere Maßnahmen – insbesondere mit Blick auf den Eingangsbereich des Forums und den Schutz der Schülerinnen und Schüler?
Frank Pintsch: Die erhöhte Präsenz der Hausleitung, des Ordnungsdienstes und die Ansprechbarkeit und rasche Reaktion bei allen Meldungen habe ich schon erwähnt. Ganz wichtig ist der direkte Kontakt zur Schule, den wir jetzt intensiver gestalten müssen. Diese direkten Kontakte sind entscheidend. Wir sind alle tagtäglich vor Ort, ich selbst auch mehrfach wöchentlich. Zusammen mit der Bildungsreferentin gehen wir hier in die Gespräche, wofür ich sehr dankbar bin. Die Zusammenarbeit auch in der Stadtspitze ist mit entscheidend.
Ein Punkt, an dem wir mit Nachdruck arbeiten müssen, ist die Eingangssituation an der Donauwörtherstraße. Ich verstehe, dass Menschen sich dort beeinträchtigt fühlen, wenn mehrere Menschen vor dem Eingang stehen. Wir erarbeiten hier gerade an einem Konzept, um das sichtbar zu verbessern.
Wichtig ist, nicht nur auf Schreiben zu reagieren und deren Hintergrund einzuschätzen, sondern ein objektives Bild der Situation zu erhalten. Dazu gehören auch die Einschätzungen der Polizei, der Rettungsdienste und von Anwohnerinnen und Anwohnern und Gewerbetreibenden, die sich ggf. nicht schriftlich äußern, und auf die wir aktiv und im vertraulichen Rahmen zugehen.
Die Zahl der Rettungsdiensteinsätze ist z.B. zurückgegangen, was gut ist und ein erster Effekt sein könnte. Ich bin übrigens auch dankbar, dass viele Stadträtinnen und Stadträte sich schon vor Ort ein eigenes Bild gemacht haben und wir hierzu im Austausch sind.
Es ist ganz wichtig, dass die vom Stadtrat beschlossene Hausordnung – auch im Eingangsbereich der Einrichtung – eingehalten wird. Im Haus gelingt das schon sehr konsequent, im Eingangsbereich muss es noch unstreitig gesteigert werden.
Wir nehmen übrigens auch auf, woher die Klientinnen und Klienten kommen, dies über die Postleitzahl des Wohnsitzes. Und da ist es so, dass sehr viele – wie erwartet – aus Oberhausen und Augsburg kommen. Die Aussage, dass die Einrichtung vor allem vor Ort im Stadtteil für die dort lebenden Menschen ihre entlastende Wirkung entfalten kann, scheint sich also Stand jetzt zu bestätigen. Das werden wir natürlich weiter beobachten, aber aktuell ist das die Lage.
Der Kontakt zu den Anwohnenden und den Engagierten vor Ort ist seit Beginn der Diskussion nicht abgerissen und vorhanden. Zum Teil gibt es täglichen Kontakt. Es ist aber auch richtig: Wir alle bearbeiten gerade eine der schwierigsten Themen, denen man sich stellen kann. Das macht die Gespräche für alle Seiten auch herausfordernd, da gibt es nichts zu beschönigen. Diesen Anliegen muss sich die Stadt und ich mich stellen.
Eine weitere Realität lautet: Es gibt eine welt- und deutschlandweite Entwicklung, die auf die zunehmende Verwendung von synthetischen Drogen hinweist. Das wird ein zunehmendes Problem werden. Ich betrachte es als meine Aufgabe als Ordnungsreferent, dass wir diese Entwicklung fest im Blick behalten und bestmöglich darauf reagieren.
Aktuell sind wir mit vielen Maßnahmen, und dazu gehört auch das Forum St. Johannes und die weiteren Einrichtungen in verschiedenen Stadtteilen, ein Stück weit vor der Lage. Fakt ist, dass das Thema deutschlandweit eine Riesenherausforderung werden wird.
Ich weiß aber auch, dass sehr viele Menschen in Augsburg – die Substitutionsärzte, engagierte Bürger, die Sozialarbeiter, der Ordnungsdienst, die Polizei, das Bezirkskrankenhaus, der Bezirk Schwaben, die Rettungsdienste, die Kirchen und Sozialverbände, der Straßenreinigungsbetrieb, die Justiz, die Jugendarbeit, die Schulen, die Präventionsverbände, die Leitungen der Institutionen, auch die Parteien, um nur einige zu nennen – mit uns an diesem schwierigen Thema arbeiten. Das macht mich zuversichtlich, auch wenn der Weg und die Diskussionen sicherlich weiterhin viel Einsatz erfordern werden.
DAZ: Herr Pintsch, vielen Dank für das Gespräch, die Führung und die ausführliche Beantwortung unserer Fragen!
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Das Interview führte Bruno Stubenrauch.




